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Leben an der Autobahn

09.08.2019

Abendbrot im Abendrot - zu Gast bei Fernfahrern an der A8

Wenn es Abend wird an den Autobahnraststätten, sind die Lkw-Plätze alle voll. Die Fahrer richten sich in ihren engen Kabinen auf die Nacht ein. Für viele ist es immer noch ein Traumjob.
Bild: Michael Eichhammer

Plus Zeitdruck, Autobahnlärm und eine enge Kabine: Viele Lastwagenfahrer verbringen ihre Nacht an der Autobahnraststätte. Wie leben sie dort? Ein Besuch.

Zugegeben: Die Autobahn ist nicht die perfekte Kulisse für einen pittoresken Sonnenuntergang. Andrej Partor steht der Sinn ohnehin nach Abendbrot statt Abendrot. Der Brummi-Fahrer aus der Ukraine wird heute Nacht an der Autobahnraststätte Augsburg-Ost schlafen und morgen früh seine Fracht entladen. Vorher kehrt er im Serways-Restaurant ein. An manchen Wochenenden grillen er und andere Lkw-Kapitäne am Parkplatz, was von der Polizei meist geduldet werde. Seit sechs Monaten ist der 55-Jährige für eine slowakische Firma quer durch Europa unterwegs.

Otto Hohensinner hat in zehn Jahren 1,6 Millionen Kilometer geschafft

Ein paar Meter weiter parkt ein Sattelschlepper mit österreichischem Kennzeichen. Otto Hohensinner aus Weiz in der Steiermark genießt im Fahrerhaus die Kühle der Klimaanlage und die seines Feierabendbieres. Dass er heute hier schlafen wird, war nicht geplant. Im Verkehrsfunk hat er erfahren, dass es eine Karambolage bei Günzburg gab, die zwölf Kilometer Stau verursacht. „20:45“ liest der 55-Jährige auf seiner Armbanduhr ab und sagt: „Ich hatte Glück, dass ich um die Zeit noch einen Parkplatz bekommen habe.“

Otto Hohensinner stammt aus der Steiermark und hat in zehn Jahren 1,6 Millionen Kilometer „geschafft“.
Bild: Michael Eichhammer

Dass er sich auf seine Nachtruhe freut, ist schwer nachvollziehbar: Die Dimensionen der kargen Schlafstätte hinter dem Fahrersitz erinnern eher an ein Kinderbett. Belastender sind aber der tägliche Zeitdruck und die Dumpinglöhne. Otto Hohensinner ist dennoch einer der wenigen deutschsprachigen Fahrer, die das Truckerleben noch immer als Traumjob empfinden. „Ich mache das seit 36 Jahren“, sagt er stolz, „seit meinem elften Lebensjahr wollte ich Lkw-Fahrer werden.“ In zehn Jahren sei er mal 1,6 Millionen Kilometer gefahren. „Das bringst du heute nicht mehr zusammen: Die deutsche Autobahn ist der größte Parkplatz Europas“, lamentiert der Straßen-Kapitän.

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Es gibt Zufallsbekanntschaften, die wachhalten

Die A8 ist eine der Hauptschlagadern für den internationalen Güterverkehr. Die Fahrzeuge kommen wie ihre Piloten aus aller Herren Länder. Neben Straßengiganten aus unseren Nachbarländern finden sich auch welche aus der Türkei, sogar aus Iran, Aserbeidschan oder Tunesien. Meist sind die Fahrer einsame Wölfe. Ein Tag hinterm Lenkrad schlaucht. Oft will man danach nur noch seine Ruhe haben. Doch gibt es auch Zufallsbekanntschaften, die einen wachhalten: „Manchmal kommst du ins Gespräch im Lokal und redest, bis die einen wegen der Sperrstunde rauswerfen“, sagt Hohensinner.

Der gebürtige Augsburger Gerhard Glossner stoppt regelmäßig bei Augsburg-Ost.
Bild: Michael Eichhammer

Gerhard Glossner gönnt sich im Restaurant nur eine Flasche Cola. Der 57-Jährige kehrt quasi zu Hause ein: Er ist gebürtiger Augsburger. Bis zur Wirtschaftskrise 1993 saß er nicht hinterm Lenkrad, sondern stand vor Fotokopierern, die er reparierte. Heute transportiert Glossner für ein deutsches Unternehmen Holzsorten an Baumärkte. Um 13 Uhr startete seine Tour im oberbayerischen Haag. Jetzt ist es 21 Uhr und nach dem Schluck Koffein wird Glossner es sich im Führerhaus gemütlich machen. So gemütlich man es sich eben machen kann auf einem 80 Zentimeter breiten Bett. Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos ist nicht ganz so idyllisch wie das Meeresrauschen.

Mindestens einmal in der Woche übernachtet Glossner in „Augsburg-Ost“. Einmal wurde er von der Polizei geweckt, weil er sich aus Platznot mit seinem Sattelzug noch vorn hingedrängt hatte. So nah am Einfahrtsbereich, dass Unfallgefahr bestünde, fanden die Polizisten. Am Ende kostete ihn diese Nacht mehr als ein Motelzimmer: 98,50 Euro. Dafür, dass die Polizei kein Verständnis für seine Not hatte, hat er kein Verständnis.

Damit beide Seiten mehr über die Perspektive des anderen erfahren, lädt die Verkehrspolizei Augsburg alle zwei Monate zum Fernfahrerstammtisch ins Fastfood-Restaurant. „Kaum ein Beruf ist so belastend wie der des Fernfahrers“, sagt Polizeihauptkommissarin Stephanie Kast, die den Stammtisch mit betreut. „Die Polizei wird leider oft nur mit Sanktionen in Verbindung gebracht, aber das stimmt nicht: Unser Ziel ist der Schutz der Fahrer – und damit aller übrigen Verkehrsteilnehmer.“

Wenn viel lost, können es an einem Tag schon mal 5000 Gäste sein

Zurück im Restaurant. Dort sorgen 60 Mitarbeiter dafür, dass die Autobahn-Gastronomie rund um die Uhr geöffnet ist. 365 Tage im Jahr. „An einem reisestarken verlängerten Wochenende, wenn mehrere Bundesländer zeitgleich Ferien haben, heißen wir hier rund 5000 Besucher willkommen“, sagt ein Sprecher der Tank & Rast Gruppe. Und auch wenn sich heute vieles im Wandel befindet, die beliebteste Mahlzeit für die schnelle Stärkung zwischendurch zu jeder Tages- und Nachtzeit ist unverändert derselbe Klassiker: „Bockwurst im Brötchen“, verrät Standortleiterin Carmen Peist.

Unsere Sommerserie: Leben an der Autobahn:

Die Autobahn A 8 ist eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen in Mitteleuropa. Güter werden transportiert, Pendler fahren zur Arbeit, Urlauber steuern ihre Ferienziele an. Die A 8 ist auf 100 Kilometern eine der Lebensadern in Bayerisch-Schwaben. Schon 1938 eröffnet, ist sie seit 2015 auf sechs Spuren ausgebaut und als eine der ersten Autobahnen als Public-private-Partnership finanziert. In unserer Sommer-Serie rücken wir „unsere“ Autobahn einmal näher in den Fokus: Was passiert da so alles auf der Autobahn und nebendran? Wie leben Menschen an der Autobahn? Wer arbeitet dort? Lassen Sie sich überraschen.

Hier finden Sie dis bisherigen Folgen unserer Sommerserie:

Teil 1: Autos rasen, Rinder grasen: Wie reagieren die Tiere an A8 auf Lärm?

Teil 2: Kampf gegen Lärm: Anwohner geben nicht auf

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