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29.11.2017

Ägäis wird zur Todesfalle für Erdogan-Gegner

Blick auf Lesbos. Nun versuchen auch türkische Flüchtlinge, die griechische Ägäis-Insel zu erreichen.
Bild: Kay Nietfeld, dpa

Entsetzen nach Tod einer fünfköpfigen Familie bei der Flucht nach Lesbos.  Druck gegen tatsächliche oder vermeintliche Regierungskritiker ist extrem

Istanbul Der Familienvater wusste keinen Ausweg mehr. Er sah die gefährliche Überfahrt von der türkischen Küste zur griechischen Insel Lesbos als letzte Rettung für seine Frau, seine drei Kinder und für sich selbst. „Wir gehen ins Ungewisse“, soll er einem Bekannten noch gesagt haben. Wenig später wurde seine Leiche auf Lesbos gefunden, auch seine Frau und seine Kinder ertranken. An die Geschichten verzweifelter Flüchtlinge aus Syrien, die in der Ägäis ihr Leben riskieren, hat sich die Welt gewöhnt. Doch die Familie, die vorige Woche auf dem Weg nach Lesbos starb, war nicht aus Syrien, sondern aus der Türkei. Ihr Schicksal wirft ein Schlaglicht auf eine bisher wenig bekannte Seite der Verfolgung mutmaßlicher Regierungsgegner durch die Regierung.

Rund 150000 Staatsbedienstete sind seit dem Putschversuch des vergangenen Jahres entlassen worden, mehr als 50000 Verdächtige sitzen im Gefängnis. Aus Sicht der Regierung ist die Verhaftungswelle notwendig, um das Netzwerk des mutmaßlichen Putsch-Führers Fe-thullah Gülen zu zerstören, doch Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan sprechen von einer Hexenjagd auf Kritiker jedweder Couleur. Die Regierung schätzt die Zahl von Gülen-Anhängern im Land auf etwa 250000. Rechnet man die Familienangehörigen hinzu, kommt man auf rund eine Million Menschen.

Selbst ohne Untersuchungshaft bedeutet der Vorwurf der Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung den Ruin für tausende Familien. Angebliche Gülen-Anhänger finden keine geregelte Arbeit mehr und müssen sich mithilfe von Ersparnissen und Gelegenheitsjobs durchschlagen. Wenn das Geld aufgebraucht ist, wissen viele nicht mehr weiter.

So ging es auch Hüseyin Maden, einem 40-jährigen Physiklehrer an einem Gymnasium in der Kleinstadt Daday in der Schwarzmeer-Provinz Kastamonu. Mit seiner Frau Nur, einer Grundschullehrerin, und den drei Kindern Nadire, 13, Nur, 10, und Feridun, 7, führte Maden ein ruhiges Leben, laut Medienberichten war er ein bei Schülern und Vorgesetzten beliebter Lehrer. Die Idylle endete drei Monate nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016. Per Regierungserlass wurden Maden und seine Frau aus dem Staatsdienst entfernt und wegen Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung angeklagt. Nur Maden wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, blieb vorerst aber auf freiem Fuß. Vor wenigen Monaten soll Hüseyin Madens Name dann auf einer Liste angeblicher hoher Gülen-Vertreter in der Türkei aufgetaucht sein – ihm drohte ein neuer Prozess. Aus Angst vor der Polizei verließen die Madens ihre Heimatstadt und kamen bei Bekannten unter. Als das Geld zur Neige ging, beschloss Hüseyin Maden, die Flucht nach Griechenland zu wagen. Die 10000 Euro oder mehr, die von Menschenhändlern für eine fünfköpfige Familie verlangt werden, waren für die Madens unerschwinglich. Hüseyin Maden kratzte deshalb seine letzten Ersparnisse zusammen, kaufte sich an der Ägäis-Küste ein klappriges altes Boot, ließ sich kurz die wichtigsten Dinge erklären und fuhr mit seiner Familie los – in den Tod.

In der Türkei sorgt das Schicksal der Familie für großes Aufsehen – schließlich seien viele Menschen im Land in einer ähnlichen Situation, schrieb der Menschenrechtsaktivist Ömer Faruk Gergerlioglu in einem Beitrag für die regierungskritische Nachrichtenplattform Artigercek. Die Madens sind bei weitem nicht die ersten und wohl auch nicht die letzten mutmaßlichen Gülenisten, die nach Europa fliehen wollen. Fast jede Woche melden die Zeitungen die Festnahmen von Menschen, die sich über die Ägäis oder den Grenzfluss Maritza nach Griechenland absetzen wollen. „Menschen sterben auf der Flucht aus einem Land ohne Demokratie und Rechtsstaat“, schrieb Gergerlioglu auf Twitter.

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