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Soziales

15.10.2015

Asyl: Verdruss in der Hammerschmiede

William Nguyen schilderte die Situation seiner Eltern, die in dem Gebäude ein Thai-Restaurant betreiben. Das Lokal soll ausziehen.
Bild: Annette Zoepf

Bei einer Infoveranstaltung zur geplanten Flüchtlingsunterkunft in der Neuburger Straße reden sich Kritiker so in Rage, dass sie einen Platzverweis der Polizei riskieren. Es geht auch um die Zukunft einer Gaststätte

Eine Pfarrgemeinderätin zeigt sich an dem Abend in der Hammerschmieder Christkönigskirche richtig verärgert. Wie 500 weitere Bürger folgte sie der Einladung des Sozialreferenten Stefan Kiefer zu einer Infoveranstaltung über eine geplante Flüchtlingsunterkunft im Viertel. 60 Menschen sind hier bereits in einer Pension untergebracht, um die sich die 67-Jährige mit etwa 40 weiteren Helfern der Pfarrei kümmert. „Wie empathielos die Leute heute Abend hier über Menschen reden, die eine gefährliche Flucht hinter sich haben – das macht mich richtig wütend. Die meisten von denen oder ihre Eltern kamen nach dem Krieg doch selbst als Flüchtlingsfamilien hier an“, so ihr Kommentar.

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Auf der Veranstaltung, die wegen des großen Andrangs vom Pfarrheim in die Kirche verlegt worden war, ging es zeitweise turbulent zu. Dabei ist der Aufreger bisher nur ein Plan: Ein paar Meter südlich der Kirche, an der Neuburger Straße 238, will ein Eigentümer ein Gebäude sanieren und anschließend für die Unterbringung von 50 Flüchtlingen an die Stadt vermieten. Lange war hier die Wirtschaft „Heimstätte“ Treffpunkt der Siedlergemeinschaft. Wie die gesamte benachbarte Siedlung wurde sie nach dem Krieg von etwa 300 vertriebenen Familien aus dem Sudetenland und den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufgebaut.

Im Bewusstsein der an diesem Abend offensichtlich gut vertretenen Siedlergemeinschaft Hammerschmiede Süd ist das Haus fest mit ihrer Migrationsgeschichte verbunden. „Da stecken gewachsene Strukturen dahinter“, erklärt Klaus Kirchner, der selbst „Vertriebener“ war und sich noch gut an den Aufbau der Häuser erinnert. Kirchner war lange Stadtratsmitglied (SPD) und ist heute Vorsitzender des AWO Kreisverbandes Augsburg Stadt. Dass hier jetzt Flüchtlinge aus dem Nahen Osten angesiedelt werden sollen, bezeichnet er am Rande der Veranstaltung als „pervers“.

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Dass die Vertriebenen sich den Vergleich mit den heute nach Deutschland flüchtenden Menschen verbieten, macht ein wütender Zwischenrufer lautstark deutlich. Er wurde schließlich von Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) zu Disziplin ermahnt und von der anwesenden Polizei unter Androhung eines Platzverweises zur Raison gebracht. Die Erregung eines großen Teils der Bürger konnte das nicht dämpfen.

Was den Konflikt, der sich um das Haus zwischen Stadt und Anwohnern abzeichnet, verkompliziert, ist die Kündigung der derzeitigen Pächter Nguyen durch die Hauseigentümerin Postbräu Thannhausen Schreiegg GmbH. Seit zwei Jahren betreibt Familie Nguyen das Thai-Restaurant und hatte sogar Kaufinteresse signalisiert. Finanzierung und vorläufiger Kaufvertrag standen, als Geschäftsführerin Anna-Dina Goltermann-Priller im Sommer plötzlich einen Rückzieher machte und zunächst eine fristlose, dann eine Kündigung mit sechs Monaten Frist schickte. „Das Haus ist 60 Jahre alt, es muss dringend saniert werden“, erklärt sie auf der Versammlung. Dass die Kündigung in Zusammenhang steht mit der städtischen Objektsuche für Flüchtlinge, bestreitet sie und stellt klar: „Wir werden für 750000 Euro sanieren. Ob Flüchtlinge oder nicht: Eine Gastronomie wird es danach nicht mehr geben.“ Der Familie kündigte sie an, die schon lange versprochenen Vorschläge für Alternativstandorte nächste Woche vorzulegen. „Wir werden abwarten und uns anschauen, was passiert“ erklärte Sohn William Nguyen auf Nachfrage. Er studiert in München, das Einkommen aus der Gaststätte, die etwa 1500 Euro Pacht im Monat koste, sichere auch seine Existenz. Die Kritik der Familie richte sich nicht gegen Flüchtlinge. „Wir sind selber welche, ich wurde nach dem Vietnam-Krieg in einem Asylbewerberlager in Altötting geboren.“

Der Umgang mit den Pächtern bringt viele gegen Goltermann-Priller auf. Sie vermuten, dass das derzeitige Pachteinkommen – sollte die Stadt am Ende den Mietvertrag unterschreiben – nicht mit den in Aussicht stehenden staatlichen Mieteinnahmen von 180000 Euro im Jahr konkurrieren kann. Eine Bürgerin bezweifelt zudem, dass in dem Keller wie geplant – selbst nach Einbau von „Lichtschächten“ – Menschen wohnen können.

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Die Diskussion ist geschlossen.

15.10.2015

@ Redaktion
Wie oft wird dieser Bericht eigentlich noch abgeändert? Es liest sich immer noch "radikaler" ...
Von der "LP" ist leider nichts anderes zu erwarten ...
@ Alle Leserinnen und Leser
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,
dies ist mein erster Leserkommentar überhaupt.
Ich sehe mich hierzu veranlasst, da ich den Eindruck gewinne, dass man die an der o. g. Bürgerversammlung beteiligten Menschen in eine "gewisse Ecke" stellen will; dies wird leider besonders gerne beim Thema Asyl so gemacht.
Ich war selbst bei dieser Bürgerversammlung anwesend und werde nunmehr die Dinge aus meiner Sicht schildern bzw. richtig darlegen:
1. Alleine schon die Überschrift: Von "Verdruss in der Hammerschmiede" kann gar keine Rede sein! Es wurden auch viele Kommentare und Meinungen "für Asylbewerber" abgegeben!
2. ... reden sich Kritiker so in Rage ... : Es war 1 einziger Teilnehmer !!!
3. ... Wie empathielos die Leute ... reden ... : Das ist Ansichtssache !
4. ... ging es zeitweise turbulent zu: Aus m. S. hatte daran in erster Linie Herr Dr. Kiefer die Schuld:
So ein Auftreten habe ich selten erlebt. Arroganz, Oberlehrerhaftigkeit und am schlimmsten: Keine Kritikfähigkeit !!
5. ... Aufreger ... nur ein Plan: Wer die Aussagen genau verfolgt hat (gewisse "Signalworte") hat genau hören können, dass die Sache "längst beschlossen" ist !!
6. ... ein paar Meter südlich der Kirche: Hat die Autorin in Geographie eine Ahnung?
7. Lange war hier ... Treffpunkt ... : Hat die Autorin richtig zugehört? Das Gebäude wurde bereits einige Zeit nach seiner Errichtung und besagter Nutzung an die Brauereigesellschaft verkauft.
8. Im Bewusstsein ... offensichtlich gut vertretenen Siedlergemeinschaft ... : Diese Aussage lässt auf eine "Zusammenrotten" schließen und ist so nicht richtig !!
9. ... bezeichnete er am Rande ... pervers ... : Hierzu kann ich nichts sagen. Herr Dr. Kirchner hat bei der Versammlung als einer der ersten Redner völlig ruhig, sachlich und m. E. korrekt die Lage der Dinge vorgetragen. Als "Dankeschön" wurde er anschließend von Herrn Dr. Kiefer "gemaßregelt" !!
10. ... wurde ... vom Sozialreferenten ... Polizei ... Raison gebracht: M. E. hat der Mann auf eine so nicht richtige Aussage von Herrn Dr. Kiefer versucht, das Wort zu ergreifen. Da ihm aber das Mikrofon verweigert wurde, hat er sich (verständlicherweise) in Rage geredet.
Was aber am schlimmsten war: Herr Dr. Kiefer hat diesen Mann, der vermutlich "sein Vater sein könnte", völlig "von oben herab" behandelt, ihn wie ein Oberlehrer seine Schüler, angezählt !!!
(Folgeeditierung/edit/mod)
13. Beifall von bei der Hälfte des Publikums: Das ist die mit Abstand schlimmste Aussage in dieser Reihenfolge, ohne Nennung der Zusammenhänge, überhaupt !!! Hiermit wird der gesamte Stadtteil Hammerschmiede quasi als "braun" oder "radikal" oder sogar als "Brandstifter" gebrandmarkt !!! So eine Aussage geht gar nicht - das ist absolut unverantwortlich !!!!!
14. ... Geschäftsführerin Anna-Dina Goldman-Priller: Wie oben schön erwähnt, habe ich auch bei ihr ein dermaßen arrogantes, selbstgefälliges, kaltes und nüchternes Vorgehen schon lange nicht mehr erlebt !!
15. Dass die Kündigung ... Objektsuche für Flüchtlinge, bestreitet sie ... : Jeder, der bei der Versammlung dabei war und genau hingehört hat, konnte heraushören, dass es nur um die zu erwartenden Mehreinnahmen von Seiten der Stadt Augsburg als Mieter geht; anders ist das "plötzliche Engagement" der Gesellschaft für Instandsetzung nicht zu erklären. Erst lässt man die Immobilie "jahrzehntelang" verfallen, um dann plötzlich einen Grund zu finden, die Mieter zu kündigen, um zu sanieren.
Ein Mann, der auch das Wort ergriffen hat, führte nachvollziehbar aus, in welchem Zeitraum die Gesellschaft mit welchen Einnahmen rechnen kann; derart "überführt" kam Frau Goldmann-Priller sogar ins Stottern ... und Herr Sozialreferent Dr. Kiefer schüttelte verlegen und auch "überführt" mit dem Kopf ... ich nenne das mal "kalt erwischt" !!!
Zusammenfassung:
Es kann nicht angehen, dass bei einer Bürgerversammlung wie dieser, die Vertreter von Stadt, Polizei, Asylsozialberatung, Kirche usw. weit mehr als die Hälfte der geplanten Zeit in Anspruch nehmen, um die Bürger "ruhigzustellen". Die noch verbleibende Zeit ist dann viel zu kurz, dass alle, die das Wort ergreifen wollen, auch zum Zuge kommen.
Den bekannten "Vogel" hat dann wieder einmal Herr Dr. Kiefer "abgeschossen": ... wir müssen dann schon ... zum Ende kommen ... da die Kirche kalt ist !!!
So werden mündige Bürger von offiziellen Stadtvertretern behandelt !!!
Ich wünsche mir, dass künftige Bürgerversammlungen ihrem Namen gerechter werden.

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15.10.2015

@Günter Schmid

Vielen Dank für ihren beherzten Bericht!

Da ich die Geschehnisse in meiner Heimatstadt aus räumlicher Entfernung, (auch) durch die Tagespresse beobachte, stellt sich mir die Frage: sind nun die geschätzen Augsburger oder/auch die Augsburger Allgemeine einen gewissen Rechtsruck erlegen?!?

Sie bestätigen nun meine Vermutung! Die, hier willkommenen, fleissigen Kommentatoren, denen hier immer noch eine Plattform der rechts-konservativen Angst-Agitation geboten wird, tragen zu meiner Einschätzung bei.

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15.10.2015

Lieber Herr Schmid,

ich kann mich Ihren Ausführungen nur anschließen und bedanke mich für diesen

ausführlichen Kommentar. Dem ist nichts hinzuzufügen, denn genau so ist es

abgelaufen.

Eine einzige Enttäusschung ist wie von Ihnen schon geschrieben der Artikel der AZ !!

Ich war ebenfalls vor Ort und kann all Ihre Erläuterungen bestätigen.

Christine S.

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