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Ausstellung

25.10.2017

Beckmann trifft Goya im Holbeinhaus

Sebastian Lübeck mit Sohn Luis vor einem Gemälde, das 2009 unter dem Eindruck von Michael Jacksons Tod und mexikanischen Totenfeiern entstanden ist.
Bild: hks

Sebastian Lübeck malt expressiv, ohne Hehl aus seinen Vorbildern zu machen

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass in Kunsträumen, die nach Altmeistern der Malerei benannt sind, auch Malerei gezeigt wird. Diese drohte bisweilen in multimedialen Wirbeln unterzugehen, sogar totgesagt wurde sie schon. Im Holbeinhaus liefert sie jetzt durch den Augsburger Sebastian Lübeck einen Vitalitätsbeweis. Und das unter Berufung auf Säulenheilige der Malerei wie Goya, Beckmann, Bacon. Hinzukommen von den Lebenden der Mexikaner Gilberto Aceves Navarro, den Lübeck 2004 in Mexiko-Stadt durch eine imposante Schau und auch persönlich kennengelernt hat, sowie Max Kaminski, sein Lehrer und Mentor an der Kunstakademie Karlsruhe. Von all den Genannten hat Lübeck einzelne Porträts gemalt und mehr oder weniger freie Werkzitate in seinen Bildern verarbeitet.

Über die Hälfte der 34 gezeigten Gemälde sind kurzfristig entstanden, nachdem die von der Stadt und der Buchegger-Stiftung ermöglichte Ausstellung im Holbeinhaus terminiert war. Bis dahin hatte Lübeck ein Defizit an frischen Arbeiten vor allem deshalb, weil er enorm viel Kraft in die 2011 von ihm begründete Ausstellungsreihe „contemporallye“ gesteckt hat. Deren letzte Ausgaben fanden 2015 und 2016 in der Industriehalle B12 des Martini-Parks statt, die jetzt als Theater-Provisorium dient. Bei der letzten „contemporallye“ beeindruckten besonders die Metallskulpturen des Straubinger Bildhauers Manfred Heller. Er sprach jetzt bei der Vernissage im Holbeinhaus mit Blick auf Sebastian Lübeck und dessen „brachialen Arbeitseifer“ von einer Kunst, die sich aus der rationalen Welt löse, um aus der emotionalen Welt zu schöpfen. Das heißt aber nicht, losgelöst von der Realität. Ein Bild Lübecks mit einem Haufen nackter Körper wirkt wie eine Szene aus Goyas „Kriegs-Desastern“ im Kolorit von Francis Bacon. Tatsächlich aber liegt ihm das skandalöse Folter-Foto aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib zugrunde. Den „Desastern“ des napoleonischen Krieges in seinem Spanien hatte Goya die „Caprichos“ seiner spanischen Zeitgenossen vorausgeschickt. An sie erinnert auf zwei Lübeck-Großformaten das seltsame Treiben hexenhafter Wesen mit überlangen Spitzhüten, wie sie auch Goyas Verurteilte der Inquisition und Geißelbrüder der Karwoche auf dem Kopf tragen.

Goya umgab Unheimliches. Und diese Aura umgibt weithin auch Beckmann und Bacon, Kaminski und Navarro und ebenso die Malerei des Sebastian Lübeck. Seine Streifenbilder mit Totenkopf und kopflosen Frauenfiguren, auch seine Ansammlung von Navarro-Puppen auf greller Leinwand bezeugen das deutlich.

Und wo bleibt die Individualität? Sie zeigt sich in einer expressiven, auch plakativen Bildfindung, die aus der Auseinandersetzung mit Vorbildern gestärkt hervorgeht. Dabei kann diese Auseinandersetzung so spielerisch sein wie der Bildtitel „Beckmann trifft Goya im Vagabund“.

Ein Sonderreiz der Ausstellung besteht darin, dass Sebastian Lübeck seiner reflektierten Erwachsenenkunst die kindlich-spontanen Bilderwelten seines fünfjährigen Sohnes Luis zugesellt – wenn man so will, auch ein heiter gesetzter anthropologischer Akzent.

im Holbeinhaus (Vorderer Lech) bis 12. November, Di. bis Fr. 15–19 Uhr, Sa. und So. 14–18 Uhr.

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