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Universität Augsburg

30.10.2012

Blinder Jurist kämpft um Helfer

Moritz Bißwanger kann Spitzennoten im Jurastudium vorweisen. Weil er blind ist, braucht er im Alltag Unterstützung. Den Führhund Daggi hat er immer dabei. Eine Assistenzkraft für seine Doktorarbeit bekommt er aber nicht finanziert.
Bild: Peter Fastl

Der blinde Jurastudent Moritz Bißwanger kämpft um einen Zivildienstleistenden, der ihm bei der Promotion zur Seite steht. Der Bezirk Schwaben stellt sich quer.

Moritz Bißwanger, 24, hat Spitzennoten. Vor Kurzem bestand der Jurastudent an der Uni Augsburg erfolgreich sein erstes Staatsexamen. Jetzt will er seinen Doktor machen. Doch Bißwanger, der blind ist, steht vor einem großen Problem: Er braucht einen Helfer, der ihn im Wissenschaftsbetrieb unterstützt. Bislang hatte er einen Zivildienstleistenden an seiner Seite. Der Bezirk Schwaben will ihm aber keine Assistenzkraft mehr finanzieren. Das Argument: Bei einer Promotion handele es sich um keinen beruflichen Abschluss, sondern um eine Weiterbildung. Deshalb gebe es auch keinen rechtlichen Anspruch auf eine Hilfe.

Sein Augenlicht verlor er als Kind

Moritz Bißwanger kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Blinde tun sich im Alltag in vielen Dingen deutlich schwerer als Menschen, die sehen können. Das erlebt er jeden Tag. Trotzdem setzt er alles daran, etwas aus seinem Leben zu machen. Sein Augenlicht verlor er schon als Kind. „Ein Tumor an der Sehnervenkreuzung zog mehrere Operationen nach sich“, erzählt er. In der Folge sei er erblindet.

Trotz allem schaffte er es, in Donauwörth aufs Gymnasium zu gehen und das Abitur zu machen. Er ist der Erste in seiner Familie, der studiert hat. „Meine Promotion muss ich mir selber finanzieren“, sagt der 24-Jährige. Damit er die geplante Doktorarbeit aber in einem angemessenen Zeitraum erstellen kann, braucht er stundenweise eine Assistenzkraft. Und er erklärt auch warum.

Literatur muss aufwendig eingescannt werden

Für die Promotion muss sich der Jurist mit der wissenschaftlichen Literatur auseinandersetzen und dafür viele Bücher lesen. Diese müssen eingescannt werden, damit er sie am Computer in Blindenschrift lesen kann. Im Studium hat der Bezirk einen Zivi finanziert, der Bißwanger bei dieser zeitaufwendigen Arbeit entlastete. „Manchmal geraten beim Scannen Textblöcke durcheinander. Seitenzahlen und Randnummern werden nicht erkannt“, sagt er. Fürs korrekte Zitieren in einer Doktorarbeit sind solche Vermerke aber unverzichtbar. Deshalb sei der aufmerksame Blick eines Helfers auf die Unterlagen so wichtig.

 Diese Assistenz soll der Blinde nun nicht mehr finanziert bekommen. Bißwanger scheiterte mit einem Antrag beim Bezirk Schwaben. Dort pocht die Sozialverwaltung auf das öffentliche Interesse an einem sparsamen Umgang mit Geldern. Dieses habe Vorrang vor den privaten Interessen Bißwangers, seinen Doktor zu machen.

Hohe Ausgaben des Bezirks für soziale Sicherung

Birgit Böllinger, die Pressesprecherin des Bezirks, sagt, in diesem Fall gehe es um eine Eingliederungshilfe für Behinderte. Das Ziel dieser Hilfe sei, behinderten Menschen eine berufliche Ausbildung zu ermöglichen. In diesem Fall reiche die Hilfe bis zum ersten Berufsabschluss, also bis zum ersten Staatsexamen. „Als Jurist ist ihm damit der berufliche Einstieg möglich“, sagt sie. Einen Ermessensspielraum sehen die Fachleute der Sozialverwaltung nicht. Die Sprecherin verweist auf die hohen Ausgaben des Bezirks für die soziale Sicherung. Sie liegen in diesem Jahr bei 527 Millionen Euro. Durch eine steigende Zahl von Menschen, die Hilfe brauchen, und zusätzliche Aufgaben werde der Spielraum für freiwillige Leistungen immer geringer.

 Für Bißwanger geht es um rund 300 Euro monatlich, die der Bezirk für eine Assistenzkraft aufwenden müsste, denn einen Teil der Kosten würde er selber tragen. Er ärgert sich, dass die Förderung behinderter Talente öffentlich immer groß verkündet werde, die Praxis in seinem Fall aber anders aussieht. Der Bezirk räume zwar ein, dass eine Promotion sicher geeignet sei, den Berufseinstieg zu erleichtern. Andererseits werde mit seinen außerordentlichen Leistungen argumentiert, die ein Berufseinstieg auch ohne Promotion ermöglichen würden. „Damit könnte jedem Promotionsvorhaben die Berechtigung abgesprochen werden“, sagt er.

Die Uni Augsburg hat Bißwanger im Studium immer vorbildlich unterstützt. Das betont er ausdrücklich. Dort habe er auch schon grundsätzlich positive Signale für seine Promotionspläne bekommen. Deshalb will der blinde Jurist sein großes Ziel nicht aufgeben. Auch wenn sich vor ihm neue Hürden auftun."

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