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Augsburg

05.04.2020

Bluttat: Wieso musste ein 15-Jähriger in Flüchtlingsunterkunft sterben?

Ein Großaufgebot an Polizei und Rettungskräften war am Samstagnachmittag in der Flüchtlingsunterkunft in Göggingen im Einsatz. Dort kam ein 15-Jähriger gewaltsam ums Leben.
Bild: Peter Fastl

Plus Am Samstag geht bei der Polizei ein Notruf aus einer Asyl-Einrichtung in Göggingen ein: Ein Jugendlicher wurde erstochen. Der mutmaßliche Täter kannte sein Opfer.

Ein Absperrband flattert vor der Tür im ersten Stock. Im Hof ein einsamer Kinderwagen, ein scheinbar liegengelassenes Dreirad. Hier in der Friedrich-Ebert-Straße in Göggingen stehen die vier Häuser der Flüchtlingsunterkunft Noah. Hier ist im ersten Haus am Samstagnachmittag ein 15-Jähriger erstochen worden. Er kam mit seiner Familie aus dem kriegsgebeutelten Afghanistan – zusammen mit Vater, Mutter und drei Schwestern. Was über die Bluttat bekannt ist.

Die älteste Schwester, 24, ist mit einem 29-Jährigen verheiratet, so schildert es eine Mitarbeiterin der Caritas. Der katholische Sozialverband ist der Träger der Einrichtung. Das junge Ehepaar wohnte nicht in der Unterkunft, die 24-jährige Frau war aber wohl oft dort. Polizei und Caritas berichten übereinstimmend, dass sie sich trennen wollte.

Tötungsdelikt in Augsburg: 29-Jähriger sitzt in U-Haft

Die Situation ist am Samstagnachmittag wohl eskaliert. Nach Angaben der Polizei waren Beamte kurz nach 15 Uhr per Notruf über einen massiven Streitfall in der Familie informiert worden. Angerufen hatte eine ebenfalls auf dem Gelände wohnende Frau. Beim Eintreffen der ersten Streifen habe sich herausgestellt, dass ein 15-Jähriger tödlich verletzt worden sei, vermutlich mit einem Messer. Als mutmaßlicher Täter wurde der 29-jährige Ehemann der ältesten Schwester festgenommen. Die Polizei vermutet die „Umstände der gescheiterten Beziehung“ als Ursache der Tat.

Am Sonntagnachmittag gab die Polizei in einer Pressemitteilung bekannt, ein Ermittlungsrichter habe den von der Staatsanwaltschaft beantragten Haftbefehl wegen Mordes und vierfachen versuchten Mordes jeweils zusammentreffend mit gefährlicher Körperverletzung erlassen und in Vollzug gesetzt. Der mutmaßliche Täter befinde sich mittlerweile in Untersuchungshaft.

Die Polizei riegelte die Wohnung, in der sich der tödliche Familienstreit ereignete, mit einem Absperrband ab.
Bild: Peter Fastl

Der 29 Jahre alte Mann soll auch vier weitere Familienmitglieder verletzt haben – jedoch besteht bei ihnen nach aktuellem Kenntnisstand der Beamten keine Lebensgefahr. Sie seien in verschiedene Krankenhäuser transportiert worden. Auch der Tatverdächtige hat bei der Auseinandersetzung Verletzungen erlitten. Bei den verletzten Familienangehörigen handelt es sich um Mutter, Vater und zwei Schwestern des Opfers. Die Mutter musste aufgrund schwerer Stichverletzungen notoperiert werden. Auch eine Schwester erlitt Stichverletzungen im Rücken. Die 24-jährige Schwester ist nach Angaben der Polizei zur Tatzeit nicht in der Wohnung gewesen; eine Caritas-Mitarbeiterin sagt, die Frau des mutmaßlichen Täters sei zu dieser Zeit auf dem Gelände des Haus Noah unterwegs gewesen.

Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Augsburg sind traurig und besorgt

In dem Haus leben laut Caritas etwa 80 Flüchtlinge: Frauen, Männer, Jugendliche, Mädchen und Buben. Insgesamt sind es elf Familien und mehrere alleinerziehende Mütter aus Afghanistan, Syrien, Nigeria und Uganda. Unter ihnen Muslime und Christen. Sie alle leiden nun unter der Tat. Am Sonntagnachmittag ist ein Bewohner im Freien anzutreffen. Er erklärt, viele in der Unterkunft hätten selbst Kinder, das alles mache sehr traurig.

In der Flüchtlingsunterkunft Haus Noah, in der Gögginger Friedrich-Ebert-Straße kam es am Samstag zu einem tödlichen Familienstreit
Bild: Peter Fastl

Von der Tat selbst habe er nichts mitbekommen, plötzlich seien Polizei und Betreuer da gewesen. Die Bewohner fürchten nun, die Bluttat führe zu Vorurteilen und unbegründeten Ängsten in der Nachbarschaft. Auf der Caritas-Website ist zu lesen, es habe gegen den Bau vor einigen Jahren eine Unterschriftenaktion gegeben – und „so manchen Angriff unter die Gürtellinie“.

Augsburgs Diözesan-Caritasdirektor, Domkapitular Andreas Magg, reagierte erschüttert auf die Tat von Samstagnachmittag. Er hatte kurz zuvor die heilige Messe zum Palmsonntag in der Haus-Kapelle des Caritas-Hauses gefeiert. „Diese schreckliche Tat macht mich zutiefst traurig. Flüchtlinge haben dort Frieden gefunden – auch dank der Betreuung durch den Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Augsburg und die Ehrenamtlichen, die sich hier für ein gutes friedliches Miteinander eingesetzt haben“, teilt er mit. „Ich werde die Familie, die ihren Sohn und Bruder verloren hat, in mein Gebet mit einschließen.“

Bisher gab es keine Probleme in der Flüchtlingsunterkunft

Vonseiten der Caritas ist zu hören, dass das Klima in der Unterkunft bisher „super“ gewesen sei – das Projekt gelte als ein Vorzeigeobjekt. Die ersten Flüchtlinge zogen im März 2017 dort ein. Seit wann die afghanische Familie dort wohnt, konnte die Caritas vorläufig nicht sagen. Aufgrund der aktuell noch laufenden Ermittlungen, möchten auch Polizei und Staatsanwaltschaft derzeit keine weiterführenden Auskünfte zu den Hintergründen des Verbrechens geben.

Die Familie des getöteten 15-Jährigen wohnt jedenfalls vorläufig nicht in der Wohnung. Ob sie einmal dorthin zurückkehren wird, kann niemand sagen.

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