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Augsburg

30.03.2020

Ein Pater, der sich für Obdachlose einsetzt - bis in den Tod

Pater Simon kümmert sich um Menschen, die sonst niemanden haben. Die Religion seiner Klienten ist ihm dabei völlig egal.
Foto: Bernd Hohlen

Plus Dominikanermönch Simon kümmert sich um Zirkusleute, Schausteller und Prostituierte. Vor allem aber ist der 55-jährige Geistliche für Obdachlose da.

Obdachlosigkeit macht einsam. Das weiß Pater Simon nur zu gut. Seit vier Jahren kümmert er sich in Augsburg um obdachlose Männer. Der Dominikanermönch leitet die Wohngruppe des Sozialverbandes SKM Augsburg. Er hilft den Männern, die in der Wohnung in der Klinkertorstraße leben, auf ihrem Weg zurück ins Leben. Die Arbeit schenkt ihm wertvolle Begegnungen, aber auch traurige Momente. Wie neulich.

Pater Simon begleitet auch sterbende Obdachlose wie Fritz P.* Der 55-Jährige hatte nicht mehr lange zu leben. Er litt unter Knochenkrebs. Vier Jahre kannten sich Pater Simon und der Mann schon, als die Diagnose gestellt wurde. „Er war zum Schluss durch die Krankheit völlig entstellt“, erinnert sich der Dominikanermönch mit dem freundlichen Gesicht und dem Vollbart. „Trotzdem verlor er nie den Mut.“ Pater Simon kümmerte sich rund um die Uhr um den Todkranken. Fritz P. hatte niemand anderen mehr.

„Die Schicksale obdachloser Menschen sind das eine. Aber wenn jemand in der letzten Lebensphase einsam ist und keine liebevolle Familie im Hintergrund hat, hat das schon eine besondere Qualität.“

Obdachloser erhielt vor seinem Tod noch die Taufe

Pater Simon unternahm mit dem Kranken noch Ausflüge, so weit sie möglich waren, besuchte mit ihm einen Gottesdienst, stellte ihn in einem Hospiz vor. „Er erzählte mir, dass er sich immer mal taufen lassen wollte, es aber nie geschafft hatte.“ Pater Simon kümmerte sich darum. Fritz P. erhielt vor seinem Tod noch die Taufe. Dabei ist es Pater Simon völlig egal, ob und welche Religion seine Klienten haben. „Das interessiert mich nicht.“ Genauso wenig stelle er die Frage nach der Schuld eines Menschen für dessen Schicksal. „Jeder von uns trägt Schuld. Allein wenn man nicht hinschaut und nicht hilft, hat man Schuld“, ist der Geistliche überzeugt. Er hat die Zukunft der obdachlosen Männer im Fokus, will ihnen zu Selbstständigkeit verhelfen. Wenn es sein muss, schlüpft er dafür in seine weiße Ordenstracht. Etwa wenn sich eine Bank weigert, einem Obdachlosen ein Girokonto zu eröffnen. Dann greift der Pater, der allein durch seine Körpergröße und seine kräftige Stimme ein imposantes Auftreten hat, ein.

„Was glauben Sie, wie oft ich höre, dass einer meiner Leute kein Konto bekommt?“, meint er. Dabei dürfe eine Bank das nicht ablehnen. Bei einem Kreditinstitut habe er es mittlerweile geschafft, dass nicht mehr diskutiert werde. Pater Simon zeigt aber auch Verständnis für ablehnende Haltungen gegenüber seinen Schützlingen.

Pater Simon kümmert sich um Obdachlose in Augsburg.
Foto: Silvio Wyszengrad

Der Mönch muss sich das Vertrauen erst erarbeiten

Schonungslos erklärt er „seinen“ Männern, dass es auch an ihnen liege. „Sie sollen lernen, dass Seife nicht wehtut. Dann stellen sie nämlich fest, dass bei einem gepflegten Äußeren die Mitmenschen anders mit ihnen umgehen.“ Bis die Obdachlosen, die quasi an nichts im Leben mehr gebunden sind, die Ratschläge von Pater Simon annehmen, ist das für ihn harte Arbeit. Der 55-jährige Mönch muss sich das Vertrauen jedes einzelnen erarbeiten. Meist gelingt es ihm, erzählt er. Wie etwa beim 42-jährigen Hans Huber*.

Der Augsburger Huber ist einer aus der Wohngruppe, die elf Plätze zur Verfügung stellt. Im Gegensatz zum Übergangswohnheim, wo Obdachlose sich Räume teilen müssen, hat hier jeder seinen eigenen Bereich, teilweise gibt es sogar Einzelzimmer. Die Wohngruppe ist ein Zwischenschritt zwischen Notunterkunft und einer eigenen Wohnung. Bei Hans Huber* dauert der Zwischenschritt schon eineinhalb Jahre. Er ist drogensüchtig, hat wegen Rauschgiftdelikten ein paar Jahre Haft hinter sich. Der ruhig wirkende Mann mit den Schatten unter den Augen zuckt fast entschuldigend mit den Achseln. „Wenn man abhängig ist, wird man kriminell.“ Seine Drogenkarriere, erzählt der Augsburger, begann mit Kiffen.

Pater Simon ist für viele eine Respektsperson

Irgendwann kamen synthetische Drogen wie Ecstasy dazu. Dann Heroin. Therapien scheiterten bislang. Er wurde immer wieder rückfällig. Huber hat eine zwölfjährige Tochter, die in einer Pflegefamilie lebt. Sie ist sein Antrieb. Der 42-Jährige sagt, er habe sich noch nicht aufgegeben. In Pater Simon sieht er nicht nur eine Respektsperson, die auf den Tisch hauen kann, wie er sagt. Sondern auch eine vertraute Bezugsperson. Der Drogenabhängige fühlt sich von ihm respektiert und ernst genommen.

Pater Simon selbst betont, dass es viele Menschen gebe, die eine Form von Mangel haben. „Der hat aber nichts mit Geld zu tun. Ich meine Mangel an Aufmerksamkeit und Wertschätzung für ihr Leben.“ Diese Erfahrung machte er bereits in seiner Zeit vor dem SKM Augsburg, als er noch als Seelsorger arbeitete. Seit zehn Jahren kümmert sich der Geistliche in Augsburg auch um Zirkusleute, Schausteller und Prostituierte. „Menschen, die man in einer Kirche nicht findet“, sagt er. Auch hier hatte er sich mühevoll das Vertrauen der Menschen erarbeitet. Noch heute, erzählt er, könne es passieren, dass nachts eine Prostituierte bei ihm anrufe, weil sie gerade von einem Freier zusammengeschlagen wurde.

„Viele wollen keine Polizei. Dann gehe ich halt zu ihnen. Ich versuche, dass die Menschen ihre Würde zurückbekommen“, erklärt er sein Anliegen. Dafür ist der Pater auch rund um die Uhr erreichbar. Pater Simon spricht von einer Fügung, dass er genau diese Aufgaben gefunden habe – oder dass die Aufgaben ihn fanden. Wie man es eben sehen will. Er könne das alles gut ertragen. Auch, wenn er mal an einem Schicksal scheitert. „Ich muss akzeptieren, wenn jemand aus seiner Vergangenheit nicht heraus kommt. Manche packen es aufgrund ihrer Persönlichkeit einfach nicht.“ Dabei gebe es für ihn nichts Schöneres, als zu sehen, wenn es ein Mensch zurück ins Leben schafft. Er lächelt. „Es ist schon fast wie eine geistige Vaterschaft, die ich für diese Menschen spüre.“ (*Namen geändert)

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