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Brechtfestival 2018

01.02.2018

Brechtfestival-Chef: "Ich will nicht nur Namen einkaufen"

Patrick Wengenroth ist künstlerischer Leiter des Brechtfestivals in Augsburg.
Bild: Christian Menkel

Patrick Wengenroth setzt beim Brechtfestival 2018 auf Eigenproduktionen und auf einen literarischen Schwerpunkt. Wie er die Veranstaltungen den Zuschauern schmackhaft machen will.

Herr Wengenroth, letztes Jahr waren Sie erstmals künstlerischer Leiter des Brechtfestivals. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Patrick Wengenroth: Erst einmal habe ich die Stadt und das Leben hier besser kennenlernen können als in der sehr kurzen Vorbereitungszeit für das erste Festival, und davon habe ich natürlich diesmal profitiert. Und natürlich konnte ich auch die Arbeit der Freien Szene besser kennenlernen, was auch wichtig ist für das Programm des Festivals.

Sie verantworten insgesamt dreimal das Brecht-Festival. Versuchen Sie denn, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den drei Festivaljahren?

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Wengenroth: Ja, wir versuchen zum Beispiel, durch alle drei Jahre einen Feminismusschwerpunkt zu ziehen. Außerdem stehe ich auch dafür, dass das Brechtfestival mehr als Produzent und Co-Produzent von Eigenbeiträgen auftritt, also selbst gestaltet, und nicht nur bekannte Stücke und Namen einkauft. In diesem Jahr ist da das Projekt mit dem Chor aus der letztjährigen „Maßnahme“-Inszenierung unter der Leitung von Geoffrey Abbot. Er wird die Kantate „Die Mutter“ mit der Musik von Hans Eisler aufführen. In Kombination damit zeigen wir den beeindruckenden Dokumentarfilm „Valentina“. Ich mache selbst auch noch eine kleine Sache, ein Live-Hörspiel, das in der Form noch nie hier stattgefunden hat. Grundsätzlich aber liegt mir für alle drei Festivals die Konfrontation von Brechts Werk mit der Gegenwart am Herzen, denn wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs und der Ungewissheit mit vielen nationalen wie globalen Erosionsphänomenen. Brecht ist der richtige Autor, um das abzubilden. Das soll sich durch die drei Jahre ziehen, wobei ich in jedem Jahr andere Highlights setzen möchte.

In diesem Jahr liegt der Fokus auf dem Gegensatz Egoismus und Solidarität, ausgedrückt auch in den Plakaten mit dem Schriftzug „Ich“ und „Wir“. Worauf wollen Sie diesen Gegensatz bezogen wissen?

Wengenroth: Zunächst deuten wir ihn politisch, dafür sind die Menschen gerade sehr empfänglich, etwa in der Frage, was wir von unserem Wohlstand abgeben können. Auch in der Flüchtlingsfrage ist die Wahrnehmung für diesen Gegensatz im Moment sehr geschärft. Das andere ist aber auch, dass das Ich und das Wir, also das Eigene und das Gegenüber, in der Psychoanalyse ein sehr wichtiger Aspekt sind. Das heißt, dass man offen sein muss für sein Gegenüber, gleichzeitig muss man sich aber auch immer wieder als Ich konfigurieren, weil man sonst nicht gestalten kann, in individueller Weise wie auch in gesellschaftlichen Fragen. Insofern muss man immer einen gesunden Ausgleich finden, damit man als Ich nicht verschwindet in einem kollektiven Wust von Ansprüchen.

Im Mittelpunkt steht das Textfragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, das in einer Inszenierung des Theaters Augsburg zu sehen ist. Welche Qualität hat dieses Stück für Sie?

Wengenroth: Ich bin ein Freund dieser anfangs eher anstrengend und spröde wirkenden Stücken Brechts. Im „Fatzer“-Text liegt eine große poetische Kraft, wie in vielen anderen seines Frühwerkes. Die lyrische Begabung Brechts ist hier sehr schön zu sehen, weil er sich noch um keine Regeln und Theorien geschert hat. Es ist die Zeit seines politischen und künstlerischen Aufbruchs, da brannte er sozusagen von allen Seiten lichterloh, und das merkt man diesem Text an. Interessant ist es, „Der gute Mensch von Sezuan“, das aus einer späteren Phase stammt und ein sehr gut gebautes Lehrstück ist, dem gegenüber zu stellen. Die Frage nach der Solidarität und dem Revolutionären schlummert in beiden Stücken.

Es fällt auf, dass das Festival in diesem Jahr wieder etwas literarischer geworden ist.

Wengenroth: Genau. Wir knüpfen damit an das abc-Festival von Albert Ostermaier an, das ja der Ursprung des Brechtfestivals war. Da ist zum einen das literarische Podium „Das Abc der Solidarität“ mit den drei Autoren Kathrin Röggla, Stefanie Sargnagel und Bazon Brock, die ausgehend von Brechts „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ einen Text geschrieben haben, den sie vorlesen und diskutieren. Mal sehen, welch lustvolle, streitbare und vielleicht solidarische Lösungen es geben wird. Außerdem konnten wir Sasha Marianna Salzmann, die im letzten Jahr mit ihrem Roman „Außer sich“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, gewinnen. Aber auch mit „Fatzer“ und „Dickicht“, einem Gastspiel des Maxim Gorki Theaters, sehen wir, wie avantgardistisch eigentlich die Literatur Brechts ist.

Sie setzen in diesem Jahr mit Einführungen und Diskussionen zu den Veranstaltungen sehr stark auf die Vermittlung. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass dies nötig ist?

Wengenroth: Wir haben zum vergangenen Festival die Rückmeldung bekommen, dass sich die Zuschauer gewünscht hätten, dass man sie mehr auf Veranstaltungen hinweist und erklärt, warum bestimmte Stücke und Stoffe sehenswert sind. Deshalb machen wir jetzt auch im Vorhinein Angebote, etwa in unserem Facebook-Auftritt, wo wir mit den Vorstellungstrailern der Gast-Bühnen verlinken oder auch mit zum Thema interessanten Artikeln. Es geht uns also darum, die Leute mit Inhalten zu konfrontieren, die ihnen helfen, die Veranstaltungen einzuordnen. Aus dem Brecht-Kreis kam außerdem der Wunsch, auch Einführungen und anschließende Gesprächsrunden mit den Beteiligten anzubieten.

Auf welche Veranstaltung würden Sie denn dieses Jahr gern besonders hinweisen?

Wengenroth: Das ist „Winterreise“ mit dem Exil Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters. Das besteht aus professionellen Schauspielern aus Afghanistan, Syrien und Palästina, Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und die in einer Art Roadmovie durch das winterliche Deutschland ihren Blick auf die neue Heimat zeigen. Das hängt eng zusammen mit der Exil-Vergangenheit Brechts und seinem lyrischen Werk, das spielt natürlich auch auf Heine und Schubert an. Es ist ein poetischer, durch eine Video-Ebene optisch beeindruckender Abend. Obwohl es um eine alles andere als lustige Fragestellung geht, hat es viel Humor und ist alles andere als larmoyant.

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