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Augsburg

28.10.2020

Corona-Lage in Augsburg: "Die Uniklinik fährt unter absoluter Volllast"

"Wir haben keine Kapazitäten mehr.": Prof. Michael Beyer, Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Augsburg, warnt vor dem Verlauf der zweiten Corona-Welle.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Plus Bis zu 180 Corona-Patienten können im Augsburger Uniklinikum auf einmal behandelt werden. Ärztlicher Direktor Prof. Michael Beyer sagt, diese Zahl könnte bald erreicht sein.

Herr Prof. Beyer, wie viele Covid-19-Patienten sind derzeit im Uniklinikum in Behandlung und wie geht es ihnen?
Michael Beyer:
Von heute 102 Erkrankten sind 82 auf der Normalstation. Sie sind so krank, dass sie stationär behandelt werden müssen. Wir haben aber einen sehr hohen Turn Over in dieser Gruppe: Ein Viertel bis ein Drittel beobachtet man zwei, drei Tage und kann sie dann wieder entlassen. Trotzdem ist die Anflutung von Patienten im Klinikum so hoch, dass die Zahl der stationär Behandelten täglich um rund sieben steigt. Was uns besondere Sorgen macht, ist die Anzahl der Intensivpatienten. Derzeit sind es 20, am Tag vorher waren es nur 15. Die meisten dieser Patienten müssen auch beatmet werden, ein Teil davon invasiv.

 

Sind inzwischen auch mehr junge Patienten betroffen?
Beyer: Zumindest aktuell sieht man noch nicht, dass Covid-19 zunehmend auch jüngere Patienten schwer trifft. Noch haben wir überwiegend ältere Patienten über 75 und viele auch mit Vorerkrankungen. Es ist aber nicht so, dass wir nicht auch jüngere Patienten mit schwerem Verlauf hätten.

Viele denken, Covid-19 sei einfach eine weitere Viruserkrankung, vergleichbar einer normalen Grippe. Wie ist Ihre Einschätzung als Mediziner?
Beyer:
Es gibt unterschiedlich stark ausgeprägte Grippewellen, denken Sie an die Spanische Grippe. An diesem Punkt ist es wenig zielführend, beide Krankheitsbilder zu vergleichen.

Ärztlicher Direktor der Augsburger Uniklinik warnt vor intensiver zweiter Welle

Sie sagten vor Kurzem, die zweite Corona-Welle wird uns viel intensiver treffen. Woran machen Sie das fest?
Beyer:
Ja, die zweite Welle - und wir haben jetzt diese zweite Welle - entfaltet eine wesentlich größere Wucht. Wir arbeiten dabei mit Stufenkonzepten, um alles organisieren zu können. Wenn zehn Patienten da sind, tritt Stufe 1 in Kraft, bei 15 Patienten Stufe 2 und so weiter. Bei der ersten Welle haben wir diese Stufen im Turnus von ein bis zwei Wochen um eines hochgesetzt. Jetzt war die Dynamik so schnell, dass wir Ende vorletzter Woche auf Stufe 1 waren und eine Woche später schon bei Stufe 4. Das ist eine Dynamik, die uns doch sehr beeindruckt hat, denn man muss eines wissen: Erkrankungen treffen die Klinik erst mit einer Verzögerung von bis zu 14 Tagen. Solange dauert es, bis Leute Symptome haben und dann auch in die Klinik kommen. Und ein Vergleich: In der ersten Welle hatten wir zum Höhepunkt 43 Patienten auf einmal in Behandlung, da waren die Intensivpatienten aber schon mitgerechnet.

Wie wird die Entwicklung weitergehen, kann man das überhaupt prognostizieren?
Beyer: Ende letzter Woche hatten wir an der Uniklinik etwa 60 Covid-Kranke, davon zehn auf Intensiv - bei einer deutschlandweiten Zahl von maximal 6000 Neuinfektionen. Inzwischen sind wir bei rund 15.000 Neuinfektionen in Deutschland. Wenn man das hochrechnet, müssen wir damit rechnen, dass wir in absehbarer Zeit an die 120 bis 150 Covid-19-Patienten hier im Haus haben.

Für Notfälle hält sich das Uniklinikum in Augsburg stets Kapazitäten frei.
Bild: Marcus Merk (Archivfoto)

Wie viele können Sie am Uniklinikum maximal behandeln?
Beyer: Circa 150 bis 180, und davon sind wir gar nicht so weit entfernt. Bei den Intensivpatienten sind es ungefähr 30. Man muss ja bedenken, dass wir immer auch noch Kapazitäten für Notfälle bereithalten müssen.

Welche organisatorischen Umstrukturierungen mussten sie vornehmen, um für die steigende Zahl an Covid-Patienten gerüstet zu sein?
Beyer: Wir haben ungefähr 300 Normalstationsbetten schließen müssen, weil wir zunehmend Covid-Stationen in Betrieb nehmen, die auch einen höheren Personalschlüssel brauchen. Wir müssen also ärztliches und pflegerisches Personal umschichten zur Betreuung der Covid-Patienten.

Haben Sie denn genügend Personal?
Beyer: Das Haus fährt jetzt unter absoluter Volllast. Wir haben keine personelle Reserve mehr, für nichts. Und ein Problem, das es gibt, sehen wir in Belgien: Da sind auch 20 Prozent der Pflegekräfte und Ärzte krank. Glücklicherweise ist das bei uns noch nicht der Fall

 

Das heißt, dass nicht dringende Eingriffe verschoben werden müssen...
Beyer: Natürlich muss man prinzipiell sagen, dass es keine nicht notwendigen Operationen gibt. Jeder, der ins Haus kommt und behandelt werden muss, hat eine Indikation. Patienten mit leichteren Erkrankungen müssen wir im Moment dennoch abweisen, weil dafür keine Kapazitäten mehr da sind. Alle Patienten mit komplexen Erkrankungen, zum Beispiel Tumorpatienten, können wir noch behandeln. Wir sehen im Vergleich zur ersten Welle übrigens auch, dass die Leute keine Angst mehr haben, ins Klinikum zu kommen, weil sie sich dort mit Covid-19 anstecken könnten. Da hat das Vertrauen zugenommen.

Uniklinik Augsburg muss wegen Corona geplante Operationen verschieben

Können Uniklinik und andere Krankenhäuser aus der Region in dieser Krise zusammenarbeiten?
Beyer: Wir haben uns diese Woche mit Häusern im Stadtgebiet und im Landkreis in Verbindung gesetzt und sind sehr dankbar, dass sie sofort Unterstützung signalisiert haben. Jedes dieser Häuser ist bereit, einen Teil der Patienten aus den Covid-Normalstationen, teils aber auch Intensivpatienten von uns zu übernehmen. Das stellt für uns schon eine erhebliche Entlastung dar. Wir wollen hier ja die Schwerkranken behandeln, das ist unsere Expertise als Universitätsklinikum. In dem Moment, wo wir solche Patienten in eine stabilen klinischen Zustand überführt haben, könnten wir sie auch verlegen. Man merkt deutlich, wie die Häuser jetzt zusammenrücken.

Wenn aber auch dort Bettenkapazitäten und Personal knapp würden?
Beyer: Wir haben das in der ersten Pandemiewelle durchgespielt: Es gibt ja auch Landstriche, die nicht so unter der Pandemie leiden wie Bayern. Da wird innerhalb Deutschlands ein Solidarsystem greifen, entweder indem man Patienten verlegt oder umgedreht Ärzte und Pflegepersonal hierher holt. Wobei eine Verlegung der Patienten sicherlich einfacher wäre. Wir haben in der ersten Welle ja auch Patienten aus Italien übernommen.

Wegen der Corona-Krise müssen derzeit planbare Operationen am Augsburger Uniklinikum verschoben werden.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Sie haben sich bereits während der ersten Welle auf eine Triage vorbereitet. Stünden nicht genügend Intensivbetten zur Verfügung, würde im Zweifelsfall entschieden, bei welchem Patienten eine Behandlung am Aussichtsreichsten ist. Das ist jetzt sicherlich erst recht so?
Beyer: Ja, aber von einer Triage, also einem Auswählen der zu behandelnden Patienten, sind wir noch sehr, sehr weit entfernt. Ich hoffe, dass wir auch nie dahin kommen. Alter ist übrigens nicht per se ein Ausschlusskriterium für Beatmung.

Macht Ihnen die Situation Angst?
Beyer: Ich habe keine Angst, aber Respekt vor der Situation. Ich glaube aber, dass wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aufgestellt sind, da wir insgesamt mehr Kapazitäten an Betten haben, das kommt uns zugute. Wir haben Puffer.

Das sagt der Ärztliche Direktor zur Maskenpflicht in Augsburg

Wie beurteilen Sie die aktuell gültigen, strengeren Regeln wie Maskenpflicht in der Innenstadt oder eine strengere Sperrstunde? Zeigt so etwas Wirkung?
Beyer: Das ist schwer zu beantworten, aber die allgemeinen Hygieneregeln und dass man Versammlungen mit einer größeren Anzahl an Menschen unterbunden hat, das war mehr als notwendig. Das wäre auch der nächste Schritt: Die Anzahl der Personen, die sich treffen, muss wieder deutlich reduziert werden, bis in den einstelligen Bereich.

 

Wie beruhigen Sie als Mediziner die Bürger, Herr Prof. Beyer?
Beyer: Es handelt sich um eine Welle und jede Welle hat einen Höhepunkt, dann flacht sie wieder ab. Die Hoffnung besteht, dass wir so schnell wie möglich diesen Höhepunkt erreicht und überschritten haben und die Situation danach wieder besser wird.

Zur Person: Prof. Dr. Michael Beyer, 64, arbeitet seit 2001 am Augsburger Klinikum. Er war zunächst Chefarzt der Herzchirurgie und ist seit der Umwandlung des Krankenhauses in eine Uniklinik Ärztlicher Direktor.

Alle Neuigkeiten zum Coronavirus in Augsburg lesen Sie in unserem News-Blog.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Corona: Diese Patientenzahlen sind ein Weckruf

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Die Diskussion ist geschlossen.

29.10.2020

Aber die höheren Zahlen kommen ja nur von mehr Test, die auch noch falsche Ergebnisse liefern .... wenn interessiert schon wieviel im Krankenhaus liegen.

Schuld an den Maßnahmen tragen in erster Linie die, die Corona verleugnen und verharmlosen.

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29.10.2020

Wenn etwas verleugnet oder verharmlost wird, wird kein einziger Virus übertragen.

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30.10.2020

Durch das Handeln daraus aber ganz sicher schon.

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