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Augsburg/Berlin

09.09.2020

Corona bringt Veranstaltungsbranche in Not: Ein letztes Aufbäumen in Berlin?

Die Veranstalter befürchten, kommen keine Hilfen, werden viele Unternehmer aus der Branche Insolvenz anmelden müssen.
Bild: Leo Herrmann

In Berlin haben Beschäftigte der Veranstaltungsbranche für mehr Hilfe demonstriert. Kommt sie nicht, droht vielen Solo-Selbstständigen der Ruin. Eine Gruppe Augsburger war dabei.

Es ist zwei Uhr in der Nacht, ein Industriegebiet in Augsburg-Lechhausen. 32 Menschen haben sich vor einem Reisebus aufgereiht, mit Lampen leuchten sie ihre Gesichter rot aus. Die Pose wirkt wie eine Erinnerung an ihre darniederliegenden Jobs. Bei denen es häufig blitzt und blinkt. Ein letztes Gruppenfoto, bevor der Reisebus die Gruppe nach Berlin zur großen Demonstration der Veranstaltungsbranche bringen wird.

Unter denen, die zur Demonstration fahren, sind Videokünstler, Lichtdesigner, Tontechniker, Musiker. Es sind all jene, die dafür sorgten, dass es im Augsburger Nachtleben vor der Pandemie lief. Was sie eint, ist das Gefühl, von der Politik vergessen worden zu sein. So folgen die Augsburger dem Aufruf eines Bündnisses, das aus Verbänden und Initiativen der Veranstaltungsbranche besteht. Das Motto der Kundgebung: "Alarmstufe rot."

Mit einem Bus sind die Augsburger mitten in der Nacht aufgebrochen. Auf der Strecke nach Berlin sammelten sie weitere Teilnehmer ein.
Bild: Leo Herrmann

6500 Menschen sind dem Aufruf der Veranstaltungsbranche gefolgt

Denn während andere Branchen allmählich wieder Licht am Ende des Corona-Tunnels sehen, ist die Stimmung der Einzelunternehmer noch immer so düster wie die Farbe der Nacht, in der sich die Gruppe Augsburger in dem Industriegebiet zur Abfahrt eingefunden hat - tiefschwarz. Viele von denen, die mitgereist sind, sprechen von einem Berufsverbot, welches die Politik über sie verhängt hat. Sie alle haben massiv an Aufträgen verloren. Von bis zu 100 Prozent Umsatzrückgang ist die Rede.

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Die Augsburger treffen in Berlin auf etwa 6500 andere Beschäftigte aus dem Veranstaltungsbereich. Auf der Hauptkundgebung am Brandenburger Tor fordern die Veranstalter unter anderem einen Unternehmerlohn für Solo-Selbstständige in der Krise und höhere Überbrückungsgelder für große Unternehmen. Überraschungsgast ist Herbert Grönemeyer. Vor dem Brandenburger Tor ruft er den Teilnehmern zu: "Wir sind der öffentliche Herzschlag dieser Nation. Frau Grütters, Herr Altmaier, Herr Scholz: Rock’n’rollen sie endlich los, es drängt massiv." Dann mahnt Grönemeyer: "Ein Land setzt seinen Zauber aufs Spiel und stellt seine Zauberer zur Disposition."

Marc Lorenz, 48, ist einer von diesen Zauberern. Vor der Krise hatte der Münchener zwei Einnahmequellen. Lorenz ist Lichtdesigner, außerdem spielt er in der Band von Dieter Thomas Kuhn. Er erzählt, ihm seien etwa 90 Prozent seiner Aufträge weggebrochen. Wäre er alleinstehend, dann wäre seine Existenz bedroht. "Zum Glück ist die Branche meiner Frau nicht betroffen." Er gewöhne sich langsam an das Leben als Hausmann, sagt der Münchener, "am Anfang der Pandemie bin ich in ein Loch gefallen."

Ein Solo-Selbstständiger fordert: Die Veranstaltungsbranche braucht die Bazooka

Jetzt ist Lorenz kämpferisch: Auch für die Solo-Selbstständigen solle endlich die Bazooka herausgeholt werden. Und meint das Versprechen, das Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) zu Beginn der Krise ausgab - die Wirtschaft mit einem Milliarden-Konjunkturpaket zu retten. Das Paket kam, aber die Hilfen seien nicht bei den Solo-Selbstständigen angekommen, sagt Lorenz.

Was es heißt, plötzlich nichts mehr zu verdienen, davon kann auch Julian Knödler berichten. Der Augsburger Veranstaltungstechniker, der an unserer Bürgerrecherche “Job weg - und nun?” teilgenommen hat, erzählt am Telefon, dass er vor der Krise von seinem Job leben konnte. Über etwa eine mittlere vierstellige Summe verfügte er jeden Monat.

Julian Knödler hat an unserer Bürgerrecherche "Job weg - und nun?" teilgenommen. Er ist Veranstaltungstechniker aus Augsburg - vor der Krise konnte er von seinem Job leben.
Bild: Knödler

Auch er verlor seine Aufträge und damit sein Einkommen. Um sein Leben zu bestreiten, habe er in einem Discounter gearbeitet und halte sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Zwar hätte er staatliche Hilfen von bis zu 9000 Euro beantragen können, "die bringen mir aber nichts". Nur für Betriebsausgaben hätte der 30-Jährige sie verwenden dürfen. "Das waren schätzungsweise 40 Euro in den letzten Monaten."

Viele aus der Veranstaltungsbranche scheuen sich, Hartz IV zu beantragen

Was fehlt, ist das Geld zum Leben. Zwar könnte er Hartz IV beantragen, doch er scheut den Schritt. Das Problem: Knödler verfügt über ein Vermögen, das mehr als 60.000 Euro beträgt. Vieles davon stecke in Material, dass er zum Arbeiten braucht, ein weiterer Teil in seiner Altersvorsorge. Knödler sagt: "Ich könnte das Geld angreifen, aber dann bin ich vielleicht einmal von Altersarmut bedroht."

Der 30-Jährige fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. "Die kennen uns nicht, zwar stehen sie auf unseren Bühnen und freuen sich, wenn wir sie ins rechte Licht setzen." Aber was Knödlers Berufsstand ausmache, wie sich Veranstaltungstechniker finanzieren, das wüssten die Politiker nicht. Davon ist Knödler überzeugt.

Die Polizei betont, dass die Organisatoren und die Teilnehmer des Protestzuges sich in Sachen Corona-Auflagen vorbildlich verhalten haben.
Bild: Leo Herrmann

Die Veranstalter sind am Ende des Tages zufrieden mit der Demonstration in Berlin. Sie hätten auf ihre Situation aufmerksam gemacht, alle Hygienevorschriften seien eingehalten worden, sagt einer der Organisatoren und freut sich. Auch von der Berliner Polizei Berlin gibt es Lob. "Die Veranstaltungsbranche zeigt, wie man große Demonstrationen unter den aktuellen Bedingungen durchführt."

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