Newsticker

Massive Kontaktbeschränkungen ab 2. November
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Das Geheimnis der Freimaurer

Gesellschaft

27.04.2015

Das Geheimnis der Freimaurer

Großmeister Ulrike Grabisch und Meister vom Stuhl Gerhild Böhnisch im Tempel mit dem Logenpatent für die neue Augsburger Loge „Saint Germain“. Im Hintergrund sieht man das „Allsehende Auge“, ein für die Freimaurerei wichtiges Symbol.
Bild: Annette Zoepf

In Augsburg nimmt die neue Loge „Saint Germain“ ihre Arbeit auf. Bei ihr sind Frauen zugelassen. Historisch bedeutende Persönlichkeiten bekannten sich zu dem verschwiegenen Bund

Für einen Nichteingeweihten mutet die Szene an wie aus einem Film. Flügeltüren öffnen sich und 60 Männer und Frauen schreiten beinahe lautlos und andächtig aus dem halbdunklen Tempel. Über den schwarzen Anzügen tragen sie Schurze, manche ganz weiß, andere mit Rosetten verziert. Die Hände stecken in weißen Handschuhen. Still stellen sie sich vor der festlich gedeckten Tafel auf, die behandschuhte Rechte ans Herz gelegt. An den Wänden hängen schwere Ölgemälde, von denen streng ehemalige Meister der Loge blicken. An vielen Stellen im Saal kann man Abbildungen von Zirkel und Winkelmaß erkennen. Dann erscheinen zwei Frauen, die sich vom Rest der Teilnehmer durch besonder farbenprächtige Schurze und Abzeichen abheben. Nach einem kurzen Dankeswort an die Versammelten löst sich die Spannung und macht geschäftigen Vorbereitungen zum Abendessen Platz.

Mit der Feier zur Lichteinbringung hat am Samstag in Augsburg die zweite Freimaurerloge offiziell ihrer Arbeit aufgenommen. Rund 60 hochrangige Freimaurer aus ganz Europa sind dazu nach Augsburg gekommen. Die ursprünglich aus München stammende Johannesloge, wie diese Form der Freimaurerloge genannt wird, heißt „Saint Germain“ und wurde im März gegründet. Mit dem Ritual der Lichteinbringung gilt sie jetzt bei den Freimaurern als „vollkommene Loge“. Als Mitglied der Humanitas Freimaurergroßloge ist Saint Germain gemischt, das heißt, Frauen und Männer arbeiten hier gleichberechtigt zusammen. Neben Saint Germain gibt es in Augsburg noch die Männerloge Augusta.

Freimaurer: Tempel begrüßt Besucher mit "Allsehendem Auge"

„Eine Logenneugründung ist immer ein ganz besonderes Ereignis“, sagt Großmeister Ulrike Grabisch. Trotz Gleichberechtigung gibt es hier wie seit Jahrhunderten nur männliche Titel. Das Licht spielt in der Freimaurerei eine ganz besondere Rolle. Deshalb ist es für eine neue Loge ein großes Ereignis, wenn sie in einem Ritual das Licht von der Großloge überreicht bekommt, so die Großmeisterin. „Aus dem Osten kommt das Licht und neu aufgenommene Brüder und Schwestern bewegen sich, im übertragenen Sinne, schrittweise dem Licht entgegen.“

Wenn man im Westen den Tempel betritt, blickt einem am entgegengesetzten Ende das „Allsehende Auge“ entgegen. Von der Verschwiegenheit und Geheimniskrämerei, die man einer Loge wie den Freimaurern unterstellen würde, ist hier wenig zu spüren. „Was sollen wir denn auch noch verbergen, mittlerweile kann man ja fast alles im Internet nachlesen“, sagt dazu Ulrike Grabisch. Was ein Geheimnis bleiben muss, sind die Mitglieder der Loge. Und auch, wo das Logenhaus in Augsburg zu finden ist, möchte man lieber nicht in der Zeitung lesen. Die Geschicke der Loge Saint Germain leitet Meister vom Stuhl Gerhild Böhnisch. Seit elf Jahren ist sie Freimaurerin, zuerst in München, bevor sie mit ihren Brüdern und Schwestern jetzt nach Augsburg gewechselt ist. Zwölf Mitglieder hat Saint Germain, davon sieben Meister, was für eine Logengründung notwendig ist. Bei den Freimaurern werden die Grade nach Lehrlings-, Gesellen- und Meistergraden unterteilt.

Berühmte Freimaurer: Goethe, Lessing, Voltaire, Mozart

„Bei der Freimaurerei geht es um Erkenntnis“, so Böhnisch. Die Mitglieder lebten streng nach den Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. „So, wie die Welt gerade ist, reicht es uns nicht“, sagt der Meister vom Stuhl. Wenn Politik und Wirtschaft nicht in der Lage seien, etwas zu verändern, käme es auf den Einzelnen an. „Jeder für sich muss den Weg der Selbsterkenntnis gehen“, ist sie überzeugt. Wie viel Anziehung dieser Weg hat, zeigt die Zahl prominenter Namen unter den Freimaurern. Goethe, Lessing, Voltaire und auch Wolfgang Amadeus Mozart gehörten dazu. Auch Männer wie Friedrich der Große, George Washington und Winston Churchill waren Freimaurer. Ebenso erwähnen kann man Künstler wie Louis Armstrong, Clark Gable oder Mark Twain.

Wer Freimaurer werden will, muss selbst aktiv werden. „Man klopft bei einer Loge an und nimmt als ,Suchender‘ erst mal für etwa ein Jahr an Gästeveranstaltungen teil“, so Böhnisch. Danach entscheidet die Loge, ob der Interessent zu ihr passt. Der erste Lehrling von Saint Germain kommt aus München. Die 34-jährige Logistikspezialistin aus München ist vor allem von dem Gedanken der Gleichheit angetan. „Egal, ob ich Friseur bin oder Kernphysiker, ich werde als Mensch einbezogen.“ Auch dass es egal ist, welcher Religion jemand angehört, hat sie beeindruckt. „Hier habe ich die Möglichkeit, mich mit Menschen auszutauschen, die auf dem gleichen Weg sind wie ich“, so der Lehrling. Der Logenname „Saint Germain“ geht auf den Grafen von Saint Germain zurück, der als Freimaurer, Abenteurer, Geheimagent, Alchemist, Okkultist und Komponist in die Geschichte eingegangen ist. „Er war einer der Ersten, der Schritte zu einem vereinten Europa unternommen hat“, erklärt Gerhild Böhnisch die Namenswahl.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren