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Augsburger Puppenkiste

12.11.2017

Das Leben ist auch mit Handicaps schön

Die Augsburger Puppenkiste bringt die Bremer Stadtmusikanten in ihrem neuen Stück auf die Bühne.
Bild: Fred Schöllhorn

Die neuen Bremer Stadtmusikanten kämpfen in einer Ausbeutergesellschaft um ihre Existenz. Das ist selbst mit Marionetten kein Kinderkram.

„Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.“ Der Kernsatz in Grimms Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, den das Junge Theater Augsburg den Kindern in ihrem neuen Stück nicht zumuten will, hat in der Inszenierung der Augsburger Puppenkiste seinen festen Platz. Warum auch nicht? Das Leben will gemeistert werden. Und das gelingt auch, wenn man sich ein neues Ziel vornimmt, mutig aufbricht und zusammenhält.

Genau dies tun die vier klapprigen Tiere, die von ihren Herren und Frauen ausgesondert werden, weil sie nicht mehr zum Dienst taugen. In der Puppenkiste hat die dramatische Wende in ihrem Dasein einen Namen: Jakobinia, die Räuberhauptfrau, die skrupellos an sich rafft ohne Rücksicht auf Verluste. Das Nudelholz genügt ihr als Waffe, das Weib ist resolut genug, um sich überall durchzusetzen. „Sachen klauen, Dinge rauben, was nicht niet- und nagelfest, landet in mei’m Räubernest“, singt Jakobinia mit der Reibeisenstimme von Mechthild Großmann, bekannt als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort.

Eine subversive Inszenierung

Ihren Namen trägt sie nicht umsonst: Regisseur Florian Moch macht sie zur Revolutionärin, die sich holt, was sie als das Ihre betrachtet. Jakobinia ist die Rächerin in einer Ausbeutergesellschaft. Die sie bestiehlt, sind nicht besser als die Räuberin, mögen sie auch bürgerliches Ansehen genießen. Subversiv geht Mochs Inszenierung mit diesem Kampf aller gegen alle um. Denn die vier Tiere – Esel, Hund, Katze und Hahn – realisieren die lebensfreundliche Alternative dazu. Das ist gewiss kein Kinderkram, doch die Kinder, sogar die Jüngsten, haben ihre helle Freude am Stück.

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Das liegt vor allem an dem pfiffigen Marionettenspiel und den eingängigen Liedern, die Ensemblemitglied Martin Stefaniak komponiert hat. Rasch wird das lautmalerische „Iii-ah, wau wau, miau, kikerikii! Wir laufen jetzt nach Bremen“ zum Ohrwurm, den die Kinder mitsingen. Moch hat den Tierfiguren schonungslos ihre Handicaps eingeschrieben: der krumme Rücken des Esels, der hinkende, struppige Jagdhund, die zerzauste Katze und der allzeit heisere Hahn. Sie wissen um ihre Mankos, doch ihr Selbstbewusstsein bricht dadurch nicht. Es sind Persönlichkeiten, jede mit ihrer Mundart ausgestattet: hanseatisch vornehm die Katze (gesprochen von Eva Maria Keller), mit Berliner Schnauze der Hahn (Bela B.), ein schnoddriger Vorstadtjunge der Hund (Gerd Meyer) und gar nicht dumm der Esel (Michael Brandner).

Detailfreudige Bühnenbilder

Mit den Dialekten geht es fröhlich weiter in dem Stück: Sächsisch, Schwäbisch, Bairisch. Wer nicht mehr weiß, wie vielfältig die Deutschen sind, kann es hier auf charmante Weise kennenlernen – Moch denkt auch an Migranten im Publikum. Außerdem hat er seine Lust an Wortspielen und Redensarten. Und mancher listig-launige Seitenhieb ist auch dabei: „Naja, unsere Rente ist sicher“, sagen die vier Tiere. Für fantasievolle Schauwerte sorgen die detailfreudigen Bühnenbilder von Hans Kautzmann.

Der Spielverlauf folgt getreu dem Märchen, in den Stationen pfiffig ausgeschmückt. Etwa um die Maus, die der Schneiderin die Stoffe zerlöchert, oder um das Häschen, das zwar der Flinte des Jägers, aber nicht Jakobinias Käfig entgeht. Alles geht gut aus – mit einer überraschenden Wende auch für Jakobinia. Das Leben siegt.

Die Vorstellungen bis 3. Dezember sind bis auf Restkarten ausverkauft. Ab 28. Februar wird das Stück wieder gespielt.

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