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Augsburger Geschichte

06.07.2017

Das Schaurhaus war ein Bilderbuch

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3 Bilder
Die Drogerie Gebr. Schaur nach der Neubemalung im Jahr 1914. Die seit 1766 mit Bildern geschmückte Fassade prägte bis 1944 die Westseite des Metzgplatzes mit dem Georgsbrunnen.
Bild: Sammlung Häußler

Apotheker stellte am Metzgplatz Salben her und richtete eine Fayencen-Manufaktur ein. Warum er das Gebäude auffällig bemalen ließ. Nach der Bombennacht war es ein Totalschaden.

An der Westseite des Metzgplatzes am Fuß der Perlachbergs steht ein Gebäude in typischer Nachkriegsarchitektur: ein glattflächiger, unproportionierter „Kasten“ mit Flachdach. Er entstand gemäß einer Vorgabe des Stadtbaumeisters Ende der 1940er-Jahre, dass ein Neubau an der Stelle des 1944 zerstörten „Schaurhauses“ die Sicht auf den Perlachturm nicht verdecken dürfe. Das tat nämlich das historische Vorgängergebäude mit vier Vollgeschossen und einem doppelstöckig ausgebauten Mansarddach.

Die obere Hälfte des Perlachturms ist zwar seither vom Metzgplatz aus sichtbar, doch dass man ihn vorher nicht sah, störte zwei Jahrhunderte lang niemanden. Warum? Das Schaurhaus war bemalt! Diese „Bilderwand“ prägte die Westseite des Metzgplatzes mit dem Georgsbrunnen. Die riesige bemalte „Breitwand“ des Schaurhauses täuschte ein mächtiges Bauwerk vor. Das Gebäude wies pro Obergeschoss neun Fenster und im Eckerker weitere schmale Fenster auf. Der Giebel zum Perlachberg enthüllte den „Betrug“: Das Haus war zwar enorm breit, aber nur drei Fenster tief.

Der Apotheker, Chemiker und Destillateur Johann Caspar Schaur (1681–1761) verdiente mit seinen Salben und Essenzen gut. Er konnte es sich leisten, in seinem Garten vor dem Schwibbogentor um 1735 die erste „Porcelain Fabrique“ in der Reichsstadt Augsburg einzurichten. Er erhoffte sich ein Geschäft mit der Produktion von Fayencen, die das teure Porzellan imitierten. Das gelang nicht, die Fayence-Manufaktur bestand nur kurz. Derzeit sind lediglich acht eindeutig der Schaur’schen Manufaktur zuzuordnende Keramiken bekannt: Ein 1736 datierter Birnkrug, eine Schnapsflasche, ein Walzenkrug und fünf Enghalskrüge tragen Schaurs Marke, einen Pinienzapfen.

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Kaiserliche, königliche und kurfürstliche Privilegien

Weit erfolgreicher waren Johann Caspar Schaur und sein Sohn Georg Matthias mit dem von ihnen entwickelten „Universalbalsam“. Er soll sich bei Kriegsverwundungen ebenso bewährt haben wie bei inneren Erkrankungen. Der Balsam machte die Familie reich. Schaur belieferte Heere und erhielt kaiserliche, königliche und kurfürstliche Privilegien. Der Reichtum bekam sichtbaren Ausdruck: 1758 kaufte der „Chemicus“ Georg Matthias Schaur ein Haus am Metzgplatz und ließ es aufstocken.

1766 engagierte der erfolgreiche Geschäftsmann den Augsburger Akademiedirektor Johann Baptist Bergmüller zur Bemalung der zwei sichtbaren Hausseiten. Zum einen wollten sich die aus Pfersee zugezogenen, durch ihr Allheilmittel reich gewordenen Schaur als wohlhabende Augsburger Bürgerfamilie darstellen, zum anderen die Schmalbrüstigkeit ihres Stadthauses kaschieren. Der damalige „Malerfürst“ J. B. Bergmüller stellte Reichtum und Ruhm gebührend dar. Er schuf ein Bildprogramm aus Wappen, Porträts und Allegorien. Verbleibende Flächen gestaltete er ornamental.

Nach altem Vorbild bemalt

Als 1878 ein Brand die oberen Geschosse und den Dachstuhl in Mitleidenschaft zog, waren die Fresken an der Fassade verblasst, im Giebelbereich fehlten sie völlig. Das Gebäude war noch immer in Familienbesitz. Der Kaufmann August Schaur betrieb darin ab den 1880er-Jahren eine „Materialwarenhandlung“ und eine Drogerie. Er ließ die Fassade nach dem Brand wieder nach altem Vorbild bemalen. Die Farbigkeit verging jedoch schnell. Nachdem 1911 der Perlachturm bemalt worden war und 1914 die Freskierung des neuen Weberhauses begonnen hatte, wollte August Schaur nicht hintanstehen: Der Drogeriewaren-Großhändler und Kaffeeröster ließ die Fassade renovieren und neu bemalen. Er machte sein Geschäftshaus wieder zum Vorzeigeobjekt. Der Münchner Kunstmaler Hans Kögl erneuerte den figürlichen Schmuck.

Malereien wiesen Fehlstellen auf

Die allgemeine Bewunderung schlug sich in Zeitungsberichten nieder, und das „Königliche General-Konservatorium“ in München äußerte sich sehr anerkennend über die künstlerische Qualität. Als 1943 das Schaurhaus letztmals von Fotografen dokumentiert wurde, wiesen die Malereien zwar Fehlstellen auf, waren aber noch gut erkennbar. Nach der Bombennacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 musste das Gebäude unter die Totalschäden eingereiht werden. Schwarz-Weiß-Fotos und farbige Vorzeichnungen von 1914, verwahrt in den Städtischen Kunstsammlungen, berichten von der Pracht des einstmaligen Fassadenschmuckes des zerstörten Schaurhauses am Metzgplatz.

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