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Kolumne Radlerleben

19.02.2018

Das erste bisschen Freiheit

Wenn ein Kind zum ersten Mal alleine Fahrrad fährt, ist das ein großer Moment - auch für den Papa.
Bild: Sven Külpmann

Wenn ein Kind zum ersten Mal alleine Fahrrad fährt, ist das ein großer Moment - auch für den Papa. Unser Kolumnist erzählt.

Mein erstes Fahrrad schob ich lange mit mir herum. Die Stützrädchen wollte ich nicht. Die waren doof, denn man blieb doch immer irgendwie stecken oder verlor die Traktion am Hinterrad. Also mussten sie ab, egal, ob ich daraufhin erst einmal zu vorsichtig war, es auszuprobieren. Monate später wurde es meinem Vater dann zu bunt und er nahm mich mit, an einen leicht abschüssigen Weg.

Dann ging alles schnell. Ein wenig Rollen mit Papa als Sicherheitsnetz. Ein wenig mehr Selbstvertrauen - bis zu dem Punkt, an dem er losließ und der Schreck darüber mich ins Taumeln brachte und ich fiel. Getröstet werden, nochmal probieren. Auf einmal lief es, beziehungsweise rollte. Von da an stand die Welt offen. Ein Jahr später war ich derjenige, der nach der Bodenseerunde nicht heim wollte, sondern weiterfahren. Die Großen hatten ihre Autos und Motorräder, ich mein Fahrrad. Kleine Radrunden durchs Viertel waren die Abenteuer meiner Kindheit. Seither fühle ich mich auf dem Rad zu Hause, nutze ich es im Alltag und um den Kopf frei zu bekommen.

Gute 30 Jahre später stehe ich im Wittelsbacher Park und fühle Freudentränen in meinen Augen, als ich in das glückliche Gesicht meiner kleinen Tochter blicke.

Und gleich weiter

Voller Aufregung fasst sie die Ereignisse der letzten halben Stunde zusammen: "Ich bin ganz allein gefahren! - Papa hatte keine Hände am Sattel! - Ich war wackelig! - Ich bin ganz allein gefahren! - ... " Kein Wort von dem ersten Sturz, der sich exakt so auch damals bei mir zugetragen hatte, stattdessen eine Endlosschleife der Glückseligkeit. Besser, wir trinken erstmal Tee. Kaum ist ihre Tasse leer, will mein Stehauf-Mädchen weiterfahren!

Nachvollziehbar, schließlich hat sie nun ein Sechstel ihres dreijährigen Lebens auf diesen Moment gewartet. Seit einem halben Jahr ist kein Kinderrad am Spielplatz vor ihr sicher gewesen, jedes Rad - besonders, wenn es blau war - ist ausgiebig begutachtet worden. Meine Leidenschaft muss wohl auf sie übergesprungen sein. "Blaues Fahrrad kaufen?!" wurde ich beinahe jede Woche gefragt. Bis ich ihr sagte, dass wir erst ihre Beinlänge messen mussten: Da noch 1,5 cm fehlten, sagte ich ihr, sie müsse noch warten. Doch sie ließ nicht locker - von da an lautete ihre Aufforderung in unregelmäßigen Abständen: "Beine messen!" An ihrem Geburtstag war es endlich so weit: Eine Woche vorher waren ihre Beine bei der Mindestlänge für das auserwählte Rad angekommen. Die Überraschung konnte ich für den kleinen scharfsinnigen Geist nicht mehr geheimhalten. Doch am großen Tag blieb ihr nichts anderes übrig, als das Rad stolz durch die Wohnung zu schieben, leider war sie krank. Der Freude tat das keinen Abbruch und wir zählten die Tage bis zum Umstieg vom Lauflernrad auf das erste echte Fahrrädchen.

Der erste Schritt

Nun ist sie offenkundig enttäuscht, dass es noch nicht ganz ohne Papa klappt, aber jeden kleinen Erfolg feiert sie. "Papa hatte keine Hände am Sattel" wird irgendwann zu "Ich fahre zum Spielplatz" werden, später zu "Ich fahre meine Freundin besuchen". Ich werde jeden dieser Schritte hinein in die selbstbestimmte Mobilität feiern, denn jeder einzelne davon ist auch ein Schritt in die Unabhängigkeit. So wird das Radfahren einmal mehr zur Lebensmetapher: Wir Eltern wünschen, dass unsere Sprösslinge selbstbestimmt ihre Lebenswege bestreiten können? Dafür dürfen wir keine Bremsklötze sein, sondern sollten sicherstellen, dass die Bremsen funktionieren und der kleine Mensch sie zu benutzen weiß.

Wir wollen, dass sie gradlinig voranschreiten können? Dafür bringen wir ihnen bei, die Balance zu wahren und umsichtig zu sein. Radfahren kann vieles davon auf physische und mentale Weise lehren, weshalb wir unseren Kindern jede Chance dazu geben sollten, egal ob auf dem Weg zum Spielplatz oder zur Schule.

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