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Interview

08.07.2020

Das sagt der neue Chef der Polizei Augsburg Mitte über die Maxstraße

Von München nach Augsburg: Andreas Schaumaier leitet seit März die Polizeiinspektion Mitte in Augsburg. „Seine“ Polizisten des größten Stadtreviers haben besondere Herausforderungen zu stemmen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Andreas Schaumaier leitet seit März Augsburgs größte Polizeiinspektion. Im Interview spricht er auch über Respektlosigkeit gegenüber Beamten.

Herr Schaumaier, Sie sind seit März neuer Leiter der Polizeiinspektion Mitte. Sie kommen aus München. Wie gefällt Ihnen Augsburg?

Andreas Schaumaier: Sehr gut. Meine Frau sagt schon, ich rede zu viel von Augsburg (lacht). Momentan pendle ich von unserem Zuhause im Großraum München jeden Tag hierher. Aber ich suche eine Wohnung hier. Ich hatte bereits in den Jahren zuvor Berührungspunkte mit Augsburg.

Wie kam das?

Schaumaier: Ich habe das Projekt Bodycam, deren Erprobung bei den Dienststellen und die bayernweite Einführung der Kameras geleitet. Wenn man die Bodycams testen will, sucht man die Städte aus, in denen es am meisten Gewalt gegen Polizeibeamte gibt. Eine statistische Auswertung ergab, dass Augsburg zum damaligen Zeitpunkt hier ganz vorne lag. Aus Sicht der Polizeiinspektion Mitte war dafür das Nachtleben in der Maximilianstraße mit ein Grund. Ich denke, dass sich das im Wesentlichen auch nicht großartig verändert hat. Ende 2016 war die Erprobungsphase. Sie dauerte ein Jahr. Bodycams sollen im Übrigen in erster Linie präventiv wirken, damit es im Einsatzgeschehen oder bei einer Kontrollsituation gar nicht erst eskaliert.

Als die Polizei in die Maxstraße kam, war das Geschehen schon eskaliert

An dem einen Abend in der Maximilianstraße vor dem Café Corso aber kam es zu einer Eskalation …

Schaumaier: In diesem konkreten Fall waren zunächst Mitarbeiter des städtischen Ordnungsdienstes vor Ort. Sie riefen die Polizei dazu. Die Kollegen kamen also zu einem Zeitpunkt, als das Geschehen schon eskalierte. Zu dem genauen Vorgang kann ich nichts sagen. Das ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Ein nächtlicher Polizeieinsatz in der Maxstraße Ende Mai eskalierte.
Bild: Axel Mengewein

Die Polizeibeamtinnen und -beamten an diesem Abend wirkten auf manche recht jung.

Schaumaier: Ob jung oder alt – das hängt auch immer aus der individuellen Sicht des Betrachters ab. Die PI Mitte verfügt aktuell über 123 Beamtinnen und Beamten. Sie ist damit die größte Polizeiinspektion in Augsburg. Das Durchschnittsalter der Polizisten auf diesem Revier liegt bei 37 Jahren. Natürlich haben wir eine Reihe von jungen Beamten. Generell muss man aber sagen, dass wir in Bayern eine qualitativ hohe Ausbildung mit vielen Praxiselementen haben. An der Qualität unserer Polizeibeamten gibt es nichts zu kritisieren.

Das Nachtleben ist, soweit möglich, wieder gestartet, doch Corona-Regeln müssen eingehalten werden. Ist diese Situation für Ihre Einsatzkräfte besonders herausfordernd?

Schaumaier: Die Anforderungen in der Partyszene sind für die Beamten generell erheblich. Gerade zu fortgeschrittener Stunde, wenn Konflikte entstehen, die mit Alkohol- und Drogeneinfluss einhergehen. Nicht jeder geht freundlich mit der Polizei um. Aber das ist nicht erst seit Corona festzustellen. Die coronabedingten Beschränkungen, die Unternehmer oder Wirte haben, bei denen es auch um Existenzen geht, sind allerdings Komponenten, die eine Rolle spielen können.

Streifendienst in Augsburger Innenstadt nach Stuttgart-Vorfälle aufgestockt

Zeigen Vorfälle wie in Stuttgart, dass Aggression und Respektlosigkeit gegenüber der Polizei eine neue Dimension erreicht haben?

Schaumaier: Vorfälle wie in Stuttgart haben wir natürlich sehr im Fokus und sind entsprechend sensibel. Wir haben aufgrund der Ereignisse dort am Wochenende darauf auch unser Personal für den Streifendienst in der Augsburger Innenstadt aufgestockt. Ohnehin versuchen wir im Augsburger Nachtleben möglichst vor Ort zu sein, damit gewisse Situationen gar nicht erst entstehen.

Und doch gab es einen Vorfall mit einem E-Scooter-Fahrer in der Maxstraße. Als die Polizei ihn kontrollierte, solidarisierten sich Umstehende mit ihm gegen die Beamten. Mal wieder …

Schaumaier: Das Phänomen der Solidarisierungseffekte gibt es seit einigen Jahren. Auch bei anfänglich niedrigschwelligen Kontrollen aufgrund einer vorangegangenen Beleidigung oder Körperverletzung stellen wir fest, dass sofort die Smartphones gezückt werden. Oftmals wird von Umstehenden erst ab dem Zeitpunkt gefilmt, wenn die Polizei eine Maßnahme durchsetzen muss. Die Situation vorher wird aber nicht aufgenommen. So eine Aufnahme kann dann einen anderen Eindruck eines Ablaufs vermitteln.

Polizeiinspektionsleiter Andreas Schaumeier im Gespräch.
Bild: Ulrich Wagner

Woher kommt das Solidarisierungsphänomen und warum haben junge Menschen nicht mehr so viel Respekt vor Einsatzkräften?

Schaumaier: Das ist eine gesellschaftliche Angelegenheit. Diese Autoritätsverluste kann man auch gegenüber Rettungsdiensten, Feuerwehren oder Lehrern beobachten. Die Ursachen sind vielfältig.

In den sozialen Netzwerken wird generell viel geschimpft – auch über die Polizei und deren Einsätze. Lesen Sie sich so etwas durch?

Schaumaier: Natürlich schaut man sich das an, wie es meine Kolleginnen und Kollegen auch tun. Man muss sich um die Kollegen kümmern, weil sie das schon deutlich wahrnehmen.

Er hört sich die Sorgen der Kollegen bei der PI Mitte an

Wie unterstützen Sie als Inspektionsleiter Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Schaumaier: Durch Gespräche. Es ist das A und O, sich ihre Sorgen anhören. Letztendlich steigt nach solchen Vorkommnissen die Sensibilität. Als Polizei geht es uns um die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger als Grundlage für ein dauerhaftes gesellschaftliches Wirken.

Hat sich durch Corona an den Schwerpunkten der Arbeit Ihrer Inspektion was verändert?

Schaumaier: Es gibt nach wie vor die Schwerpunkte, wie den Königsplatz etwa. Die Besonderheiten durch Corona aber waren die beginnenden Versammlungen, bei denen es nachvollziehbar war, dass die Veranstalter auf symbolträchtige Plätze in Augsburg gehen wollten. Allerdings musste in der Kombination mit Gastronomie, mit Geschäften und Fußgängern nach anderen Lösungen gesucht werden. Denn es war schwer, die Mindestabstände einzuhalten. Das alles war ein Stück weit Neuland. Es war richtig, die Versammlungen auf den Plärrer zu verlegen. Zwischenzeitlich waren dort über 1000 Menschen, da hätte der Rathausplatz bei Weitem nicht mehr gereicht. Wir haben auch da gut mit der Stadt zusammengearbeitet.

Als es einmal auf dem Rathausplatz zu voll wurde, wurden die weiteren Demos gegen die Corona-Maßnahmen auf den Plärrer verlegt.
Bild: Peter Fastl (Archiv)

Bringt für Ihre Kollegen der Wegfall der Großveranstaltungen durch Corona etwas Entlastung?

Schaumaier: Nein. Wie gesagt, dafür finden nun die Kundgebungen statt, die jetzt auch mit Aufzügen begonnen haben. Wir hatten die Grundrechtsdemo mit einem längeren Weg oder Fridays for Future, die eine Radversammlung abhielten. Das sieht auf den ersten Blick nach leichter Arbeit für uns aus. Doch die Vorbereitungen, die von Streckenplanung über Gespräche mit der Stadt bis zur Absicherung der Strecke gehen, sind aufwendig. Dazu kommt noch die Präsenz in der Partyszene an den Wochenenden und an den Abenden vor Feiertagen. Meine Kolleginnen und Kollegen sind seit Wochen an den Wochenenden enorm belastet. Nichtsdestotrotz hätten sie die Sommernächte gerne begleitet. Trotz aller Herausforderungen ist das Innenstadtfest immer ein Höhepunkt im Jahr.

Sie haben zuvor in München gearbeitet. Was waren dort Ihre Aufgaben?

Schaumaier: Ich war in München über vier Jahre Dienststellenleiter der Polizeiinspektion 43 Olympiapark. Dazu gehören der Park und das Olympiastadion. Dementsprechend ging es um die Einsatzleitung bei Großveranstaltungen, wie Konzerte, Hauptversammlungen von Unternehmen und Parteitage. Die PI 43 betreut zudem auch Feldmoching und das Hasenbergl mit, wobei die Kriminalitätsbelastung dort nicht mehr so hoch ist, wie das mal in der Vergangenheit war. Aber es war dennoch eine Herausforderung.

Revier-Leiter: Einen Amoklauf wie in München hielt man nicht für möglich

In Ihre Zeit dort fiel auch der Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum …

Schaumaier: Das war eine Tat, wie man sie damals in München nicht für möglich gehalten hätte. So ein Szenario hatte man bei uns zwar schon in Konzepten gehabt. Aber derartige Attentatslagen kannte man bis dahin nur aus anderen Städten wie Paris. Ich hatte einige Kollegen in der Anfangsphase im OEZ, als der Täter sich noch nicht erschossen hatte. Die Situation war zunächst unklar. Man wusste nur, es sind Schüsse gefallen. Das sind Situationen, die letztendlich jeden Polizeibeamten sein ganzes Berufsleben begleiten. Es kommt ein Notruf, aber der Beamte weiß zu dem Zeitpunkt nichts über den kompletten Sachverhalt. Das ist schon eine sehr anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit. Bei der PI Mitte in Augsburg fährt man von Einsatz zu Einsatz. Das geht über Verkehrsunfälle, Streitigkeiten, häusliche Gewalt und nach oben ist das Ganze nicht begrenzt.

Warum mögen Sie Ihren Beruf?

Schaumaier: Ich bin mit voller Überzeugung Polizist. Und diese volle Überzeugung stelle ich auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen tagtäglich fest. Dass dies so bleibt, ist eine der wichtigsten – wenn nicht sogar die wichtigste Aufgabe – eines Dienststellenleiters für seine Inspektion.

Nach dem Tod von George Floyd in den USA ist auch in Deutschland eine Debatte über strukturellen Rassismus entbrannt. Über dieses Thema haben wir mit Stadträtin Lisa McQueen gesprochen. Hier finden Sie unseren Podcast zum nachhören.

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