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Augsburger Geschichte

20.11.2019

Das waren Messerschmitts Flugzeug-Giganten

Ein verwundeter Soldat fotografierte im März 1943 die riesige Me 323 „Gigant“ auf dem Flugplatz Smolensk in Russland, mit der er nach Warschau geflogen wurde.
Bild: Sammlung Häußler

Plus Der Großsegler Me 321 „Gigant“ wurde für die Invasion in England entwickelt. Die sechsmotorige Me 323 „Gigant“ war das größte Landflugzeug der Welt.

Beim Namen Willy Messerschmitt denkt man vornehmlich an Jagdflugzeuge wie die Me 109, doch auch andere ein- und zweimotorige Messerschmitt-Flugzeuge wurden gebaut. Der militärische Bedarf war im Zweiten Weltkrieg so groß, dass zahlreiche Messerschmitt-Werke außerhalb von Augsburg die Produktion übernahmen. Die Messerschmitt-Filiale Regensburg mit den Werken Prüfening und Obertraubling nahm eine Sonderrolle ein: Regensburg entwickelte sich bis 1943 zum zweitgrößten Produktionsstandort für Flugzeuge in Europa.

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Mit Obertraubling ist die Geschichte der Messerschmitt-Großflugzeuge „Gigant“ untrennbar verbunden. Die Idee dafür kam von Willy Messerschmitt. Er schlug im Oktober 1940 den Bau riesiger, unmotorisierter Lastensegler vor und beauftragte seinen Mitarbeiter Joseph Fröhlich mit der Entwicklung.

Unter höchster Geheimhaltung entstand der Prototyp des Luftgleiters mit der Bezeichnung Me 321 Gigant im Messerschmitt-Werk Leipheim. Am 25. Februar 1941 konnte er erstmals erprobt werden. Das Reichsluftfahrtministerium bestellte 200 Lastensegler. Je zur Hälfte sollten sie in Obertraubling und in Leipheim gebaut werden.

Transportflugzeug für Operation Seelöwe

Die Me 321 Gigant war für das „Unternehmen Seelöwe“ – die Landung deutscher Truppen in England – vorgesehen. Jeder Segler sollte 22 Tonnen Kriegsgerät, Fahrzeuge oder 200 Soldaten absetzen. Solche Fracht erforderte eine stabile Tragekonstruktion des Lastenflugzeugs. Sie bestand aus Stahlrohr, ansonsten wurde Sperrholz verbaut. Die Haut war lediglich eine Stoffbespannung. Die Bezeichnung „Gigant“ war aufgrund der Dimensionen zutreffend: Es war ein motorloses Luftfahrzeug mit einem Eigengewicht von 13 Tonnen.

Um es in die Luft zu bringen, mussten anfangs drei zweimotorige Me 110 oder eine dreimotorige Ju 90 als Schleppflugzeuge eingesetzt werden. Dann wurde dafür die fünfmotorige Zwillingsmaschine He 111 Z entwickelt. Starthilfe leisteten Schubraketen. Hatte sich der Segler vom Boden gelöst, warfen die Piloten das 1700 Kilo schwere Fahrwerk ab. Erst kurz vor dem Ziel wurde das Schleppseil ausgeklinkt. Im Gleitflug steuerte das Riesenflugzeug den Landeplatz an und setzte auf Kufen auf. Die Me 321 war bei Erprobungsflügen wiederverwendbar. Bei einer Landung im Feindgebiet musste es bei der Einmalnutzung bleiben.

Der unmotorisierten Me 321 folgte die motorisierte Me 323. Die Versuchsmaschine startete im April 1941 mit vier 720-PS-Motoren. Das Riesenflugzeug erwies sich als untermotorisiert.

Nur wenige Viermotorige flogen, die Me 323 bekam sechs Motoren. Insgesamt 201 Maschinen wurden fertiggestellt. Mit einer Spannweite von 55 Metern war die „Gigant“ zeitweise das größte Landflugzeug der Welt. Zum Vergleich: Der ab 1972 gebaute Airbus 300 besitzt eine Spannweite von 45 Metern!

Eine sechsmotorige Me 323 „Gigant“ hebt ab. Das Startgewicht des beladenen Großraumtransporters konnte bis zu 43 Tonnen betragen.
Bild: Sammlung Häußler

Die riesige Me 323 sollte sowohl als Frachtflugzeug wie als Truppentransporter einsetzbar sein. Sie hatte ein Leergewicht von 27 Tonnen und konnte bis zu 16 Tonnen befördern. Fahrzeuge und Geschütze fuhren durch den wie ein Tor zu öffnenden Bug in den Rumpf.

Als Truppentransporter waren 130 bewaffnete Soldaten oder 60 Verwundete die Beförderungskapazität. Je nach PS-Stärke der sechs Motoren kam eine beladene Me 323 auf eine Reisegeschwindigkeit von 210 bis 240 Stundenkilometern. Mit fast 11000 Litern Sprit betrug die Reichweite 950 bis 1150 Kilometer.

130 bewaffnete Soldaten oder 60 Verwundete passten in die ME 232

Die Invasion in England, für die die segelnden „Giganten“ entwickelt wurden, unterblieb. Bei der für Juli 1942 geplanten Besetzung Maltas sollten eine Me-321-Seglerflotte und sechsmotorige Me 323 zum Einsatz kommen.

Auch daraus wurde nichts. Bei der Invasion auf Kreta im Mai 1941 waren relativ kleine Militärsegler DFS 230 gelandet. Sie hatten neben dem Piloten neun Soldaten befördert.

Von Mai 1941 bis April 1942 bauten die Messerschmitt-Werke in Leipheim und Obertraubling die bestellten 200 Me-321-Lastensegler. Einige kamen 1941 an der Ostfront zum Kriegseinsatz. Die übrigen Segler wurden zu Me 323 motorisiert.

In Großverbänden mit Begleitschutz fliegend, versorgten die fliegenden Schwertransporter deutsche und italienische Truppen in Nordafrika mit Kriegsmaterial, Treibstoff und Verpflegung. Auf dem Rückflug nahmen sie Verwundete mit. Fotos dokumentieren Me 323 auf Flugplätzen in Italien, Griechenland, Tunesien, Russland und Polen.

Etwa 65 Me 323 Gigant gingen im Mittelmeerraum verloren, 25 wurden beschädigt. Ein schwarzer Tag war der 22. April 1943: 14 mit Benzin für das Afrikakorps beladene sechsmotorige „Giganten“ (52 Fässer, je 250 Liter) wurden von englischen Jagdflugzeugen beim Cap Bon in Tunesien abgeschossen. Im Mittelmeer, etwa fünf Kilometer vor der Nordküste Sardiniens bei La Maddalena, liegt seit 26. Juli 1943 in etwa 60 Meter Tiefe eine sechsmotorige „Gigant“. Das relativ gut erhaltene Gerippe ist ein beliebtes Tauchziel. Für die restliche Me-323-Lufttransporter-Flotte war 1943/44 Osteuropa das Einsatzgebiet.

Serie: Stadthistoriker Franz Häußler hat viele Dokumente, Aufzeichnungen und Bildernachlässe zu Willy Messerschmitt und über das Flugzeugbau-Unternehmen Messerschmitt AG ausgewertet und niedergeschrieben.

Person: Die Messerschmitt AG gehörte in den 1930er-Jahren zu den größten Rüstungsbetrieben im Deutschen Reich. Messerschmitt war Chefkonstrukteur und zwischenzeitlich auch Vorstandsvorsitzender.

Zwangsarbeit: Nach Angaben der städtischen Kommission für Erinnerungskultur arbeiteten ab 1943 Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für den Konzern – unter „menschenunwürdigen Bedingungen“. Nach dem Krieg wurde Messerschmitt in der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft. Die Kommission schlug daher vor, an der nach ihm benannten Straße neben seinem Wirken als Konstrukteur auch auf seine Rolle in der NS-Rüstungsindustrie hinzuweisen.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie hier.

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