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Augsburg

21.01.2019

Debatte um Leserbrief: Sind die Augsburger wirklich so schlimm?

Mitfiebern beim FCA, Feiern bei den Sommernächten, Erholung am Wertachufer, Massen auf dem Plärrer: Wie ist er denn so, der Augsburger? Und stimmen die Vorurteile?
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Mitfiebern beim FCA, Feiern bei den Sommernächten, Erholung am Wertachufer, Massen auf dem Plärrer: Wie ist er denn so, der Augsburger? Und stimmen die Vorurteile?
Bild: Silvio Wyszengrad

Rüdiger Bergmann nannte die Augsburger in einem Leserbrief "verstockt, wortkarg, zurückhaltend". Wir haben gefragt, was Augsburger der Kritik entgegnen.

Rüdiger Bergmann hat in einem Leserbrief in einer Münchner Zeitung über die Augsburger geschimpft. Auf unseren Artikel, warum er mit den Menschen hier nichts anfangen kann, gab es zahlreiche Reaktionen.

Melanie Feiler, Augsburg: Ich bin 36 Jahre alt und vor sechs Jahren mit meinem Mann aus Franken nach Augsburg gezogen. Die Meinung von Herrn Bergmann teilen wir ganz und gar nicht. Wir erleben die Augsburger im Gegenteil als sehr freundliche, fröhliche und aufgeschlossene Menschen. In den sechs Jahren, die wir hier leben, konnten wir schon viele Freunde finden. Häufig entstanden diese Freundschaften aus Zufallsbekanntschaften in Volkshochschulkursen. Darüber hinaus pflegen wir auch zu unseren Nachbarn freundschaftlichen Kontakt, wurden schon mehrfach zu ihnen nach Hause eingeladen. Wenn wir mit unserem Hund spazieren gehen, finden wir häufig Gelegenheit zu kleinen, netten Gesprächen, sodass wir uns hier richtig wohlfühlen. Unser Fazit: Die Augsburger sind wesentlich freundlicher als ihr Ruf.

Karin Krause, Stadtbergen: Ein bisschen kann ich es nachvollziehen. Ich bin 18 Jahre nach München gependelt, um dort zu arbeiten. Ich habe in dieser Zeit nicht viel mitbekommen, was in meiner Heimatstadt so alles abläuft. Nicht einmal die Augsburger Allgemeine habe ich gelesen. Dann der „Kulturschock“, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Sogar an die Sprache musste ich mich wieder gewöhnen. Aber es gibt in jeder Stadt „Idioten“. Und unser Kritiker darf auch nicht vergessen, dass Augsburg einen Migrantenanteil von fast 50 Prozent hat. Einen echten „Augschburger“ zu finden, ist da nicht leicht. Was mir noch aufgefallen ist: Augsburg ist eine „Kinderstadt“, vor allem am Abend, wenn man ausgehen will. Das habe ich aufgegeben.

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Reaktion auf Bergmanns Leserbrief: "Wie man in den Wald hinein ruft..."

Hildegard Deuse, Friedberg: Herr Bergmann sollte sich das Sprichwort zu Herzen nehmen: „Wie man in den Wald hinein ruft, so kommt es zurück.“ Ich bin in München aufgewachsen, habe einige Zeit in Passau und in Regensburg gelebt. Ich bin hier sehr zufrieden und kann die Vorwürfe nicht bestätigen. Man muss es auch wollen und sich eingliedern, dann findet man Anschluss.

Susanne Lindner, Augsburg: Manchmal hasse ich es, in Augsburg zu leben – das sind harte Worte für uns Augsburger. Ich bin hier vor 55 Jahren geboren worden und würde sagen, ich weiß, wie der Augsburger tickt. Ich vergleiche ihn einfach ab und zu mit unseren Kabarettisten Herrn und Frau Braun und Silvano Tuiach und empfehle jedem, sich einfach mal ein Programm anzusehen, dann nehmen sie den Augsburger so wie ich, mit Humor. Wir sind vorsichtig, wenn wir angesprochen werden, aber dann öffnen wir uns, sind freundlich, humorvoll, vielleicht mit etwas trockenem Humor, aber herzlich. Das lassen wir uns halt nicht gleich anmerken. Aber unfreundlich? Nein, wenn ich an die netten Verkäuferinnen beim Bäcker denke. Ich habe gemerkt, egal, wo ich mich auf der Welt befinde: Wenn ich mit einem Lächeln und strahlenden Augen durch die Welt gehe, werde ich überall freundlich empfangen und komme mit vielen Menschen ins Gespräch. Wenn ich das nicht möchte, strahle ich es aus und bleibe „alleine“, vielleicht auch einsam. Das hat jeder selbst in der Hand, es liegt nicht an den Menschen um mich herum. Ich liebe meine Stadt und ihre Menschen. Und das wird sich auch nicht ändern.

Leserbrief-Kritik unberechtigt? "Augsburger sind hilfsbereit..."

Hannelore Heim, Augsburg: Wir Augsburger sind freundlich, hilfsbereit und offen. Vielleicht etwas distanziert und abwartend neuen Menschen gegenüber, aber gern zu einem unverbindlichen Gespräch bereit. Wir setzen uns aber nicht einfach im Lokal zu fremden Leuten an den Tisch und das aus Rücksicht, weil wir nicht wissen, ob es den Gästen angenehm ist – im Vergleich zu den Münchnern. Ich wohne in der Innenstadt und drehe jeden Tag meine Runden – sei es in der Umgebung der Bahnhofstraße oder des Stadtmarktes – trinke dort meinen Cappuccino und genieße die Unterhaltung mit den Gästen. Ich kann nur sagen, dass ich über 60 Jahre in Augsburg wohne und mich hier sehr wohl fühle.

Ingrid Stettnisch, Königsbrunn: Mein Mann und ich sind gebürtige Augsburger und im Bärenkeller aufgewachsen. Ich kann guten Gewissens sagen, wir sind kontaktfreudig und finden auch immer wieder intensiven Austausch, wenn wir es wünschen. Die Erfahrungen von Herr Bergmann, glaube ich, gibt es in jedem Ort. Jeder setzt sich mal in einem Café in eine stille Ecke, um zu sinnieren und nicht zu reden. Das ist erlaubt. Klar gibt es von Region zu Region Unterschiede. Nehmen wir nur mal das Faschingsgeschehen: Zwischen Augsburg und Köln gibt es da einen Riesenunterschied, da kann auch München nicht mithalten. Ein anderes Beispiel: Gerade in Augsburg herrscht oft hektisches Gedränge, besonders in der Innenstadt. Dagegen geht es in Österreich, auch in einer Großstadt wie Wien, gemächlicher und ruhiger zu, was mir gefällt. Doch Mensch bleibt Mensch mit all seinen Facetten, gleich welchen Wohnorts. Und immer ist was Liebenswertes dabei. Es gibt immer ein Für und ein Wider, aber hassen und nicht mögen: Nein, das kommt gar nicht infrage, gleich wo man lebt. Ich finde Herrn Bergmanns Aussage widerspricht sich auch ein wenig. Keiner muss 17 Jahre freiwillig in einer Stadt wohnen, in der es ihm nicht gefällt. Doch eine Einschätzung teile ich gerne mit Herrn Bergmann: Leserbriefe schreiben befreit unheimlich die Seele.

Wortkarge Augsburger? "Den anderen so akzeptieren, wie er ist..."

Ruth Wörner, Augsburg: Ich bin gebürtige Augsburgerin und ich liebe meine Stadt, was nicht ausschließt, dass mir das eine oder andere auch nicht gefällt. Zum Thema „wortkarg“: Es kommt immer wieder vor, dass ich mit fremden Menschen ins Gespräch komme. Dies hat meines Erachtens viel damit zu tun, wie ich auf andere Menschen zugehe. Dass dabei Gestik und Mimik eine wichtige Rolle spielen, wird übersehen. Nun, ich habe es berufsbedingt gelernt, auf Menschen zuzugehen. Dass man mit Menschen, welche nur noch auf ihr Smartphone starren, nicht ins Gespräch kommen kann, ist kein Augsburger Problem. Wenn in einem Lokal eine Gruppe ablehnt, dass ich mich zu ihnen an den Tisch setzte, würde ich dies nicht persönlich nehmen. Es kann doch sein, dass in dieser Runde über sehr persönliche Dinge gesprochen wird, die einen Fremden nichts angehen. Umso mehr kann ich dies in Zeiten von Facebook und Twitter verstehen. Eine sehr gute Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen, wäre, sich ehrenamtlich zu betätigen. Dies setzt allerdings voraus, dass ich den anderen so akzeptiere, wie er ist.

Lars Kreihe, Augsburg: Selbst in Norddeutschland geboren und aufgewachsen, habe ich mit 16 Jahren den Weg nach Augsburg gefunden. Nach dem Abitur und dem Zivildienst in der Fuggerstadt und einem kurzen Intermezzo an der hiesigen Universität, habe ich Stationen in Rheinland-Pfalz, Südafrika, Hamburg und Münster hinter mir. Für mich war immer klar: Der Weg muss zurück nach Augsburg führen. Die Liebe zu „meiner“ Stadt geht so weit, dass ich täglich zur Arbeit nach Stuttgart pendle und jeden Abend froh bin, das Ortsschild „Augsburg“ zu passieren. Ich bin mit einer fantastischen Frau und zwei hervorragend geratenen Buben gesegnet, bin sozial eingebettet und habe Freunde fürs Leben in Augsburg gefunden. Wenn ich „Schickimicki“ will, fahre ich halt nach München. Umso schöner, immer wieder in Augsburg anzukommen, die Wertach entlang zu spazieren, im Biergarten zu sitzen (mit Freunden, die einen Platz freigehalten haben, Herr Bergmann) und darüber nachzudenken, ob der Mann, der mich eben auf der Straße nicht gegrüßt hat, morgen vielleicht einen Leserbrief schreibt...

Kritischer Leserbrief-Schreiber: "Hat Herr Bergmann vielleicht recht...?"

Ruppert Neumayer, Augsburg: Der ehemalige Münchner Rüdiger Bergmann kommt nach 17 Jahren Lebenszeit in Augsburg nicht mit den Augsburgern zurecht. Er moniert die „verstockte, zurückhaltende und wortkarge“ Art der Augsburger. Man blättert in der Augsburger Allgemeinen weiter und liest ein ganzseitiges Interview mit Andreas Rettig, der in seiner Abschiedsrede beim FCA sagte, dass „sechs Jahre nicht gereicht haben, das Wesen des Augsburgers zu ergründen“. Ich kombiniere: Hat Herr Bergmann vielleicht recht...?

Biggi Fischer, Augsburg: Der Artikel ist einerseits zum Schmunzeln, andererseits trifft leider einiges zu. In einem bekannten Café mit Straßenbewirtung zum Beispiel ging das Personal mit seinen Gästen derart unfreundlich-ruppig um, dass Gäste aus Nürnberg das Café wieder verlassen haben. In einem anderen bekannten Café mit Straßenbewirtung konnte ich beobachten, wie ungeschickt sich der Kellner dort verhielt und sich daraufhin die Touristin bei mir beklagte. Ich gab ihr den Rat, reinzugehen und den Sachverhalt zu schildern. Als sie wieder aus dem Café kam, teilte sie mir die ungeheuerlich gastfeindliche Reaktion mit und meinte, dass Augsburg für sie nicht mehr infrage kommen würde. Man muss sich hier des Öfteren fremdschämen. Ein anderes Beispiel sind Ur-Augsburger, die man in der Tram antreffen kann und die so manchen Frust an den Fahrgästen auslassen und ihnen vorhalten, was früher besser gewesen sei. Ich war jedes mal heilfroh, dass ich bald wieder die Tram verlassen konnte. Das Gejammere und Genörgel von so manch Älterem kann einem schon die Lebensfreude nehmen. Was man aber nicht übersehen darf: Die jüngere Generation ist wesentlich netter, freundlicher, umgänglicher und auch hilfsbereiter. Bis jetzt habe ich jedenfalls diese Erfahrung gemacht, vielleicht bleibt es auch so. Denn zu einer liebenswerten Stadt gehören liebenswerte Menschen.

Alfred Forster, Augsburg: Wir sind seit Dezember 2017 Bürger von Augsburg. Als in Schwabing 1951 geborener Münchner, habe ich mit meiner Frau bis dahin in München ein sehr schönes Jugendstilhaus bewohnt. Bedingt durch eine schwere Lungenkrankheit konnte ich die neun Halbtreppen in unserem Haus nicht mehr schaffen, und so wollte es das Leben, dass wir uns nach etwas anderem umschauten. Voller Skepsis erstanden wir ein ebenerdiges Haus, Baujahr 1890, in Kriegshaber. Etwa ein Jahr lang haben wir es komplett renovieren lassen. All das ausschließlich mit Handwerkern aus Augsburg und dem Umkreis. Entgegen unserer anfänglichen Skepsis waren, bis auf eine Ausnahme, alle kompetent und fachlich super. Aber nicht nur das, auch waren sie freundlich, entgegenkommend und sind auf unsere Wünsche eingegangen. Wir haben zum „Richtfest“ alle eingeladen und hatten viel Spaß. Wir gehen mittlerweile auch oft in Augsburg aus, zum Einkaufen, Kaffee trinken oder auch zum Essen. Auch hier kennen wir fast ausschließlich sehr freundliche Mitarbeiter, aber auch nette, gesprächsbereite Gäste. Unsere Nachbarn in Kriegshaber sind fast alle freundlich und auch hilfsbereit. Wir haben bisher keine Sekunde unseren Umzug nach Augsburg bereut.

Augsburger meinen: "Hier zu leben ist ein Geschenk"

Christine M. A. Huber, Augsburg: Seit meiner Geburt vor 67 Jahren lebe ich in Augsburg. Ebenfalls meine drei Söhne mit Anhang. Ich bin sehr gerne Augsburgerin und zeige mit Stolz „meine“ Stadt jedem, der sie entdecken möchte. Ich könnte jetzt endlos die Vorzüge dieser „schnuckeligen“ Stadt mit ihren lauschigen Ecken und ihrer vielfältigen Kultur aufzählen. Der Punkt ist folgender: Ich versuche immer (egal in welcher Stadt), freundlich, offen und zufrieden auf meine Mitmenschen zuzugehen, und ich werde zu meiner Freude weder von Menschen, noch von Städten enttäuscht. Hier leben zu dürfen, ist für mich ein großes Geschenk, das ich täglich dankbar annehme!

Ihre Meinung Welche Erfahrungen haben Sie mit „den Augsburgern“ gemacht? Kommentieren Sie hier oder schreiben Sie uns an: lokales@augsburger-allgemeine.de. Wir wollen möglichst viele Zuschriften in der Zeitung veröffentlichen, teilweise müssen wir die Texte deshalb auch kürzen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.01.2019

Bin vor 30 Jahren als "Franke" und mit meiner ausländischen Frau nach Augsburg zugezogen. Wir sind beruflich und geschäftlich sehr viel in Deutschland und im Inner-und außereuropäischen Ausland unterwegs. Deutschlandweit gesehen bin ich immer wieder froh, wenn ich nach Augsburg zurückkomme. Das Lebensgefühl hier , die Sicherheit und die für ein 300.000 Einwohnerstadt super Atmosphäre findet man woanders nicht so schnell. Sicher gibt es immer wieder mal Fälle wo nicht alles so läuft wie man sich das Vorstellt , aber im Vergleich mit anderen Städten in D. ist da Augsburg sehr human. Einfach mal öfters "aus dem Wohnzimmer" reisen und die andere Gegenden in Deutschland besuchen. Dann weis man, was man in und an Augsburg hat: eine Lebens- und Liebenswerte Stadt!

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21.01.2019

Man kann prinzipiell kein generelles Urteil über eine Stadt fällen. Jedoch muss man akzeptieren, dass es Erfahrungen Einzelner gibt, die nicht zu verleugnen sind.
Meine Erfahrungen als Zugereister sind ebenfalls sehr gegensätzlich. Die Unschönheiten, die ich in Augsburg erlebt habe, sind aber extrem.
Was mich hält, sind die vielen Möglichkeiten und die Nähe zu München.

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