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Interview

11.02.2019

„Der Hebammen-Mangel droht sich noch massiv zu verstärken"

Für mehr Hebammen müssen sich nach Einschätzung von Mechthild Hofner, der Vorsitzenden des Bayerischen Hebammenverbandes alle einsetzen, weil auch alle Familien betroffen sind.
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbol)

Bayern braucht dringend mehr Hebammen. Mechthild Hofner, die neue Vorsitzende des Hebammen-Verbands, hat konkrete Vorschläge, die sofort wirksam wären.

Immer mehr Hebammen in Bayern überlegen, aufzuhören. Das ergab eine Studie. Frau Hofner, Sie sind die neue Erste Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Verbandes und waren am Montag in Nürnberg beim Runden Tisch, den Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) einberufen hat, um die Versorgung mit Hebammen zu verbessern. Welches ist Ihre wichtigste Forderung?

Mechthild Hofner: Man muss ja zwischen langfristig und kurzfristig wirksamen Verbesserungen unterscheiden, und auch die langfristigen Verbesserungen müssen jetzt angegangen werden. Aber es gibt eben einen akuten Hebammenmangel und der droht sich laut der Umfrage noch massiv zu verstärken. Daher brauchen wir auch Maßnahmen, die sofort wirksam sind.

Und welche wären das?

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Hofner: Die Arbeits- und Rahmenbedingungen in der Geburtshilfe müssen in den Kliniken sofort verbessert werden. Und das wäre machbar. Wenn fachfremde Arbeiten wie das Putzen des Kreißsaals, Bettenputzen, Instrumentenversorgung an andere Berufsgruppen übergeben werden, sind dies Maßnahmen, die uns Hebammen sofort entlasten würden und schnell umgesetzt werden könnten. Auch bei den immer umfangreicher werdenden Dokumentationspflichten bräuchten Hebammen Unterstützung durch Schreibkräfte. Dies müsste an allen Kliniken flächendeckend gesichert sein. Denn dann haben die Hebammen wieder mehr Zeit für die werdenden Mütter.

Zu wenig Zeit für die Gebärenden ist ein Kritikpunkt, der immer wieder von vielen Hebammen genannt wird.

Hofner: Ja, die fehlende Zeit für die Frauen ist der große Frust. Wir Hebammen haben den Beruf gelernt, um die Frauen zu befähigen, eigenständig und natürlich ihre Kinder zur Welt zu bringen. Dafür braucht es Zeit, Geduld, einen geschützten Raum – und das ist oft nicht mehr möglich. Wir genügen nicht mehr der einen Frau, weil wir ständig mehrere Frauen gleichzeitig betreuen müssen. Das schafft nicht die Grundlage für eine sichere Geburt. Und es gibt noch einen weiteren Punkt, der in den Kliniken geändert werden müsste: Die Geburt muss wieder zurückgeführt werden zur physiologischen Geburt. Die Geburtshilfe muss interventionsärmer und nicht so pathologisiert werden. Geburt ist keine Krankheit. Ein gutes Beispiel haben wir im Klinikum Neuperlach, dort gibt es ein geburtshilfliches Team aus Ärzten und Hebammen, die die Physiologie der Geburtshilfe im Blick haben, was mit einer relativ niedrigen Kaiserschnittquote einhergeht. Unter diesen Bedingungen bleiben Hebammen viel länger in der Geburtshilfe tätig.

Die Kaiserschnittquote ist zu hoch?

Hofner: Ja, eindeutig. Ein Grund ist sicher auch, dass die Vergütung für einen Kaiserschnitt in der Klinik ungefähr doppelt so hoch ist wie die Vergütung einer physiologischen Geburt. Auch das müsste dringend geändert werden. Die Geburt ist primär ein ganz natürlicher Vorgang. Es ist der Beginn allen Lebens. Warum sorgen wir dann als Gesellschaft nicht dafür, dass dieser erste Schritt ins Leben in einer Atmosphäre voll Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit getan werden kann? Das betrifft die ganze Gesellschaft, und alle Akteure sind hier aufgefordert, sich dafür einzusetzen – alle Familien brauchen eine kompetente Hebammenbetreuung.

Sie fordern vor allem mehr Zeit für die Mütter. Im Idealfall hieße dies, dass sich in der Klinik nur eine Hebamme um eine Gebärende kümmert, oder?

Hofner: Die 1:1-Betreuung ist der Wunsch der Hebammenschaft. Und auch Studien belegen, dass dies die beste Voraussetzung für eine physiologische und sichere Geburt ist. Aber in der Realität sieht es so aus, dass eine Hebamme für drei oder gar vier Frauen zuständig ist. Und das ist zu viel. Ein fester Personalschlüssel mit Personaluntergrenzen ist daher eine ganz wichtige Forderung. Der Deutsche Hebammenverband fordert dies über das Geburtshilfestärkungsgesetz.

Nun schließen gerade kleinere Geburtskliniken, da es zu wenig Hebammen gibt.

Hofner: Ja, das ist ein Teufelskreislauf. Schließen kleine Kliniken, müssen die großen Zentren diese Geburten mit aufnehmen, ohne dass dafür vorher die Struktur zur Bewältigung der steigenden Geburtenzahl geschaffen wurde, das heißt personell wie auch durch zusätzliche Kreißsäle. Allerdings muss bei einer Schließung auch immer sehr genau geschaut werden, was wirklich dazu geführt hat.

Gerade kleine Kliniken stehen unter einem großen wirtschaftlichen Druck.

Hofner: So ist es. Damit sich eine Geburtsstation heute wirtschaftlich rechnet, müssten schon circa 1000 Geburten im Jahr dort stattfinden. Die Schließung kleiner, wohnortnaher Stationen ist aber auch die Folge einer Politik, die über Jahre die Zentralisierung in großen Kliniken gefördert hat. Erst jetzt gibt es ein Umdenken, weil klar wird, dass damit den werdenden Müttern Anfahrtswege von 40 Minuten und mehr zugemutet werden. Der lange Anfahrtsweg birgt auch Risiken für Mutter und Kind, die genau abgewogen werden müssen.

Die Staatsregierung versucht auch mit Geld, Hebammen für die Geburtshilfe zurückzugewinnen. Seit Herbst gibt es einen 1000-Euro-Bonus. Hilft er?

Hofner: Die 1000 Euro sind ein Dankeschön. Ein Zeichen der Wertschätzung, über das wir Hebammen uns auch freuen. Aber ich bin mir sicher: Keine einzige Hebamme wird aufgrund dieses Bonus in dem Beruf bleiben oder zurückkehren.

Hebammen wünschen sich vor allem mehr Zeit für die gebärenden Frauen. Vielen missfällt auch, dass die Geburt zunehmend als Krankheit gesehen wird und nicht als natürlicher Vorgang, der in einem ruhigen Umfeld ablaufen soll.
Bild: Caroline Seidel, dpa

Aber die Bezahlung ist ein Punkt, der verbessert werden muss, oder?

Hofner: Ja, die Vergütung muss angemessen sein. Aber das ist nur ein Punkt, um die Arbeitsbedingungen insgesamt attraktiver zu machen.

Auch wird eine Kinderbetreuung für Hebammen in Kliniken diskutiert.

Hofner: Es ist sicher gut, Angebote zu schaffen. Besonders für alleinerziehende Hebammen ist das wichtig. Aber was ist das denn für ein Ansatz? Hebammen haben oft Schicht- und Nachtdienste, arbeiten zehn bis zwölf Stunden, hinzu kommt noch die Fahrtzeit. Man mutet deren Kindern dann im Extremfall 14 Stunden-Tage zu. Nein, das kann es wirklich nicht sein und bringt sicher nicht Hebammen zurück in den Beruf. Was wir brauchen, sind alternative Arbeitszeitmodelle, die familienfreundliche Arbeitszeiten garantieren. Eine ganz wichtige Forderung in diesem Zusammenhang ist die Verlässlichkeit von freier Zeit. Wenn ich frei habe, muss ich mich als Hebamme darauf verlassen können, dass ich wirklich frei habe und nicht angerufen werde, weil eine Kollegin krank geworden ist. Dafür müsste ein ausreichend großer Pool an Bereitschaftshebammen im Hintergrund vorhanden sein.

Aber Hebammen fehlen.

Hofner: Das ist sicher ein Teufelskreislauf. Aber nur, wenn ich die Arbeits- und Rahmenbedingungen verbessere, habe ich die Chance, dass Hebammen wieder in den Beruf zurückkehren oder ihre Arbeitszeit wieder aufstocken. 50 Prozent der frisch examinierten Hebammen gehen sofort nach der Ausbildung gar nicht in die Geburtshilfe. In ihrer Ausbildung sind sie überwiegend an sogenannten „Level-1-Kliniken“ mit einem sehr hohen Interventionsgrad – das entspricht nicht der Art und Weise von Geburtshilfe, aus deren Selbstverständnis sie den Beruf gewählt haben.

Viele junge Hebammen konzentrieren sich also gleich auf die Vor- oder Nachsorge?

Hofner: Ja, aber auch in der Vor- und Nachsorge haben wir längst in vielen Regionen Bayerns einen Mangel.

Nun ist in der ARD eine Reihe gestartet, in deren Mittelpunkt eine männliche Hebamme steht. Hilft das, mehr Männer in den Beruf zu bringen?

Hofner: Nein, das denke ich nicht. So ein Film ist jetzt eben angesagt, weil im Zuge von Gender auch dieser Aspekt beleuchtet wird. In Bayern haben wir keine einzige männliche Hebamme. Um unseren Beruf attraktiver zu machen, müssen, wie gesagt, die Arbeits- und Rahmenbedingungen dringend verbessert und die Vergütung entsprechend angehoben werden. Wichtig ist auch die zügige Umsetzung der Akademisierung, bei der keiner fürchten muss, dass die Praxisnähe verschwindet. Die Akademisierung ist wichtig, um die Hebammen bestmöglich auf die heutigen Anforderungen in unserem Beruf vorzubereiten.

Zur Person: Mechthild Hofner, 53, ist seit Januar die Erste Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Verbandes und lebt im Landkreis Dachau. Sie ist seit 32 Jahren Hebamme und hat selbst vier Kinder.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: Bayern kann sich den Hebammen-Mangel nicht leisten

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