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Augsburger Geschichte

22.08.2018

Der Perlachturm - eine Baustelle seit 1000 Jahren

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3 Bilder
Im Februar 1944 waren das Rathaus und der Perlachturm ausgebrannt. Der Turm sollte sogar gesprengt werden, da er Risse aufwies.
Bild: Franz Häußler

Einst war das Augsburger Wahrzeichen Ausguck für Feuerwächter. Oftmals wurde er erhöht und saniert. 1944 brannte die Sehenswürdigkeit total aus.

Im September 2016 berichtete die Augsburger Allgemeine, der Perlachturm sei marode: Die obersten Geschosse würden Probleme machen und der Turm werde irgendwann zur Baustelle. Bald ist es soweit: Das Baureferat plant den Sanierungsbeginn für 2019. Mindestens zwei Jahre lang dürfte dann der Perlachturm – wie oftmals in seiner rund 1000-jährigen Geschichte – eine Baustelle sein.

In Steinbauweise erneuert

Wann auf dem Perlachhügel der erste Turm und die erste Kapelle oder Kirche standen, liegt im Dunkeln. Ob schon vor dem Jahr 1000 an dieser Stelle ein hölzerner Turm stand, ist nur zu vermuten. Nachgewiesen ist, dass der Turm im Jahr 1063 in Steinbauweise erneuert wurde. Anno 1067 wurde daran das Kollegiatsstift St. Peter angebaut. Die Pröpste und Kanoniker nutzten den Turm als Glockenturm. Die Kirche brannte zwischen 1080 und 1177 sechsmal ab. 1182 stürzte sie ein. Danach entstand der jetzige Kirchenbau.

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Der Perlachturm steht auf Fundamenten aus Kalkstein- und Tuffsteinquadern. Es handelt sich dabei um Recyclingmaterial aus der Römerzeit. Im Mittelalter wurden die von den Römern auf Lech und Wertach herangeschafften Natursteine wiederverwendet. Sie stecken nicht nur im Perlachturm, auch im Dom und in anderen Kirchen sind „Römersteine“ nachweisbar.

Alarmglocke für städtische Bedienstete

Der Turm war ursprünglich nicht halb so hoch wie heute. Die Höhenlage machte den Turm trotzdem zum idealen Ausguck für Feuerwächter. Sie überblickten vom obersten Stockwerk aus die gesamte Stadt. Sichteten die Brandwächter verdächtigen Rauch, bedienten sie die Sturmglocke. Im Stadtrecht von 1276 ist der Zugang zu dieser Alarmglocke für städtische Bedienstete verbrieft.

Der Turm war immer mit Sonnenuhren versehen. 1364 wurde die erste Schlaguhr installiert. 1412 folgte die Aufstockung auf 36 Meter Höhe. 1526/27 ließ die Reichsstadt den Perlachturm zur Hälfte abtragen und um zwei Stockwerke höher wiederaufbauen. Bei dieser Baumaßnahme wurden drei im Turm befindliche, zur Kirche hin offene Kapellen im ersten Turmstockwerk geschlossen. Eine davon ist das „Stüble“, in dem sich das Turamichele befindet.

Auf 63 Meter war 1527 der Perlachturm erhöht worden. Zwei Jahre später verursachte ein Erdbeben Risse. Die Folge: Das Oberteil musste 1529 abermals abgetragen und neu aufgebaut werden. 1615 erhöhte Stadtwerkmeister Elias Holl den Turm auf über 70 Meter. Er setzte ihm ein Achteck mit zehn Steinpfeilern auf. Es trägt den Dachstuhl und die Kuppel mit Laterne. Das Schlagwerk der Turmuhr wurde 1615 um 80 Schuh (23,35 Meter) höher gesetzt. So waren die Glockenschläge, die die Augsburger „Normalzeit“ angaben, weiter hörbar. Bis 1622 war der Perlachturm nur über die St.-Peter-Kirche zugänglich. Das war für die Feuerwächter unpraktisch, deshalb baute Elias Holl an der Nordseite einen äußeren Turmzugang an. Nach diesen Umbauten konnte man sich fast 300 Jahre lang bei Schäden am Perlachturm mit Renovierungen behelfen. 1910 war dann eine Radikalmaßnahme fällig: Das Oberteil mit Umgang und Kuppel wurde abgetragen und in alter Form rekonstruiert. Eine solche Erneuerung ist 2019 fällig. 1911 wurde der „neue“ Turm üppig bemalt. Doch die verwendeten Farben hielten der Witterung nicht stand. Im Juli 1914 wusch sie ein Wolkenbruch ab.

Treppen brannten wie Zunder

Die Bombennacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 schien der Perlachturm glimpflich überstanden zu haben. Doch das Schicksal ereilte ihn heimtückisch: Ein Schwelbrand fraß sich unbemerkt vom Dachgeschoss des Nachbarhauses durch eine Öffnung ins Turminnere. Der Luftzug entfachte die Flammen und ließ sie nach oben lodern. Treppen und Zwischendecken bestanden aus Holz und brannten wie Zunder. Selbst der Glockenstuhl und die Kuppel standen in Flammen.

Im ausgebrannten Mauerwerk klafften Risse. Mit der Sprengung einsturzgefährdeter Fassaden beauftragten Pioniere wollten den Perlachturm niederlegen. Mit Mühe konnten sie von dessen Standsicherheit überzeugt werden. Im März 1946 begann die Turmsicherung im Inneren durch Spannschrauben sowie durch den Einbau einer Treppe und vier Zwischenpodesten aus Stahlbeton.

Neues Schlagwerk

Am 22. Dezember 1947 bekrönte wieder die Cisa die Turmspitze und im Juni 1949 kam das neue Schlagwerk in Gang. Bereits 1954 wurde der Perlachturm abermals eingerüstet: Er bekam einen neuen Außenputz. Zugleich wurde die 1947 erneuerte Turmkuppel ausgetauscht.

Sie wirkte „gequetscht“. 1984 stand um den Perlachturm wieder ein Baugerüst. Eine Außensanierung war fällig, Natursteinteile und Bleche wurden ausgewechselt und ein Glockenspiel eingebaut.

Bei der 2019 beginnenden Sanierung bekommt der Perlachturm vorgefertigte Stahltreppen. Sie sollen von einem Kran von oben ins „kopflose“ Turminnere gehoben werden.

Der zappelnde Luzifer

Danach wird der Turm einen neuen Oberbau in jenen Proportionen erhalten, wie sie Elias Holl 1615 konzipierte. Das Turamichele war 1944 verbrannt. Es wurde von 1946 bis 1948 auf einem Podest vor dem Turm vom Balletttänzer Walther Klaß als St. Michael und seiner Partnerin Annemarie Stahl als zappelnder Luzifer gemimt. Diese „menschlichen“ Auftritte wurden bejubelt. Eine Wiederholung böte sich während der Bauarbeiten an.

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