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Augsburger Geschichte

04.12.2019

Der Raketenjäger Me163 im Computertomografen

Im XL-Computertomografen sichtbar gemacht: das Innenleben der Ende 1944 gebauten Me163 aus dem Deutschen Museum.
Bild: Fraunhofer IIS, EZRT/Deutsches Museum

Plus Das Messerschmitt-Flugzeug flog mit über 1000 Stundenkilometern. Es wurde im Deutschen Museum durchleuchtet, um das Innenleben zu dokumentieren.

Geschwindigkeitsrekorde mit Messerschmitt-Flugzeugen wurden ab 1941 nicht mehr mit Propellermaschinen, sondern mit Strahl- und Raketenflugzeugen erzielt. Am 2. Oktober 1941 flog Messerschmitt-Werkspilot Heini Dittmar als erster Mensch mit einer Me 163A – einem Abfangjäger mit Raketenantrieb – mit 1003 Kilometern in der Stunde.

Die Me163 ist der erste und einzige in Serie gebaute Raketenjäger der Welt, der auch zum militärischen Einsatz kam. Entwickler war nicht Willy Messerschmitt, sondern Alexander Lippisch. Er war Anfang Januar 1939 mit einem 20-Mann-Team bei Messerschmitt in Augsburg eingetreten. Am 13. Februar 1941 hob Testpilot Heini Dittmar erstmals mit dem Raketenflugzeug ab. Der extrem schnelle Abfangjäger hatte je nach Baureihe lediglich eine Flugdauer zwischen sieben und zwölf Minuten, dann waren die Treibstoffe verbraucht.

Die Me163 stieg in dreieinhalb Minuten auf 12.000 Meter Höhe

Die Strategie: Die Me163 konnte in dreieinhalb Minuten auf 12.000 Meter Höhe steigen. Von oben sollte sich der Pilot auf einen feindlichen Bomberpulk stürzen und mit zwei Maschinenkanonen in kürzester Zeit möglichst viele Bomber zum Absturz bringen, ehe die Treibstoffe verbraucht waren. Rückflug und Landung musste der Pilot der Me163 im Gleitflug bewältigen. Die trapezähnlichen Flügel gaben dem „Kraftei“ genannten bulligen Raketenjäger gute Segeleigenschaften. Da das Fahrwerk nach dem Start abgeworfen wurde, landete er auf einer Kufe.

Testpilot Heini Dittmar nach seinem Erstflug mit dem Messerschmitt-Raketenjäger am 13. Februar 1941. .
Bild: Fraunhofer IIS, EZRT/Deutsches Museum

Serienfertigung im Messerschmitt-Werk

Ab September 1941 lief im Messerschmitt-Werk Regensburg die Serienfertigung der Me163 mit 70 Stück an. Danach mussten die Flugzeugwerke Klemm in Böblingen den Bau übernehmen. Als Ende 1944 der Bau gestoppt wurde, waren 364 Me163 fertiggestellt. Wie viele davon im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen, darüber gibt es keine verlässlichen Nachweise. Die Verluste waren immens. Ihre Anzahl verringerte sich drastisch durch Fehlstarts, Bruchlandungen und fehlgeschlagene Einsätze. Ende Dezember 1944 standen der Luftwaffe noch 64 Raketenjäger zur Verfügung.

1945 blieben die flugfähigen Me163 meist am Boden, da der Nachschub der speziellen Brennstoffe für das Raketentriebwerk ausblieb. Das Werk Gersthofen der IG Farben (Hoechst) konnte die nur dort herstellbaren chemischen Zutaten für Hydrazinhydrat nicht mehr liefern. Der Schub der lenkbaren „Rakete“ wurde durch die Reaktion von Wasserstoffperoxid mit in Methanol gelöstem Hydrazinhydrat erzeugt. Die Stoffe entzündeten sich beim Zusammentreffen im Triebwerk selbst.

Die sehr geschönte Me163 hing in der „Flugwerft Schleißheim“ von der Hallendecke, ehe sie zur „Durchleuchtung“ abgenommen und untersucht wurde.
Bild: Fraunhofer IIS, EZRT/Deutsches Museum

Die Alliierten erbeuteten Anfang Mai 1945 auf dem Fliegerhorst Husum-Narrenthal eine komplette Staffel und verschifften 24 Me163 nach England, weitere nach Kanada, Australien und in die USA. Eine dieser Me163 kehrte am 28. November 1964 vom Airport Biggin Hill nahe London als Fracht an Bord einer „Noratlas“-Transportmaschine nach Deutschland zurück. Das britische Luftfahrt-Ministerium schenkte sie dem Deutschen Museum in München.

2018 ließ das Kuratorenteam für Historische Luftfahrt im Deutschen Museum diese Me163 im XXL-Computertomografen des Fraunhofer-Entwicklungszentrums Röntgentechnik in Fürth durchleuchten. So konnten das Innenleben und der Istzustand digital dokumentiert werden. In England waren an der Me163 Umbauten vorgenommen worden. Das Deutsche Museum ließ sie 1965 äußerlich stark restaurieren. Schichtuntersuchungen halfen jetzt, originale und ersetzte Teile zu unterscheiden. Dies war die Voraussetzung, um den allzu sehr „geschönten“ Raketenjäger optisch in den Urzustand zurückversetzen zu können. In restauriertem Zustand wird er wieder ins Museum zurückkehren.

Me163 war ein Prestige-Objekt der NS-Machthaber

Militärhistoriker stellten klar, dass die Me163 lediglich ein Prestige-Objekt der NS-Machthaber, aber keine militärisch wirksame „Wunderwaffe“ war. Das Deutsche Museum wird ihre restaurierte Me 163 nicht nur mit den im Computer aufgezeichneten ungewöhnlichen Einblicken in das Innere präsentieren, sondern zugleich mit dem Mythos von den „Wunderwaffen“ und der Hochtechnik der NS-Zeit aufräumen.

Der Computertomograf offenbarte die menschenverachtende Bauweise. Viele Teile sind aus Holz oder billigen Werkstoffen gefertigt. Der Tod von Piloten war auf vielfache Weise programmiert. Die Me163 war äußerst brand- und explosionsgefährdet. In dem Raketenjäger mit hochexplosivem Treibstoffmix verloren mehr Piloten beim Start und bei der Landung ihr Leben als bei Einsätzen in der Luft.

Serie: Stadthistoriker Franz Häußler hat viele Dokumente, Aufzeichnungen und Bildernachlässe zu Willy Messerschmitt und über das Flugzeugbau-Unternehmen Messerschmitt AG ausgewertet und niedergeschrieben.

Person: Die Messerschmitt AG gehörte in den 1930er-Jahren zu den größten Rüstungsbetrieben im Deutschen Reich. Messerschmitt war Chefkonstrukteur und zwischenzeitlich auch Vorstandsvorsitzender.

Zwangsarbeit: Nach Angaben der städtischen Kommission für Erinnerungskultur arbeiteten ab 1943 Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für den Konzern – unter „menschenunwürdigen Bedingungen“. Nach dem Krieg wurde Messerschmitt in der Entnazifizierung als „Mitläufer“ eingestuft. Die Kommission schlug daher vor, an der nach ihm benannten Straße neben seinem Wirken als Konstrukteur auch auf seine Rolle in der NS-Rüstungsindustrie hinzuweisen.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie hier.

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