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Augsburg

07.02.2020

Die Augsburger sorgen sich um die Bäume in der Stadt

Am ehemaligen Postgebäude im Stadtjägerviertel wurden jüngst Bäume gefällt.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Wenn Bäume gefällt werden, sind Anwohner meist alarmiert. Das merken Umweltreferat und Forstverwaltung. Warum derzeit im Stadtwald abgeholzt wird.

Dass das Fällen von Bäumen eine höchst emotionale Angelegenheit sein kann, wusste im Jahr 1968 schon Schlagersängerin Alexandra. Der Text ihres Songs „Mein Freund der Baum ist tot“ liest sich in Auszügen so: „Er fiel im frühen Morgenrot. Bald wächst ein Haus aus Glas und Steinen, dort wo man ihn hat abgeschlagen, bald werden graue Mauern ragen, dort wo er liegt im Sonnenschein...“ Über 30 Jahre später bewegt es die Menschen nach wie vor, wenn Bäume abgeholzt werden. Bei Umweltreferat und städtischer Forstverwaltung häufen sich derzeit wieder Anfragen besorgter Bürger. Das führt sogar dazu, dass neue Stellen geschaffen werden.

Baumfällung in Augsburg: Polizei ins Stadtjägerviertel gerufen

Unlängst wurde die Polizei ins Stadtjägerviertel gerufen. Anwohner waren fassungslos: Am ehemaligen Postamt wurden, wie berichtet, 14 Bäume gefällt. Darunter Birken, Pappeln, Platanen und zwei Kirschbäume. Manche von ihnen sollen über 50 Jahre alt gewesen sein. „Ich bin mit den Bäumen aufgewachsen“, sagte Anwohnerin Sarah Nikolai, der während der Fällaktion die Tränen gekommen waren. Sie und ihr Vater sicherten sich zwei Baumstümpfe als Andenken. Mehr blieb ihnen nicht übrig.

Tage später protestierten Anwohner mit Plakaten gegen die Abholzung. In dem derzeit leer stehenden Gebäudekomplex in der Stadtjägerstraße sollen moderne Wohnungen und Lofts entstehen. Das Bauunternehmen Klaus Bau ließ die Bäume fällen, verspricht aber Nachpflanzungen auf dem Gelände. Der Vorgang war legal.

Sarah Nikolai und ihr Vater Werner wohnen in der Nachbarschaft. Sie sind traurig, dass die Bäume fehlen. Die Arbeiter gaben ihnen ein Stück Stamm als Erinnerung.


Wie Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) bestätigt, waren diese Bäume entsprechend der Baumschutzverordnung nicht geschützt. „Wir hätten nur intervenieren können, wenn nach Beginn der Vogelbrutzeit ab 1. März gefällt worden wäre.“ In dieser Zeit sei ein Eingriff ins Grün aus Artenschutzgründen nicht erlaubt oder müsse abgestimmt werden.

In Erbens Umweltreferat häufen sich Anfragen von Bürgern was Baumfällungen, aber auch Pflanzungen angeht. Erben erklärt sich das durch die Debatte zum Klimawandel und die „alarmierenden Meldungen über die schwindende Artenvielfalt“. Allerdings spiele seiner Meinung nach auch die Nachverdichtung und der Zuzug in Augsburg eine Rolle. „Es wird immer dichter und enger gebaut, Gartenflächen schwinden.“

Erben: Manche Menschen stören sich auch an hohen Bäumen

Die Nachverdichtung sorge aber auch dafür, dass hochwachsende Bäume Nachbarn störten. „Etwa durch Laub und Schatten, die früher auf größeren Grundstücken niemanden im Weg waren.“ Wegen der erhöhten Nachfragen und der damit verbundenen Arbeit habe Erben in der Unteren Naturschutzbehörde zwei neue Stellen beantragt. Der Umweltreferent begrüße es, wenn sich Bürger melden. „Es ist allerdings schwer für die Betroffenen, Sachverhalte vor Ort richtig einzuschätzen.“

Das weiß auch Jürgen Kircher, Leiter der städtischen Forstverwaltung, aus Erfahrung. Einige Beschwerden sind in den vergangenen Tagen bei ihm und seinen Kollegen eingetrudelt. Denn im Stadtwald werden gerade auffallend viele Bäume gefällt. Freilich nicht grundlos: Schuld ist ein Pilz, der seit Jahren europaweit Eschen befällt und für das sogenannte Eschentriebsterben verantwortlich ist.

Warum im Stadtwald abgeholzt wird

Der Krankheitserreger hat vor dem Stadtwald nicht halt gemacht. „Der Pilz schwächt die Eschen und bringt sie zusammen mit weiteren Problemen wie Wurzelfäule oder dem Eschenbastkäfer zum Absterben“, erklärt der Forstverwaltungsleiter. Aus Sicherheitsgründen werden sie an Wegen abgeholzt. Niemand wolle schließlich, dass Äste eines kranken Baums auf Spaziergänger fallen oder ein geschwächter Baum bei starkem Wind gar umkippt. Kircher hat aber Verständnis, dass die Fällungen für Aufregung sorgen.

Der Stamm dieser Esche war bereits hohlfaul. Auch der Stadtwald ist von dem Eschentriebsterben betroffen.
Bild: Wyszengrad


„Es sieht natürlich furchtbar aus, wenn am Wegesrand die umgeschnittenen Bäume liegen.“ Wenn sogenannte Holzrücker in den Wald fahren, könne es danach wie auf einem Schlachtfeld ausschauen. Doch nichts geschehe ohne Grund. Wie wichtig die Arbeiten sind, hat der Sturm vor drei Nächten gezeigt. Hunderte kranker Eschen seien im Stadtwald bei den starken Windböen umgestürzt. Im Wald selbst würden umgefallene Bäume liegengelassen. „Das Totholz ist wichtig für das Naturschutzgebiet.“ Laut Kircher ist jede Maßnahme wohlüberlegt.

Das sieht nicht jeder so. Auch unsere Redaktion erreichen Mails aufgeregter Bürger zu den Fällungen im Stadtwald. „Der grünen Lunge unserer Stadt droht eine Vernichtung“, heißt es da. Eine Leserin schreibt von einer „unverhältnismäßigen Aktion“. Sie kritisiert, dass auch intakte Bäume abgeholzt würden. Das sei manchmal tatsächlich der Fall, bestätigt Kircher. „Wenn wir eine 30 Meter hohe Esche umhauen, kann es sein, dass sie beim Umfallen einen weiteren Baum beschädigt.“ Auch müssten immer wieder ein paar Fichten und Kiefern entfernt werden, um die Relation zu Laubbäumen aufrecht zu erhalten. „Wir als Trinkwasserschutzgebiet brauchen einen Gemischtwald.“ Zu viele Nadelhölzer seien nicht gut. „Sie filtern ganzjährig Schadstoffe aus der Luft und geben diese in den Boden und damit ins Grundwasser ab.“

Kircher und seine Kollegen erklären ihre Arbeit gerne. Im Stadtwald müssten sie sich immer wieder von Spaziergängern einiges anhören. Er versichert: „Wir machen alles mit Bedacht“.

Nicht jede Fällung ist ein Frevel - lesen Sie dazu einen Kommentar von Redakteurin Ina Marks:
Baumfällungen in Augsburg: Aufmerksamkeit ja, Hysterie nein

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