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Augsburg

20.02.2019

Die Junge Werkstatt muss sich neu erfinden

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Lehrwerkstätten mit Übungsecken sind in der Jungen Werkstatt nur noch eine Randerscheinung. Ausbilderin Sabine Wolff, Geschäftsführer Bernd Radtke und Ausbilder Klaus Vogelgsang (von links) begutachten das Werk des angehenden Garten- und Landschaftsbauers Filmon Haileslase.
Bild: Annette Zoepf

Die Einrichtung für benachteiligte junge Menschen in Pfersee bekommt weniger Fördermittel. Mit der Diakonie als Partnerin setzt sie neue Schwerpunkte. Wie es anderen Jugendwerkstätten geht.

Es ist ruhig, fast merkwürdig still für eine Werkstatt. Weder Maschinenlärm noch Gespräche unter Kollegen dringen durch die Wände. Nur in der Übungsecke der Landschafts- und Gartenbauer verlegt Auszubildender Filmon Haileslase Steine für eine imaginäre Terrasse. Die Ruhe ist keine Ausnahmeerscheinung: In der Einrichtung „Die Junge Werkstatt“ (DJW) auf dem Dierig-Areal in Pfersee spielen die Lehrwerkstätten nur noch eine untergeordnete Rolle, demnächst wird eines der beiden Häuser komplett geräumt. Der Betrieb, der seit mehr als 40 Jahren insgesamt 1000 benachteiligten Jugendlichen geholfen hat, eine Arbeits- und Lebensperspektive zu finden, geht neue Wege. Er muss neue Wege gehen.

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60.000 Euro weniger für Die Junge Werkstatt

Wie andere Jugendwerkstätten auch, machen der DJW reduzierte europäische Fördermittel und geänderte Vergabekriterien zu schaffen. Geschäftsführer Bernd Radtke nimmt als Beispiel die geänderten Personalkostenpauschalen her. Allein dadurch gebe es 60000 Euro im Jahr weniger. „Wir machen immer mehr Miese.“ Hinzu komme, dass durch die gute Situation auf dem Arbeitsmarkt auch Jugendliche mit Schwächen leichter einen regulären Arbeitsplatz finden.

Die Ausbildung im klassischen Sinn wird es künftig in den Räumen in Pfersee nicht mehr geben. Die Zukunft zeigt sich an der Hauswand, wo neben dem Emblem der Jungen Werkstatt seit Kurzem auch das der Diakonie Handwerksbetriebe (DHB) zu finden ist. Beide Einrichtungen gehen zusammen und bieten künftig ein Dienstleistungsspektrum für einen größeren Kundenstamm an.

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Die Junge Werkstatt gibt dafür ihre Fahrradwerkstatt und ihre Schlosserei auf. Die Schreiner bauen künftig keine Möbel mehr, sondern kümmern sich um Fenster, Türen und Böden. Die Abteilungen Gartenbau und Malerei wechseln zur Diakonie. Radtke, der auch bereits Chef der DHB ist, freut sich, dass über die Diakonie die Abteilungen Arbeitssicherheit und Umzüge/Wohnungsauflösungen sowie der Gebrauchtmöbelmarkt hinzukommen. Denn gerade durch die Umzüge ließen sich Folgeaufträge generieren. „Nach dem Entrümpeln brauchen viele einen Maler“, sagt Gabi Witt mit einem Lächeln.

Beschäftigte kommen künftig aus anderer Zielgruppe

Die Malermeisterin spürt die Folgen der Neuausrichtung bereits deutlich. Fast 20 Jahre bildete sie in der DJW junge Menschen aus. „Vor einem Jahr haben die letzten Azubis ausgelernt. Jetzt habe ich eine andere Zielgruppe, nämlich erwachsene Menschen, von denen ein Teil gewisse Einschränkungen hat.“ In absehbarer Zeit wieder den einen oder anderen Lehrling unter ihre Fittiche zu nehmen, schließen Witt und Radtke nicht aus. Infrastruktur und Know-how seien ja vorhanden.

Nach wie vor kümmert sich Die Junge Werkstatt mit ihren Handwerkern und Sozialpädagogen auch um junge Menschen, nur eben in anderer Form. Da gibt es zum Beispiel die Assistierte Ausbildung im Baugewerbe oder auch anderen Gewerken. Hier haben die Teilnehmer eine Lehrstelle in einem regulären Betrieb und werden während der Arbeit zeitweise pädagogisch unterstützt. Für Bernd Radtke ein Modell mit Zukunft, von dem gerade Betriebe mit Nachwuchssorgen profitieren. „Es ist besser, die Jugendlichen gleich hier zu unterstützen, als sie erst in einem geschützten Raum auszubilden und dann auf den Markt zu werfen.“

Die Zukunft zeigt sich noch an einem weiteren Beispiel: Über die Stadtwerke sind Die Junge Werkstatt und die Diakonie Handwerksbetriebe an einen großen Auftrag gekommen, den sie sich bis zur endgültigen Zusammenführung noch teilen. Die einen Mitarbeiter kümmern sich um den Service der Leihfahrräder, die anderen um die Reinigung der mehr als 150 Carsharing-Fahrzeuge. „Da kommt ordentlich was zusammen“, freut sich Radtke.

Auch wenn der Geschäftsführer der Neuausrichtung zuversichtlich entgegenblickt, weiß er: „Es gibt nach wie vor genug junge Menschen, die nicht zu vermitteln sind. „Und diese bringen meist noch mehr Päckchen mit und haben geringere Erfolgsaussichten als früher.“

Förderwerk St. Elisabeth hat hohe Erfolgsquote

Seit mehr als vier Jahrzehnten ebnet das Förderwerk St. Elisabeth im Univiertel jungen Menschen mit „Päckchen“, sprich Handicaps, den Weg ins Berufsleben. Aktuell sind in der Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge, zu der auch eigene Berufsschulen zählen, 160 Frauen und Männer in 20 Gewerken tätig. Die meisten von ihnen tun sich mit dem Lernen schwer und/oder haben psychische Beeinträchtigungen. Dass sie intensiv betreut werden, zahlt sich nach Einschätzung des kommissarischen Leiters, Michael Breitsameter, aus: „Rund 73 Prozent unserer Auszubildenden finden nach der Lehrzeit Arbeit in einem regulären Betrieb und sind dort auch integriert.“

Im Gegensatz zur Jungen Werkstatt kann das Förderwerk weiterhin die Ausbildung in den Mittelpunkt stellen. Grund ist eine andere Finanzierung. Laut Breitsameter wird das Gros über die Bundesagentur für Arbeit abgewickelt, Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds spielten nur eine untergeordnete Rolle.

Das ist auch bei der Infau Lernstatt der Fall. Das Qualifizierungsprojekt unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt ist auf dem Schlachthofgelände beheimatet und vermittelt jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren Fertigkeiten in diversen Handwerksberufen und im Büromanagement.

Etliche Jugendwerkstätten mussten schließen

Leiterin Irena Kotyrba weiß jedoch um die Probleme mit der ESF-Förderung. „Diese Projekte sind äußerst schwierig und defizitär.“ Auch wenn Infau überwiegend mit dem Jobcenter zusammenarbeitet, setzt Kotyrba Hoffnungen in das bayerische Sozialministerium in Sachen Finanzierung. Ministerin Schreyer habe erst kürzlich die Bedeutung von Jugendwerkstätten hervorgehoben. Momentan sprechen die Zahlen im Freistaat eine andere Sprache. 2018 gab es hier noch 35 Werkstätten, die sich um junge Menschen kümmern. Etliche mussten in den vergangenen Jahren schließen oder ihre Ausrichtung ändern – wie Die Junge Werkstatt in Pfersee.

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