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Augsburg

20.12.2016

Die anderen stehen für sie an erster Stelle

Amalie Wiedemann engagiert sich seit mehr als fünf Jahrzehnten bei den Maltesern. Dafür wurde sie mit der Verfassungsmedaille ausgezeichnet.
Bild: Claudia Knieß

Hilfstransporte und Treffen für Demenzpatienten: Amalie Wiedemann arbeitet seit 54 Jahren für die Malteser. Der Dank einer jungen Russin rührte sie zu Tränen

Auch wenn sie die Verleihung der Verfassungsmedaille in Silber im Bayerischen Landtag bewegend fand – den Moment, als Amalie Wiedemann ganz besonderes spürte, dass es richtig ist, sich über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich zu engagieren, erlebte sie Anfang der 90er-Jahre in Moskau. Wieder einmal hatte sie einen Konvoi des Malteser Hilfsdienstes in das postkommunistische Land begleitet: „Nach der Hungersnot ´91 sind wir drei oder vier mal im Jahr hingefahren und haben unter anderem Supermärkte aufgebaut, in denen es Hilfsgüter günstig zu kaufen gab – die Russen sind ja so stolz, wir wollten nicht, dass sie Almosen annehmen müssen.“ Sie trafen eine junge russische Helferin, von der sie im Nachhinein erfahren haben, dass sie mit dem vierten Kind schwanger war. Als Amalie Wiedemann das nächste Mal dort war, drückte ihr die junge Frau das neu geborene Baby in den Arm. Die Augsburgerin erinnert sich: „Sie sagte: ,Das ist ein Malteser-Kind!’“ Dann erzählte die Russin, dass nahe dran gewesen sei, das Kind abtreiben zu lassen. Aber als die Malteser mit den Hilfslieferungen kamen, hatte sie zu ihrem Mann gesagt, so können sie es schaffen. „Da sind mir die Tränen gekommen. Alleine für dieses eine Menschenleben hat sich alles gelohnt“, sagt Amalie Wiedemann.

Wie viele Menschenleben die heute 77-Jährige in 54 Jahren ehrenamtlichem Engagement bei den Maltesern Augsburg bereichert oder sogar gerettet hat, lässt sich nicht zählen. Ebenso wenig wie die vielen Stunden, in denen sie Kranke besucht, Hilfspakete geschnürt, neue Projekte gestartet oder als Diözesanoberin fungiert hat. Immer noch sind es sechs bis sieben Stunden täglich, die sie in den Räumen des Malteser Hilfsdienstes verbringt oder wo immer sie gerade gebraucht wird. „Zeit-Schenker“ ist daher das Wort, das Malteser-Diözesan-Geschäftsführer Alexander Pereira als Erstes zu Amalie Wiedemann einfällt.Er freut sich über dieAuszeichnung für sie, mit der auch die Arbeit aller Malteser in der Diözese Augsburg wertgeschätzt wurde. „Und mit Frau Wiedemann wurde genau die richtige Person für die Ehrung ausgesucht – sie ist das Herzstück unseres Teams“, sagt Perreira.

Malteser wurden zu ihrer Familie

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Sich für andere Menschen zu interessieren, Netzwerke aufzubauen – das ist ihre Sache. Nach einer Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin war Amalie Wiedemann beim Deutschen Caritasverband für Personal und Finanzen angestellt. Dann kam 1962 der damalige Caritas-Direktor, Prälat Lutz, der die Malteser nach Augsburg gebracht hat, und sagte : „Meine Damen, wir machen gleich mal alle Kurse mit, die die Malteser anbieten!“ Nach dem Sanitäts-, Erste Hilfe- und Schwesternhelferinnen-Lehrgang war für Wiedemann aber noch lange nicht Schluss: Sie wurde Gründungsmitglied und wollte sich weiter engagieren. So kam es, dass Wiedemann und etwa 15 andere junge Frauen in der Männer-Domäne Fuß fassten. „Wir waren schon eine Clique“, erzählt sie schmunzelnd. Nachdem sie lange ihre kranken Eltern gepflegt hatte, wurden die Malteser dann quasi auch zu ihrer Familie.

Ob ein Betreuungsdienst für alleinstehende ältere Menschen, das Projekt „Alzheimer Aktiv“, das „Café Malta“ für Demenzpatienten oder Krankenwallfahrten nach Lourdes, „Frau Wiedemann hat neben ihrer buchhalterischen Tätigkeit nach und nach eigentlich alle sozialen ehrenamtlichen Dienste aufgebaut und vorangetrieben“, erzählt Pereira. „Ihre Ruhe und Gelassenheit tun allen gut und sie konnte viele weitere Ehrenamtliche gewinnen.“ Wiedemann engagierte sich in der Auslandshilfe und im Katastrophenschutz, organisierte und begleitete Hilfstransporte in alle Krisenregionen Europas, unterstütze Projekte in Brasilien und Sri Lanka und wurde 1999 Diözesanoberin, nach bereits 19 Jahren als Stellvertretung. 24 Jahre lang saß sie zudem als Helfervertretung im Bundespräsidium der Malteser.

Sie geht mit der Zeit

Dabei gehe Wiedemann immer mit der Zeit: „Vieles hat sich geändert, heute engagieren sich manche Menschen z. B. eher projektweise als längerfristig“, erklärt Pereira. „Neue Generationen haben neue Ideen. Frau Wiedemann sagt immer ihre Meinung zu allem, aber trägt dann Veränderungen mit.“ Nach wie vor ist Wiedemann aktiv, u. a. als Auslandsbeauftragte der Hilfsorganisation oder als Malteser-Vertreterin im Senioren-Beirat der Stadt Augsburg. „Es war falsch, dass es in meiner Ehrung zur Medaille hieß, ich sei im Frühjahr ,entpflichtet’ worden!“, sagt sie. Gerade hat sie wieder 70 „Glücksbringer-Pakete“ für Rumänien in einer Augsburger Grundschule persönlich abgeholt. „Die Kinder strahlen zu sehen, weil sie anderen helfen können, und dass es dann noch mal Freude macht, wenn es ankommt, das ist einfach so schön!“ erzählt sie glücklich.

Wenn sie mal Zeit nur für sich hat, dann fährt sie wie seit eh und je mit Freundinnen in die Berge, trifft sich regelmäßig mit alten Klassenkameraden von der Reischleschen Wirtschaftsschule oder mit ihren ehemaligen Gruppenkindern von der Pfarrjungend Heilig Geist, die mittlerweile auch schon in Rente sind. Organisiert werden diese Kontakte von Amalie Wiedemann.

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