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Porträt

20.02.2019

Dieser Augsburger Arzt sagt: Stühle machen krank

„Ich bin freier, viel gesünder, fühle mich lebendiger und glücklicher“: Der Augsburger Mediziner Martin Oswald geht nur noch barfuß und verzichtet auf Stühle.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Manchen Augsburgern fällt er auf, weil er im Winter barfuß läuft. Wie der Chirurg Martin Oswald nach einer Äthiopien-Reise sein Leben verändert hat.

Martin Oswald ist es gewohnt, sich den Po seiner Patienten genauer anzusehen: Als Chirurg und Phlebologe behandelt er häufig Hämorrhoiden. Aber nicht nur die. Der Augsburger untersucht Menschen, die unter vielen verschiedenen Erkrankungen leiden. Dabei müssten sie diese gar nicht haben, ist der Mediziner überzeugt. Den Schlüssel zu dieser Erkenntnis fand Oswald vor 20 Jahren bei einem Naturvolk in Äthiopien. Seitdem hat er für sich selbst etwas Wesentliches in seinem Leben geändert.

Draußen hat es am Morgen noch minus zwei Grad, doch Martin Oswald kommt wie immer barfuß zu seiner Praxis in der Prinzregentenstraße. „Ich bin gleich da, ich wasche mir nur noch die Füße“, ruft er seiner Helferin zu, während er Daunenjacke und Handschuhe ablegt. Martin Oswald ist überzeugter Barfußgänger. Egal ob Winter ist, er ins Theater oder einkaufen geht. Ohne Schuhe, sagt er, entwickelt sich die Muskulatur in den Füßen anders. Seitdem friere er nicht mehr.

Der 66-jährige Augsburger verzichtet auf Stühle

Der 66-Jährige verzichtet seit seiner Äthiopienreise vor 20 Jahren aber auch auf Stühle. „Seitdem bin ich ein anderer Mensch. Ich bin freier, viel gesünder, fühle mich lebendiger und glücklicher.“ In seinem Behandlungszimmer arbeitet Oswald an einem 140 Jahre alten japanischen Bodentisch. Dann kniet der drahtige Mann mit den braunen Haaren davor, sitzt auf dem Po, was Yogis als Fersensitz kennen, oder verharrt in der Hocke. „In Asien stehen, liegen, knien oder hocken die Menschen, bis sie 90 Jahre alt sind. Bei uns hingegen werden sie mit zunehmenden Alter krummer und enden am Rollator.“ Stühle, behauptet Martin Oswald steif und fest, sind die Wurzel allen Übels.

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Der Mensch mit Stuhl werde krank. „Er bekommt Krampfadern, Thrombosen, Unterleibserkrankungen, Herzinfarkt, Enddarmkrebs, Arthrose, orthopädische Leiden ...“ Es dauert, bis Oswald seine Aufzählung an möglichen Erkrankungen mit den Worten beendet: „Eigentlich alle westlichen Volkskrankheiten, bei denen die Medizin nicht weiß, woher sie kommen.“ Schon als junger Arzt, erzählt Oswald, war er viel auf Kongressen und Vorträgen in verschiedenen Ländern unterwegs. Er erinnert sich an einen indischen Arzt, der das Buch „Western Diseases“ – westliche Krankheiten – präsentierte. „Es wurde zu meiner Bibel“, sagt Oswald. „Darin stecken Daten, wo auf der Welt es diese Krankheiten nicht gibt.“ Der Augsburger war ab da von der fixen Idee besessen, den Grund herauszufinden.

Oswald nutzt ein künstliches Becken als Türstopper

Während Oswald erzählt, holt er das künstliche Becken zur Hilfe, das ihm als Türstopper zu seinem Behandlungszimmer dient. Anhand des Skelettteils erklärt er seine Theorie: „Ich baute in das Becken mit Knetmasse Muskeln ein. Bald kam ich darauf, dass eine bestimmte Muskulatur nur aktiviert wird, wenn der Mensch in der Hocke ist“, erklärt er hoch konzentriert. Spätestens jetzt ist der 66-Jährige voll in seinem Element. „Diese Muskulatur stützt den Darm.“ Mit dieser Theorie reiste Oswald nach Äthiopien.

Der Mediziner hatte ein Naturvolk im Visier. Er wollte Menschen untersuchen, die nicht durch Zivilisation beeinflusst waren, die nicht auf Stühlen saßen. Er fand sie in Strohhütten in der Savanne. Der Augsburger untersuchte ihre Darmausgänge: „Ich hatte plötzlich Gewebe in der Hand, das ich so noch nie gefühlt hatte. Ich dachte, das sind noch richtige Menschen. Sie fühlten sich gesund an.“ Keine Menschen mit schlaffem Gewebe, mit gekrümmten, schiefen Haltungen und Erkrankungen wie Hämorrhoiden oder Krampfadern.

Für ihn war das der Beweis: „Menschen, die keine Stühle benutzen, nehmen keinen Schaden. In der Natur gibt es auch keinen Stuhl.“ Er sei nämlich überzeugt: Alles Unnatürliche verändere die Natur und führe weg von der Gesundheit. Aber wie gelingt es ihm, auf Stühle zu verzichten?

Der Arzt kniet beim gemeinsamen Mittagessen

Beim gemeinsamen Essen mit seiner Lebensgefährtin und seinen Töchtern etwa kniet Martin Oswald. „Würden die Menschen am Boden essen, würden sie kleinere Portionen verzehren, weil sonst ein Unwohlsein entstünde“, nennt er ein Beispiel für seine Überzeugung, dass ein Leben ohne Stühle gesünder ist. Im Theater nimmt Oswald eine Stehplatzkarte, im Zug steht er. Nur im Flugzeug wird es schwierig. „Ich versuche, den Sitz als Trainingselement zu nutzen und gehe darauf in die Hocke. Das geht natürlich nicht die ganze Zeit.“

Fast entschuldigend zuckt er mit den Achseln. „Ich kann noch nicht alles.“ Beim Fahrersitz seines Porsches ließ er das Polster aus- und ein Holzbrett einbauen. Denn jede Form der Polsterung, erklärt er, nimmt dem Körper die Möglichkeit, sich selbst zu polstern. „Früher hatten die Menschen viel mehr Muskulatur, Sitzfleisch eben. Heute braucht der Mensch Polster, um sich zu stützen.“ Bekehren wolle er seine Mitmenschen nicht. Deshalb stehen in seinem Wartezimmer für die Patienten Stühle bereit, wie in anderen Arztpraxen auch. Auch seine Kinder sitzen auf Stühlen.

Aber er wolle vermitteln, wie man zu einem gesunden Leben zurückfindet. Mit seiner eigenen Lebensweise ecke er bei niemandem an, betont der Chirurg. Was er tue, schade keinem. „Die Leute schauen zwar und sprechen mich an. Aber alle merken, dass es nicht falsch sein kann, was ich mache.“ Oswald blickt zu dem großen Foto, das in seinem Behandlungszimmer hängt. Es zeigt einen spärlich bekleideten Afrikaner, aufrecht, stolz, muskulös. Die Aufnahme hat er in Äthiopien gemacht. Für Oswald ist es das Bild eines perfekten und gesunden Menschen, wie ihn die Natur geschaffen hat.

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20.02.2019

Der Mann hat Recht, wir fressen zu viel und bewegen uns zu wenig, bis garnicht. Die Krankenkassen werden immer teurer, weil die Menschen immer kränker werden.

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20.02.2019

Es sind ja nicht nur die Stühle, welche uns degenerieren lassen. Es ist eine Kunstwelt, die sich die westliche Zivilisation insgesamt geschaffen hat. Dafür sind wir aber biologisch nicht ausgerichtet. Der Fisch schwimmt, der Vogel fliegt, der Mensch...läuft leider viel zu wenig, oder gar nicht mehr. Dazu noch eine Kunstnahrung mit Mehl und Zucker, die eine Massenernährung erst möglich gemacht hat. Sogar die Gehirnleistung der Menschheit schrumpft wieder, nachdem sie Jahrhunderte lang nur gewachsen ist. Die Folgekosten für den ungesunden Lebensstil sind dramatisch. Es braucht nicht weniger als eine Gesundheitsrevolution mit vermutlich neuen Nahrungsmitteln, wie z.B. Algen, die den gesundheitlichen und ökologischen Wahnsinn endlich beenden. Dazu eine Artbeitswelt, die den 8h Tag am Schreibtisch endlich abschafft. Aristoteles wusste schon, dass Gehen und Denken zusammengehören.

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