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Augsburg

13.10.2011

Dubioses Kinderhilfswerk beschäftigt weiter die Justiz

Mit Fotos von thailändischen Waisenkindern warb das Augsburger Kinderhilfswerk erfolgreich um Spenden.
Bild: Foto: dpa

Der „Bund für Kinderhilfe“ warb über 500.000 Euro Spenden für Waisen in Thailand. Dort kam aber fast nichts an. Der Vereinschef wurde verurteilt. Nun wird der Fall neu aufgerollt.

Es waren Geschäfte mit dem Mitleid, die der Augsburger „Bund für Kinderhilfe“ betrieben hat. Jahrelang ging der Verein mit dem Schicksal thailändischer Waisenkinder auf Spendenfang. Doch das Geld kam nicht an: Mehrere 100000 Euro wurden für Telefon-Marketing ausgegeben und versickerten. Im Januar hatte das Landgericht den Vereinschef Peter L., 41, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Doch der Fall beschäftigt die Justiz weiterhin: Der Bundesgerichtshof hat das Urteil jetzt teilweise aufgehoben.

Der Schuldspruch gegen L. sei zwar grundsätzlich richtig, befanden die Bundesrichter. Die Höhe der verhängten Strafe müsse aber noch einmal überprüft werden. Vermutlich wird sich die neunte Strafkammer des Landgerichts damit befassen müssen. L.s Verteidiger Marco Müller hofft, dass die Strafe nun milder ausfallen wird. Er setzt auch darauf, dass der 41-Jährige bald aus der Haft freikommen könnte. Weil L. bereits seit zwei Jahren hinter Gittern sitzt, will der Anwalt jetzt eine Haftprüfung beantragen.

Vor allem übers Telefon hatten die Mitarbeiter des vermeintlichen Kinderhilfe-Bunds seit dem Jahr 2005 Spender geworben. Überwiegend ältere Menschen nahmen die Spendenwerber ins Visier. Der erster Satz am Telefon lautete fast immer: „Vielleicht haben Sie es schon mitbekommen: Wir suchen Menschen, die ein Herz für Kinder haben.“ Wer helfen wollte, bekam Unterlagen und Fotos von thailändischen Kindern zugeschickt, auch Patenurkunden wurden ausgestellt. Viele Spender dachten, sie würden direkt ein bestimmtes Kind unterstützen. Über 500000 Euro kamen so zusammen. Nach Ansicht der Ermittler flossen aber nur rund 30000 Euro an soziale Einrichtungen. Außerdem stellte sich heraus: Auf den vermeintlichen Patenurkunden war fast immer dasselbe Kind zu sehen.

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Die Schuld zu bestreiten, ist das Recht jedes Angeklagten

Die Richter des Landgerichts hatten das Verhalten von Peter L. scharf kritisiert. Er habe „im Verlaufe des über fünf Monate dauernden Prozesses keinerlei Einsicht“ gezeigt, heißt es im Urteil. L. habe darauf beharrt, „alles besser zu wissen und nichts falsch gemacht zu haben“. Mit diesen Formulierungen sind die Karlsruher Bundesrichter nicht einverstanden. Der Grund: Es ist das Recht jedes Angeklagten, im Strafprozess zu schweigen oder seine Schuld bestreiten. Ein Angeklagter darf deshalb nicht strenger bestraft werden. Nun werden andere Richter des Landgerichts erneut über die Strafe entscheiden müssen.

Die geprellten Spender haben die Chance, zumindest einen Teil ihres Geldes wiedersehen. Rund 800000 Euro aus dem Vermögen von Peter L. wurden beschlagnahmt. Geschädigte können ihre Ansprüche geltend zu machen. Über den Verein „Bund für Kinderhilfe“ ist inzwischen ein Insolvenzverfahren eröffnet worden. Insolvenzverwalter ist der Augsburger Rechtsanwalt Rainer U. Müller. Der Anwalt gibt sich in dem Fall aber zugeknöpft. Eine Anfrage unserer Zeitung zum Stand des Verfahrens ließ er gestern unbeantwortet.

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