24.11.2011

Durch Mark und Bein

Der Oratorienchor in Herz Jesu

Den größten Schmerz in einen Triumph zu verwandeln, das vermag wohl nur die Kunst. Mit seinem „Stabat Mater“ (1877) gelang dies Antonín Dvorák, der sein Werk vollendete, nachdem ihm kurze Zeit zuvor seine drei Kinder gestorben waren. Mit dem lateinischen Gedicht „Stabat Mater“ wählte er eine Textvorlage, die in persönlichem Ton diese wohl qualvollste menschliche Erfahrung nachzeichnet: Maria steht am Kreuz und sieht, wie ihr Sohn unter Schmerzen stirbt.

Der Schwäbische Oratorienchor interpretierte das gewaltige Werk kunstfertig. Unter der Leitung seines Gründers, dem Augsburger Stefan Wolitz, schwangen sich die Sänger in der voll besetzten Herz-Jesu-Kirche in Pfersee zu Höchstleistungen auf. Sie sangen leidenschaftlich und, wo gefordert, feinfühlig innig; sie sangen dynamisch subtil abgestuft und äußerst textverständlich und schafften es so eindrucksvoll, die Spannung in dem kraftvollen Werk zu halten.

Damit war der Chor der eigentliche Star des Abends. Er betrat die musikalische Bühne nach einer langen, behutsam sich steigernden Orchestereinleitung: tastend, voller Demut vor dem übergroßen Schmerz Marias. In der anschließenden Chorfuge verdichtete sich der Klang zu beinahe körperlich spürbarer schmerzlicher Intensität, voller Reibungen.

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Vier ausgesuchte Solisten standen dem Chor zur Seite

Immer wieder drangen Ausrufe durch Mark und Bein, wie zum Beispiel im dritten Teil („lass mich fühlen die Kraft des Schmerzes“). Im vierten Teil bildete der Chor einen wunderbar lichten Gegenpart (besonders in den A-cappella-Passagen) zum würdevollen Bass-Solo.

Dem Chor zur Seite standen vier ausgesuchte Solisten – Priska Eser mit ihrem schlanken, klaren Sopran, Stefanie Irányi mit ihrem dunklen vibratoreichen Alt, Attilio Glaser mit seinem tragfähigen, leidenschaftlichen Tenor und Thomas Hamberger, der für den erkrankten Benedikt Göbel einsprang, mit seinem warmen, präzisen Bass.

Souverän und ausdrucksstark begleitet wurden die Sänger von Mitgliedern des Bayerischen Staatsorchesters, deren Bläser strahlende Akzente setzten. Nur hin und wieder drohte der Klangkörper die Solisten zu übertönen.

Mit dem letzten Teil schloss sich der musikalische Bogen des „Stabat Mater“. Hier zeigte sich Dvorák ein letztes Mal als meisterhafter Dramaturg. In einer hochdramatischen Steigerung explodiert das Werk gleichsam in dem Ausruf „Paradisi gloria“, um dann doch noch in ein ruhiges schlichtes „Amen“ zu münden. Minutenlanger, hochverdienter Applaus.

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