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Prozess in Augsburg

28.02.2018

Ein Liebesabenteuer wird zum Horrortrip

Enrico R. war dabei, als eine Gruppe einen Augsburger überfiel. Er legte vor Gericht ein Geständnis ab. Seine mutmaßlichen Komplizen warten noch auf den Prozess.
Bild: Jörg Heinzle

Ein Augsburger will eine Prostituierte besuchen, doch er fällt auf eine perfide Masche herein. Er wird entführt, verprügelt und gefangen gehalten. Dabei hat er Glück im Unglück.

Er wollte Sex kaufen. Und er wollte anonym bleiben, nicht erkannt werden. Auf der Internet-Plattform „Kaufmich.com“ stieß ein 56-jähriger Augsburger in der Nacht zum 12. Februar vergangenen Jahres auf eine Frau, die sich „Julie“ nannte und die anbot, sich ihm fünf Stunden lang für 700 Euro hinzugeben. Dafür nahm der Freier einen langen Weg in Kauf. Noch in der Nacht fuhr er 225 Kilometer weit nach Öhringen bei Heilbronn, wo „Julie“ ihn morgens um 6 Uhr empfangen wollte. Als der 56-Jährige in einem Industriegebiet aus seinem Auto stieg, brach die Hölle über ihn herein. Es begannen drei Tage voller Horror, Schmerzen und Todesängsten.

Was in jenen Tagen geschah, erinnert Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai an einen schlechten Krimi, dessen Drehbuch man keinen Glauben schenken kann. „So eine Serie schwerster Straftaten habe ich in den 15 Jahren, in denen ich in Augsburg tätig bin, noch nicht erlebt“, sagt der Ankläger, der in diesem Prozess vor dem Jugendschöffengericht einem 20-Jährigen unter anderem erpresserischen Menschenraub, Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung und räuberische Erpressung vorwirft. Das Gericht unter Vorsitz von Angela Reuber urteilt nur über den 20-Jährigen. Seine drei älteren Komplizen, zwei Männer, 23 und 25 Jahre alt, sowie eine Frau, 22, müssen sich bald vor der 3. Strafkammer des Landgerichts verantworten. Der Staatsanwalt deutet an, dass dort Strafen zwischen zwölf und 14 Jahren zur Debatte stehen.

Wegen Geldnot legte das Quartett die Freier herein

Was war geschehen? Das Quartett – Enrico R., der 20-Jährige, und seine Kumpel Maik, Kevin und Natalie – litten allesamt unter Geldnot. Den Ermittlungen zufolge war es Maik, der auf die Idee kam, Freier abzuzocken. So richteten sie auf der Sex-Plattform „Kaufmich.com“ ein Profil für Natalie ein, die sich „Julie“ nannte und Sex gegen Geld anbot. Am Abend des 11. Februar 2017 meldete sich der erste Freier, wollte 50 Euro zahlen. Auch er wurde in ein Industriegebiet gelockt. Doch der Plan, ihn auszurauben, scheiterte. Der Mann entdeckte das wartende Räuber-Quartett, verriegelte die Autotüren. „Aufmachen oder es knallt“, schrien die Männer. „Schieß doch“, antwortete der Freier. Der 20-Jährige drückte zweimal mit einer Gastpistole ab, schoss durch das einen Spalt offen stehende Fenster. Dann gab der Freier Gas und brauste davon.

Kurz nach diesem missglückten Coup meldete sich der Augsburger. „Er scheint Geld zu haben“, soll Maik gesagt haben, als sich der 56-Jährige bereit erklärte, für fünf Stunden Sex 700 Euro zu zahlen. Als der Augsburger in dem Industriegebiet eintraf, war das Quartett gerüstet. Die Männer waren maskiert, hatten sich mit Pfefferspray, Schlagstock und Elektroschocker bewaffnet. Zwei versteckten sich hinter einem Container, der dritte wartete in einem gestohlenen Auto in der Nähe. Als der 56-Jährige ausstieg, fielen sie über ihn her, sprühten ihm Pfefferspray ins Gesicht. Der Freier riss sich los, wollte flüchten. Da gab der dritte Mann im Auto Gas. Er überfuhr den Flüchtenden, der mit dem Kopf auf die Motorhaube aufschlug und zu Boden fiel. Die Gruppe prügelte – so die Ermittlungen – auf ihr Opfer ein, drohte mit einer Pistole. Der schwer verletzte Mann – er hat einen doppelten Beinbruch, eine Kniefraktur und ein Schädelhirntrauma erlitten – wurde ins Auto verfrachtet. Man verband ihm die Augen, schlug weiter auf ihn ein.

Auf der Fahrt zu einem Campingplatz, wo die Gruppe weitere gestohlene Fluchtautos abgestellt hatte, tauchte unvorhergesehen eine Polizeistreife auf. Dem Quartett gelang es, den Streifenwagen abzuschütteln. Auf dem Campingplatz erlebte der Augsburger Todesängste. Denn die Männer übergossen eines der gestohlenen Autos mit Benzin, zündeten es an, sodass es in Flammen aufging. Vor lauter Angst, es könne ihm ans Leben gehen, versprach der 56-Jährige den Räubern, ihnen seine gesamten Ersparnisse zu geben.

Opfer musste 40.000 Euro an Täter überweisen

Zu diesem Zeitpunkt stieg der jetzt angeklagte 20-Jährige aus und ging nach Hause. „Ich wollte nicht mehr mitmachen“, sagt er. Was mit dem Opfer geschah, will er nicht gewusst haben. Für den Augsburger ging der Horror weiter. Die drei anderen Täter fuhren mit ihm zuerst nach München. Dort musste der 56-Jährige ein Luxusauto, einen Audi Q 7, für 1700 Euro anmieten. Dann wurde er in seine Augsburger Wohnung gebracht. Auf dem Laptop musste er die 40.000 Euro, die er als Festgeld angelegt hatte, freigeben. Während einer der Täter den Schwerverletzten bewachte, hoben die anderen das Geld nach und nach an Bankautomaten ab. Am Ende verkauften sie noch das Auto des 56-Jährigen für 8000 Euro. Das Opfer kam unter kuriosen Umständen am 14. Februar frei. Als sein Bewacher eingeschlafen war, rief er um Hilfe. Nachbarn alarmierten den Rettungsdienst, das Opfer kam sofort ins Klinikum, der Bewacher wurde festgenommen, die Mittäter wenig später verhaftet. Ein Teil der Beute konnte sichergestellt werden.

Im Prozess legt Angeklagte, verteidigt von Anwältin Kerstin Baumann, ein Geständnis ab: „Ich schäme mich zutiefst. Es tut mir leid“. Er sei in die Sache hinein geschlittert, habe sich dem Gruppendruck nicht entziehen können. Das Opfer, so sagt dessen Anwältin Mandana Mauss, sei aufgrund der Verletzungen heute zu 30 Prozent behindert, werde wohl ein Leben lang an einem Trauma leiden. Der Angeklagte akzeptiert ein gefordertes Schmerzensgeld von 15.000 Euro. Das Gericht verurteilt den 20-Jährigen zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und zwei Monaten. Im Jugendknast kann er jetzt seine Ausbildung als Elektroniker abschließen. Seine mutmaßlichen Mittäter, die alle in Untersuchungshaft sitzen, müssen sich auf einen längeren Gefängnisaufenthalt gefasst machen.

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