Newsticker

Städte- und Gemeindebund fordert Ausweitung der Maskenpflicht in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Ein Prinz, viel Tee und viele Träume

30.07.2010

Ein Prinz, viel Tee und viele Träume

Seyhan Demircioglu hatte es nicht leicht. Mit sieben Jahren kam die heute 17-Jährige aus der Türkei nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. In der Schule wurde sie gemobbt, zwei Ehen ihrer Mutter scheiterten. Dann, auf der Realschule, fühlte sie sich wohl, hatte enge Freunde, doch ihre Leistungen ließen nach, sie musste auf die Hauptschule. Ihre Träume schienen zu zerplatzen, doch jetzt, zum Schulabschluss, sieht alles anders aus. Ihre Geschichte, ihre Wünsche, ihre Gedanken stehen in dem Buch "Heaven, Hell & Paradise", das ihre Klasse geschrieben hat.

Viel haben Schüler der Schiller-Volksschule über zwei Jahre hinweg aus ihrem Leben zu erzählen, viele haben Ähnliches wie Seyhan erlebt. Ihre Wünsche, ihre Ängste, was sie bewegt, was sie lustig finden, ihre Gedanken brachten sie zu Papier - in einem Buch, so bunt wie die Nationalitäten der Klasse.

Es sprudelte zum Teil nur so aus ihnen heraus. "Wir schreiben einfach drauf los", sagen einige der jungen Autoren. Seyhan hat so ihre Geschichte verfasst. "Mir war langweilig", sagt sie. "Da hab ich losgelegt." Sie zählt zu denen, die sich jetzt auf die Zukunft freuen - die Wirtschaftsschule wartet.

Die Verunsicherung unter den anderen Jugendlichen, die noch nicht wissen, wie es weitergeht, ist groß. Samah Hanna und Johann Demir hoffen auf eine Lehrstelle. Ungläubig ist Johann aber immer noch, dass er schon etwas anderes geschafft hat: "Das Buch mit unseren Texten ist was Großartiges", sagt er und wagt dabei kaum, seine Freude zu zeigen. Er wirkt schüchtern, doch in seinen Texten zeigt er unverhohlen Witz. Als Prinz, umgarnt von vielen Frauen, sieht er sich in seinem persönlichen Paradies.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Auch Kristina Springer weiß genau, was sie liebt. Das ist einmal Tee, Tee und noch mal Tee. Und das Schreiben - doch so mutig wie die anderen ist sie nicht. "Es fällt mir nicht schwer, mich auszudrücken", sagt sie. Aber so offen und ehrlich sein, das möchte sie nicht. "Es soll ja nicht kitschig wirken. Das wäre unangenehm. Ich schreibe ironisch, mit einem sarkastischen Unterton - der Leser merkt schon, was dann dahintersteckt." Zum Beispiel, wenn sie von tagelangen, mühseligen Busreisen in ihre frühere Heimat Kasachstan schreibt, von ihrer Sehnsucht nach dieser Gegend.

Für Yonca Boz hat das Buch noch eine andere Bedeutung: "Ich hab früher nie so gern gelesen. Aber dieses Buch schon." Sie hofft vor allem, dass viele Menschen das Werk auch in die Hand nehmen. Denn wie ihre ehemaligen Mitschüler hat sie eines satt: Vorurteile. "Es gibt eben mehr als Hauptschüler, die Probleme machen", sagt Yonca. "Unsere Geschichten zeigen das."

Und ein zweites Thema regt sie und ihre Mitautoren auf - eigens im Buch vertreten - alles zu Migranten. "Wir sollen uns integrieren - aber uns schickt man umgekehrt wegen eines einfachen Formulars von da nach dort, weil wir nicht in Deutschland geboren sind", sagt sie.

Zumindest eines hat das Buch der Schüler schon geschafft: Es ist beliebt, eine zweite Auflage wird gerade gedruckt und es hat den Preis "Buch des Monats" der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur gewonnen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren