26.04.2016

Ein Wunder in Musik

Ergreifend: Beethovens Missa solemnis

Das letzte kriegerische Grollen der Pauke, die letzten Akkorde des „Agnus dei“ – eine ungewöhnlich lange Stille, dann endlich begeistert losbrechender Beifall in der voll besetzten Herz-Jesu-Kirche. Diese Momente machten auf intensive Weise erlebbar, was Musiker und Hörer in den vorausgegangenen anderthalb Stunden zu einer außerordentlichen „Erlebnisgemeinschaft“ zusammengeschweißt hatte: die Aufführung einer der großartigsten kulturellen Schöpfungen der Menschheit, von Beethovens „Missa solemnis“. Jeder, der dabei war, wird bestätigen, dass mit solcher Wortwahl nichts überhöht wird. Es ist gerade die grenzüberschreitende humanitäre Gemeinschaft, die Beethoven, wie in der 9. Sinfonie, vorgeschwebt haben mag, als er den zentralen Text katholischer Sakralpraxis aus dem liturgischen Rahmen löste und ihn musikalisch so interpretierte, dass er für jeden Menschen mit „offenem Herzen“ zum Medium religiösen Fühlens und Sehnens werden konnte. „Von Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen“, schrieb er auf das Manuskript.

Die Aufführung durch den Schwäbischen Oratorienchor in der Pferseer Herz-Jesu-Kirche wurde dem Wunsch wahrhaft gerecht. Hier stimmte einfach alles: der monumentale Raum mit seiner malerischen Aura und einer Akustik, die Beethovens Chorsätze sowohl in ihrer breiten Klangfülle wie in ihrer mystischen Verklärung herrlich zum Klingen brachte, fast ohne wesentliche Details zu verwischen – der gewaltige, ausgeglichen besetzte und hervorragend eingestellte Chor, der kraftvolle Monumentalität und fast verstummende Ergriffenheit gleichermaßen vermittelte – die Exzellenz der Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters – schließlich Dirigent und Chorleiter Stefan Wolitz, der mit ausladender Gestik die große Musikerschar souverän lenkte und Beethovens Musikströme ruhig, aber stetig dahinfließen ließ.

Unter den Solisten (Sophia Brommer/Sopran, Stefanie Irányi/Alt, Attilio Glaser/Tenor, Johannes Mooser/Bass) war keiner ein „Star“, das hätte auch Beethovens Kompositionsweise nicht entsprochen. In der „Missa“ kann sich niemand mit einer Soloarie produzieren, der Komponist lässt sie einzeln hervortreten, dann im Quartett oder Chor aufgehen und betont so den Gemeinschaftsgedanken. Alle sangen ihren Part mit Glanz und Fülle, aber eben auch mit Andacht und Inbrunst, besonders bewegend etwa im „Benedictus“, wo Konzertmeisterin Dorothée Keller-Sirotek mit ihrer aus Himmelshöhen herabschwebenden Violinstimme das Wunder göttlicher Gegenwart hörbar werden ließ.

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