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Augsburg

22.01.2015

Einst nahm Jürgen König selbst Drogen, jetzt hilft er Süchtigen

Jürgen König ist seit 25 Jahren Streetworker bei der Drogenhilfe Augsburg.
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Jürgen König ist seit 25 Jahren Streetworker bei der Drogenhilfe Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der Augsburger Jürgen König ist seit 25 Jahren Streetworker bei der Drogenhilfe Schwaben. Früher nahm er selbst Drogen, jetzt hilft der nun 60-Jährige Süchtigen.

„Man muss einfach Mensch sein“, sagt Jürgen König über die wichtigste Eigenschaft für seine Arbeit. Dabei hat die es in sich. Immerhin arbeitet der schlaksige Augsburger, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, seit über 25 Jahren als Streetworker der Drogenhilfe. Er erlebt hautnah die Sucht der Klienten, mal Verfall, immer wieder Rückfall und ab und zu auch ihren Tod. „An Letzteres gewöhnt man sich nie“, erzählt der gebürtige Augsburger.

Erfahrungen gingen über den Joint hinaus

1989 fing er in der Beratungsstelle an, damals kümmerten sich gerade mal sieben Mitarbeiter um Suchtkranke, inzwischen sind es gut 50. „Geh einfach raus, schau, wo die Junkies rumhängen, und sprich mit ihnen.“ Das war der Tipp seines damaligen Chefs. König marschierte los und landete am Königsplatz. Drogen waren kein ganz unbekanntes Terrain für ihn. Er hatte Erfahrungen, die über einen Joint weit hinausgingen, hatte auch eine Therapie absolviert. „Das hat mir sehr geholfen, in wenigen Tagen habe ich alle gekannt.“ Auch die Tricks, mit denen sich Süchtige Stoff besorgten.

Wenn Jürgen König an diese Zeit denkt, fröstelt er. Es gab keinen Spritzentausch, kein Substitutionsprogramm, in dem man Abhängige mit Ersatzstoffen wie Methadon behandeln konnte, und für die Mitarbeiter der Beratungsstelle auch kein Zeugnisverweigerungsrecht gegenüber der Polizei. Alles Schnee von gestern. Niedrigschwellige Angebote sind heute gang und gäbe. Sein ältester Klient feierte vor kurzem den 66. Geburtstag, auch dank Methadon. König weiß, dass das Thema Sucht ein heikles ist. Denn nicht nur Heroin wird gedealt, auch der von Ärzten verschriebene Ersatzstoff landet illegal auf der Szene.

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„Legal Highs“ heißt die neue Geißel

Dabei ist Heroin in seinen Augen nicht mehr die alleinige Teufelsdroge und das berüchtigte Crystal Meth sei in Augsburg kein Thema. „Legal Highs“ (legale Rauschmittel) heißt die neue Geißel – im Internet problemlos als „Badesalz“ zu bestellen. „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nennt König den Stoff, denn nach einer kurzen Euphorisierung folgt oft der blanke Horror. „Immer wieder landen Menschen in der Psychiatrie“, weiß er. Eine Lösung für dieses Problem hat er auch nicht, doch an seiner Haltung gegenüber Süchtigen kann auch das neue Teufelszeug nichts ändern. „Wenn ich nur bekehren will, scheitere ich, man muss jeden Menschen nehmen, wie er ist.“ Er könne Hilfen aufzeigen, Therapien vermitteln und bei Behörden unterstützen.

Dass er diesen Beruf so lange ausüben würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Als Beamtenanwärter bei der Stadt hielt es ihn gerade mal drei Jahre, einen kurzen Abstecher machte er zu den Stadtwerken und der LVA Schwaben. Den Zivildienst absolvierte er beim Stadtjugendring, anschließend machte er Abitur auf dem Bayernkolleg. Mit 27 Jahren schrieb er sich an der Uni ein, 14 Semester lang studierte er Pädagogik, Soziologie und Psychologie. Seine Abschlussarbeit hatte den Titel „Drogenkonsum Jugendlicher unter dem Einfluss der Gleichaltrigen“. Dafür bekam er die Note 1. „Dadurch musste ich 30 Prozent des BaföGs nicht zurückzahlen, damals immerhin 16000 Mark.“

Und jetzt? Heute, an seinem 60. Geburtstag, wird er durch die Wälder wandern, Freunde treffen und sich am Abend mit einem Schmöker von T.C. Boyle in den Sessel verziehen. „Beim Lesen kann ich so richtigabschalten.“ Zweimal war er verheiratet, sein erwachsener Sohn lebt in München. Noch Wünsche? Nein, Jürgen König darf man sich als glücklichen Menschen vorstellen.

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