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Augsburg

09.11.2019

Einsturzgefahr am Oberen Graben: So erlebten sie die Evakuierung

Friseur Berndt Wagner und seine Töchter Saskia Schimpfle (links) und Vanessa Wagner haben mit ihrem Salon bei der Friseurinnung Zuflucht gefunden.

Plus Am 9. November wurde das Haus wegen Einsturzgefahr evakuiert. Seitdem wird es saniert. Bewohner und Geschäftsleute erzählen, wie es nach dem Albtraum weiterging.

Wenn Elsbeth Liegmann abends schlafen geht, nimmt sie zuvor ihr Hörgerät heraus. Klar, dass die 89-Jährige das Klingeln und Klopfen an ihrer Tür nicht mitbekam. Umso größer war für die Seniorin der Schreck, als am späten Freitagabend das Licht anging und die Polizei in ihrer Küche stand. Ein Jahr ist es nun her, dass das Wohnhaus am Oberen Graben 8 über Nacht evakuiert wurde. 21 Senioren, die dort lebten, sowie Geschäftsleute mussten von heute auf morgen eine neue Bleibe finden. Vier Augsburger erzählen, wie schwer dieses Jahr für sie teilweise war. Es gab aber auch schöne Erfahrungen.

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Das große Haus am Oberen Graben 8 musste vor einem Jahr über Nacht geräumt werden.
Bild: Silvio Wyszengrad

Es blieb nur Zeit das Nötigste mitzunehmen

Elsbeth Liegmann sitzt auf einem der Stühle in dem kleinen Bungalow am Servatiusstift, das seit nun einem Jahr ihr neues Zuhause ist. Richtig heimisch fühlt sie sich hier immer noch nicht. Sie vermisst vieles aus ihrer Wohnung am Oberen Graben, in der sie schon sieben Jahre lang lebte. „Vor allem fehlt mir mein Sofa.“ Wie alle anderen Bewohner und Gewerbetreibende auch musste sie Hals über Kopf das Haus verlassen. Es blieb nur Zeit, das Nötigste mitzunehmen. Wenige Male konnten die Menschen in Begleitung zurückkehren, um noch etwas Wichtiges zu holen. Liegmann etwa brauchte mal ein schickes Kleid, als die Hochzeit der Enkelin anstand.

In Elsbeth Liegmanns Wohnung stand vor einem Jahr plötzlich die Polizei – sie und ihre Nachbarn mussten aus Sicherheitsgründen ausziehen.
Bild: Silvio Wyszengrad

In ihrer Übergangswohnung hat die Dame einen kleinen Tisch, einen Schrank, Stühle und ein Bett gestellt bekommen. Gemütlich fand sie das offenbar nicht. Vom Sperrmüll, erzählt die Seniorin, habe sie noch das ein oder andere Möbelstück ergattert, um es bei ihr wohnlicher zu gestalten. Ihr Sohn stellte ihr ein paar Familienbilder auf das Fensterbrett. Die Dame, die im März 90 Jahre alt wird, lebt wie viele andere Betroffene auch, in einem Provisorium.

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Wann kann das Haus am Oberen Graben wieder bezogen werden?

Das geräumte Haus in der Innenstadt gehört einer Stiftung, die von der Stadt verwaltet wird. Das städtische Sozialreferat steht über das Wohnungs- und Stiftungsamt laufend im Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, sagt Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD). Man biete den Betroffenen alle möglichen Hilfestellungen. „Wir informieren auch über den Bauverlauf am Oberen Graben.“ Die Sanierung des Gebäudes in der Innenstadt, dessen Mauerwerk unterspült war, läuft. Laut des aktuellen Berichts der Bauleitung, so Kiefer, ist die Fertigstellung Ende Januar 2020 vorgesehen. Elsbeth Liegmann kann es kaum erwarten, in ihre Wohnung zurückzukehren. Wie auch Josef Rabong, der ebenfalls in der Bungalowanlage unterkam. Der 85-Jährige ist aus einem Grund nicht besonders glücklich über sein neues Heim.

Josef Rabong vermisst das Leben in der Innenstadt.
Bild: Silvio Wyszengrad

„Es ist hier zwar angenehm, aber es ist zu weit von der Innenstadt entfernt“, sagt der alte Herr. Rabong hatte 30 Jahre am Jakobsplatz bei der Fuggerei gelebt und zuletzt im Haus am Oberen Graben. Er vermisst das innerstädtische Leben, die Stadtbücherei, in die er immer so gerne ging, die Geschäfte. Rabong ist mittlerweile gesundheitlich nicht mehr so fit, dass er vom Hochfeld aus mit dem Bus ins Zentrum fahren könnte. „Die meisten Bewohner wollen wieder in die gewohnte Umgebung in der Innenstadt zurück, mit den bekannten kurzen Wegen zum Einkaufen oder zu ihren Ärzten“, weiß auch Stefan Kiefer. Aber alle Beteiligten sind sich im Klaren, dass sich die Situation nun mal nicht ändern lässt. Goldschmiedin Renate Ammer kann sogar etwas Positives aus dem Zwangsumzug ziehen.

Augsburger Goldschmiedin kam in der Annastraße unter

Ihr großes Glück war, so ihr Fazit nach einem Jahr, dass sie in einem leer stehenden Geschäft in der Annastraße unterkommen konnte. „Mit dem Stadtmarkt nebenan ist das eine schöne Umgebung“, meint die 60-Jährige. Auch fänden in der Fußgängerzone Neukunden den Weg in ihre Goldschmiede. Dabei hatte Ammer am Anfang zeitweise das Gefühl, ihren Laden würde es gar nicht mehr geben. Nämlich wenn Pakete an der neuen Adresse nicht ankamen, sondern ungeöffnet an die Lieferanten zurückgingen. Die Goldschmiedin und ihr Team mussten innerhalb weniger Tage das Geschäft samt Schmuck, Materialien und Werkzeugen umziehen – da klappte es auch mit dem Umzug der Telefonnummer nicht auf Anhieb.

Goldschmiedin Renate Ammer ist mit ihrem Ausweichgeschäft zufrieden.
Bild: Ina Marks

„Wir befanden uns schon mitten im Weihnachtsgeschäft und hatten Kundenaufträge am Laufen.“ Zudem musste sie ihre Kunden informieren, dass das Geschäft nun an einem anderen Ort in der Stadt zu finden ist. „Das war alles sehr hektisch“, beschreibt Ammer die Tage nach der Evakuierung. In Erinnerung werde ihr allerdings enorme Hilfsbereitschaft bleiben. Goldschmiede-Kollegen etwa stellten der heimatlosen Schmuckkünstlerin Vitrinen und Werkzeug zur Verfügung. „Das war eine richtig schöne Erfahrung.“ Dankbar für ungeahnte Unterstützung ist auch Berndt Wagner, der seinen Friseursalon „Haarscharf“ in vierter Generation im Haus am Oberen Graben führt.

Für den Augsburger Presseball wollten Kundinnen sich die Haare hochstecken lassen

Am Samstagmorgen, die Bewohner hatten bereits das Gebäude verlassen, schnitt Wagner um acht Uhr dem ersten Kunden die Haare. An dem Tag standen viele Termine an – auch weil am Abend der Augsburger Presseball stattfand. Etliche Kundinnen wollten sich von dem Friseurmeister und seinem Team Hochsteckfrisuren zaubern lassen. „Als Herr Uitz vom Stiftungsamt hereinkam und uns sagte, dass wir das Geschäft schließen müssen, musste ich mich erst mal hinsetzen“, erzählt Wagner. Er weiß noch genau, wie eine Mitarbeiterin ängstlich fragte: „Muss ich jetzt am Montag zum Arbeitsamt?“ 18 Menschen arbeiten in seinem Friseursalon, das Auftragsbuch war voll – wo sollte man nur so schnell einen neuen Friseurladen finden? „Man kann nicht in Worte fassen, wie die Situation für uns war.“

Doch wie so oft im Leben bedarf es manchmal Zufällen und glücklichen Fügungen, um in der Verzweiflung ein Licht am Horizont zu sehen. Der Zufall wollte es so, dass am nächsten Tag eine Meisterfeier in der Friseurinnung stattfand, wo Tochter Saskia ihren Meisterbrief abholte. Völlig ungeplant und aus dem Bauch heraus fragten die Wagners während der Feier nach, ob es in den Räumen der Innung vielleicht noch Platz für sie gebe. Der Vorstand gab grünes Licht. „Die Innung hat sich sensationell verhalten. Was für eine super Kollegialität.“ Wagner ist nach wie vor dankbar. Die Evakuierung und die Folgen für die Betroffenen war und ist für alle ein Kraftakt. Für den Leiter des Stiftungsamtes, Dieter Uitz, war die größte Herausforderung, die Menschen so kurzfristig anderweitig unterzubekommen.

„Dafür erhielten wir von der Stadt alle denkbare Unterstützung. Mit vereinten Kräften auch des THW und des Roten Kreuzes war das möglich.“ Uitz möchte vor so einer Herausforderung nicht noch einmal stehen müssen. „Ich will auch nie wieder in solche Augen blicken müssen, wie wir das an jenem Abend tun mussten.“ Augen voller Erschrockenheit, Angst und Verzweiflung. Augen, wie die von Elsbeth Liegmann. „Ältere Menschen können mit Veränderungen nicht mehr so gut umgehen“, räumt sie ein. Liegmann weiß, was sie als Erstes tun wird, wenn sie in ihre Wohnung zurückkann. „Als Allererstes muss sauber gemacht werden.“

Lesen Sie dazu auch: Gebäude einsturzgefährdet: Wie es den Senioren geht

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