1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Fast jede zweite Zecke in der Region mit Borreliose infiziert

Region Augsburg

23.04.2014

Fast jede zweite Zecke in der Region mit Borreliose infiziert

Die Zecken sind schon unterwegs - und übertragen Krankheiten wie FSME und Borreliose.
Bild: Frank Rumpenhorst, dpa/lhe

In der Region ist fast jede zweite Zecke mit Borreliose infiziert. Die Krankheit kann für Menschen schlimme Folgen haben. Dr. Carsten Nicolaus über Möglichkeiten, sich zu schützen.

Zwischen 500.000 und 600.000 Menschen leiden deutschlandweit unter einer chronischen Borreliose. Wie die Hirnhautentzündung wird diese Krankheit durch einen Zeckenstich übertragen. Im Gegensatz zur Meningitis kann man sich aber nicht gegen Borreliose impfen lassen. Wir sprachen mit Dr. Carsten Nicolaus (56), Mitbegründer der Augsburger BCA-Clinic, über Symptome und Folgen einer Borreliose-Infektion – und darüber, warum die Diagnose oft so schwer ist.

Herr Dr. Nicolaus, ist die Region Augsburg denn Zecken- bzw. Borreliosegebiet?

Definitiv. Nach Studien der Landesämter gehören wir zu den Hotspots: In etwa jede zweite Zecke ist infiziert. Je nach Gebiet schwankt dieser Wert zwischen 35 und 50 Prozent.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Kann ich einem Stich vorbeugen – zum Beispiel durch helle Kleidung oder Insektensprays?

Letztendlich spielt die Farbe der Bekleidung keine Rolle, da Zecken wohl farbenblind sind. Wir Menschen erkennen allerdings leichter Zecken auf heller Kleidung. Wichtig ist, dass die Kleidung für Outdoor-Aktivitäten geeignet ist. Man sollte auf lange Hosen achten, da man damit einen guten Schutz hat. Bedingt durch die Körpergröße von Kindern ist es deshalb auch wichtig, bei diesen den Oberkörper und die Arme zu schützen und nach dem Aufenthalt im Freien abzusuchen. Hilfreich ist auch der Einsatz von Insektensprays. Auf die Haut oder Kleidung aufgebracht, kann so ein zusätzlicher Schutz gegen Zecken oder andere stechende Insekten aufgebaut werden.

Was mache ich, wenn mich eine Zecke gestochen hat?

Zunächst sollte man die Zecke möglichst schnell entfernen. Bei Kleinkindern raten wir zudem, das Insekt aufzubewahren und zur Untersuchung mitzubringen. Eine Blutabnahme kann für Kinder ja sehr traumatisierend sein. In diesem Fall kann man die Zecke im Labor auf Borrelien-DNA untersuchen lassen. Das bieten inzwischen fast alle Labors an.

Ich könnte „meine“ Zecke also auch selbst einschicken?

Ja. Diese Tests kosten zwischen 20 und 80 Euro, je nachdem, welche Bakterien man nachgewiesen haben will. Wir empfehlen aber nicht generell, jede Zecke untersuchen zu lassen, da ein Restrisiko besteht: Selbst wenn Borrelien-DNA gefunden wurde, muss es noch nicht zu einer Übertragung gekommen sein.

Wann weiß ich sicher, dass ich mit Borreliose infiziert wurde?

Krank wird nur ein Zehntel der Patienten, infiziert sind viel mehr. Wenn das Immunsystem gut funktioniert, hat man gute Chancen, nach einem Zeckenstich gesund zu bleiben. Der klinische Beweis für einen Ausbruch ist die Wanderröte. Wer sie hat, muss auf jeden Fall behandelt werden.

Tritt diese Wanderröte immer auf?

Das hat man lange Zeit geglaubt, aber leider ist es nur in jedem zweiten Fall so – in der Regel so nach sieben bis zehn Tagen. Was auch passieren kann, ist, dass die Wanderröte Wochen oder Monate später kommt oder dass mehrere Wanderröten auftreten. Das muss auch nicht unbedingt an der Stelle sein, an der man gestochen wurde. Ich rate jedem Patienten, der von einem Zeckenstich weiß, sich untersuchen zu lassen. Bis die Tests anschlagen, müssen zwischen Stich und Untersuchung aber rund zehn bis 14 Tage vergangen sein. Erst dann bilden sich Antikörper.

Diesen Nachweis bietet jeder Hausarzt an, oder?

Ja. Der erste Test ist der sogenannte Elisa-Test, ein Nachweisverfahren auf Antikörper. Das Problem dabei ist, dass dieser Test nur in etwa 50 Prozent der Fälle akkurat anschlägt. Viele Patienten werden damit also überhaupt nicht diagnostiziert.

Dr. Carsten Nicolaus
Bild: privat

Wenn ich doch diagnostiziert werde, wie wird dann behandelt?

Bei vielen Ärzten herrscht die Meinung vor, dass die Borreliose leicht zu diagnostizieren und zu therapieren ist. Die Norm ist, zwei bis drei Wochen mit einem Antibiotikum zu behandeln. Wir empfehlen die Einnahme des Medikaments für vier bis sechs Wochen, weil wir bei zu kurzer Therapie immer wieder sogenannte Therapieversager gesehen haben. Da werden die Patienten behandelt und sehr viel später treten doch wieder Symptome auf. Eine etwas längere Behandlungszeit minimiert dieses Risiko deutlich.

Damit wären wir bei einem weiteren Problem: den Langzeit-Folgen, die auch dann auftreten können, wenn ich gar nicht weiß, dass meine Beschwerden von einem Zeckenstich herrühren könnten...

Der große Streit weltweit besteht genau darin. Es gibt eine Reihe von Ärzten, die an der Existenz von chronischer Borreliose zweifeln. Die Ärzte der BCA-Clinic und andere Ärzte schätzen die Situation aufgrund unserer Erfahrung anders ein: Wenn man viele Patienten hat, ist es leichter, Muster hinter bestimmten Symptomen zu erkennen und sie auf eine Borreliose-Infektion zurückzuführen.

Was sind solche typischen Symptome?

Es gibt sehr viele unspezifische Symptome: Wenn jemand chronische Beschwerden hat wie Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen, das Knie schwillt ständig an... Oder Schlafstörungen – in 70 Prozent der Fälle haben Patienten Durchschlafstörungen; diese Patienten wachen gehäuft nachts auf. Sehr häufig sehen wir auch kognitive Einschränkungen, auch in jungen Jahren: Das sind Konzentrationsstörungen, man macht ständig Zahlendreher, Bezeichnungen von Worten fallen einem nicht mehr ein. Borreliose ist eine Multisystemerkrankung. Letztlich kann jedes Organsystem Schaden nehmen.

Was die Diagnose nicht leichter macht.

Man muss in solchen Fällen natürlich erst einmal andere Ursachen ausschließen, zum Beispiel durch rheumatologische Untersuchungen. Auch wir waren am Anfang nur auf Borrelien fixiert, haben dann aber festgestellt, dass eine isolierte Borreliose etwas Seltenes geworden ist. Meistens handelt es sich um Mischinfektionen mit anderen bakteriellen und viralen Erregern, die zu Schmerzen im Brustkorb, Atembeschwerden, Herzrasen führen können. Eine zweite Gruppe von Co-Infektionen sind durch die Luft übertragene Erreger, wenn das Immunsystem durch die Anwesenheit von Borrelien geschwächt ist.

Untersucht diese Folge-Infektionen dann auch wieder der Hausarzt?

Nein, eben nicht. Wir haben was geschaffen, was weltweit einmalig ist: Wir haben ein spezialisiertes Labor aufgebaut, die Diagnostik erweitert und verbessert, um bessere Informationen über den aktuellen Aktivitätsgrad einer Vielzahl von Infektionen zu bekommen. Wir bekommen täglich aus der ganzen Welt Laborproben, immer mehr auch aus Asien.

Wenn ich erkrankt war und behandelt wurde, ist es dann nötig, nach einer gewissen Zeit noch einmal Untersuchungen zu machen?

Nur, wenn man Beschwerden feststellt. Ein sicheres Zeichen bei chronischer Borreliose ist zum Beispiel die sogenannte Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA). Das sind Hauterscheinungen an Händen und Füßen. Die Haut wird pergamentartig, verletzlich. Teils ist sie hochrot, wie bei einer Durchblutungsstörung. Auch Schlafprobleme oder Stimmungsschwankungen können hier wieder Hinweise sein.

Die BCA-Clinic ist eine private Einrichtung. Einige Ärzte in der Region stehen ihr ablehnend gegenüber, unter anderem, weil sie glauben, die Diagnostik sei zu teuer.

Es hat lange gedauert, bis wir unsere Zulassung bekamen, weil man dachte, für diese Form der Erkrankung brauche man eine solche Einrichtung nicht. Das hat nicht ins Raster gepasst. Die Entwicklung zeigt etwas anderes. Im Moment behandeln wir im Jahr zwischen 4000 bis 4500 Patienten, rund 70 Prozent kommen aus dem Ausland.

Weil sie es sich leisten können?

Unsere deutschen Patienten sind zu 60 Prozent Kassenpatienten. Ein normaler Test wird von der Kasse bezahlt. Bei weiterführenden Untersuchungen haben wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Manche Kassen übernehmen die Kosten voll oder anteilig. Bei einem Verdacht auf chronischen Verlauf empfehlen wir, mit dem Kostenträger zu klären, was er übernimmt. Die Behandlung ist aber billiger geworden: Eine Akutbehandlung über zwei bis vier Wochen mit Antibiotikum kostet zwischen 30 und 60 Euro. Bei chronischen Verläufen liegen die Therapiekosten bei 150 bis 200 Euro für zwei Monate, wenn man Tabletten nimmt. Bei Infusionen wird es mehr.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren