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Modular

24.06.2019

Feiern im Friesen-Nerz

BLVTH sorgte trotz teils heftigen Regens vor der Bühne am Park für ausgelassene Stimmung. Die Wasserschlacht nahm kein Ende mehr.

Am Samstag entwickelt sich das Jugendfestival zur Wasserschlacht. Das tut der Stimmung keinen Abbruch

Der Regen kommt um 18.30 Uhr. Und man kann ja nun seufzen, weil schon schnell klar war, dass er an diesem letzten Modular-Tag dann auch nicht mehr aufhören würde. Aber angesichts dessen, was da in den Stunden zuvor an Gewitterfronten links und rechts am Himmel blitzend und donnergrollend vorbeigezogen war, ist das Festival noch ganz gut davongekommen. Kein Unwetter, bloß schlechtes Wetter – anders zum Beispiel als in München, wo das „Isle of Summer“-Elektrofestival am Abend mitten im Auftritt von DJ-Star Fritz Kalkbrenner wegen starker Gewitter abgebrochen werden musste.

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Noch relativ glückliches Augsburg also – aber auch tapferes Augsburger Publikum? Kann man wohl so sagen. 18.30 Uhr also war’s, als der Regen kam, und da standen gerade Blackout Problems auf der Bühne am Kessel, die an diesem letzten Modular-Tag ohnehin in Gitarren-Hand war. Und wo die vier alle mit M beginnenden Vornamen der noch dazu Münchner so schön zum Modular passen, heizten die den Tropfen zum Trotz mit ihrem eher für die Nuller Jahre typischen Power-Rock dem Publikum so richtig ein, samt Ausflügen ins Publikum, das sie dann auch feierte bei ihrer ersten Erscheinung hier (nach bisher erfolglosen Bewerbungen).

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Exakt drei volle Regenstunden später jedenfalls traten auf die gleiche Bühne die Headliner dieses dritten Tages – und wenn man bei normalen Verhältnissen hätte sagen müssen, dass es da nun nicht gerade voll war, und hätte fragen können, ob nicht Frittenbude zuvor die eigentlichen Headliner hätten sein sollen, denn die brachten mit ihrem gewohnt wuchtigen Polit-Rave-Punk-Rap nicht nur die Welt in Ordnung, indem sie den Finger Richtung rechts reckten, eine Abschaffung der Ländergrenzen und überhaupt ganz viel Liebe forderten... Bei der Witterung und mit einem immer noch halb vollen Platz vor der größten Bühne haben sich durchaus auch OK Kid bewährt. Und legten mit „Warten auf den starken Mann“ nun auch nicht gerade poppig unpolitisch los. Gute Performance, gute Stimmung, trotz allem. Und apropos trotz, trotzdem noch einen Reim von Frittenbude nachgereicht, weil er hier halt so schön passte: „Du willst Sonne und kriegst Regen – du suchst Asyl und sie sind dagegen.“ Und im Publikum wehte die „Refugees-Welcome“-Flagge.

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Modefarbe des Tages wurde nach und nach immer mehr ein transparentes Blau. Denn der Stadtjugendring verteilte, gesponsert von den Stadtwerken, ebensolche Regenponchos. Das überdeckte vielleicht manche modische Feinheit, half aber dann doch – denen, die sich helfen lassen wollten. Denn andere hatten sich unter Tischen bereits gemütlich plaudernd und pichelnd eingerichtet, wieder andere wollten von Schutz überhaupt gar nichts wissen. Wie jene zwei Jungs, die einfach in Frottee-Bademänteln feierten und meinten, damit hätten sie ja auch gleich was zum Abtrocknen. Ähm, ja. Logisch – nicht unbedingt. Lustig – allemal. Und das ist bei einem Festival ja auch viel wichtiger!

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Am Freitag war dagegen die Wetterwelt noch in Ordnung. Als International Music „Knie kaputt, Frisur ist scheiße, die besten Jahre sind vorbei“ deklamieren, nehmen das auf dem gut gefüllten Platz sehr viele grau melierte Indie-Bescheidwisser zur Kenntnis, während ein anderer Teil des Publikums eher mit Ballwerfen und Biertrinken beschäftigt ist. Nein, die drei Essener haben es nicht leicht an diesem Tag mit ihren Songs zwischen Krautrock und Velvet Underground, mit ihren Texten zwischen Dada und poetischer Skizze, die vielleicht mehr Aufmerksamkeit brauchen, als es in so einem Rahmen möglich ist. Und irgendwie scheinen auch sie mit dem Prinzip Festivalbühne zu fremdeln, murmeln ihre Ansagen eher in sich hinein. Zwischendurch prosten sich Sänger Peter Rubel und Bassist Pedro Goncalves Crescenti mit ihren Bierflaschen zu: „Auf den Rock ’n‘ Roll“. Er braucht Unterstützung.

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Andererseits: Später, bei Cari Cari, funktioniert das ganz passabel mit dem Rock und den Gitarren. Wobei das schon irgendwie seltsam ist, was die Österreicher da machen: Die Moderatorin kündigt sie als „The xx mit Cowboyhut“ an, was danach kommt, ist aber eher White Stripes mit Didgeridoo, was sich mit der Idee der Band, einen Soundtrack für einen noch nicht gedrehten Quentin-Tarantino-Streifen zu machen, etwas beißt: Ob der Filmemacher wirklich auf abgehangenen Rock mit Südstaaten-Flair steht?

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Besser funktioniert das Rezept bei Altin Gün aus Amsterdam, auch wenn die Zutatenliste sich merkwürdig liest: türkische Folklore in einem Gewand aus Psychedelic-Rock und Disco-Funk. Tatsächlich groovt die dreiköpfige Rhythmusmaschine der Band um Gründer und Bassist Jasper Verhulst unwiderstehlich, während darüber Wah-Wah-Gitarre, spacige Italo-Synthies, die türkische Langhalslaute Saz (in der E-Version) sich mit den Melodien abwechselnd und die Sänger Erdinc Yilviz Ecevit und Sängerin Merve Dasdemir die türkischen Texte singen. Ein Höhepunkt beim Modular 2019.

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Der Regen war am Samstag zweifelsohne kein Höhepunkt, sondern ein Dauerzustand. Die Fanschar war am Abend kleiner, was aber nicht am Autotune-Pop von Mavi Phoenix lag, sondern daran, dass der Regen den Durchhaltewillen beim letzten Act des Modular-Festivals 2019 dann doch ziemlich aufgeweicht hatte. Die Linzerin selbst tat einfach, als wäre da gar nichts nass und schaffte es wirklich, mit ihrem sehr zeitgenössischen Mix die von vollgesogenen Kleidern schweren Glieder ein letztes Mal zum Tanzen zu bringen. Und wieder, wie schon am Abend zuvor bei Noga Erez, hatte man das Gefühl, am Ende des Tages bei etwas dabei gewesen zu sein, das noch ziemlich groß werden könnte.

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Im ganzen Rückblick gut also, dass eine der vollmundigen Ankündigungen des Bühnenmoderators am Kessel nicht in Erfüllung gegangen war. Nach den kurzfristig eingesprungenen und schön melodischen Lvng nämlich sollten Pabst aus Berlin antreten, um „dieses Festival abzureißen“. Tat der Dreier mit seinem druckvollen Sound irgendwo zwischen Surf-Punk und frühen Smashing Pumpkins dann aber nicht – auch wenn sich deren Selbstbeschreibung erfüllte.

Sie hätten nämlich nur zwei Arten von Songs, sagte der Sänger, entweder zum Headbangen oder zum Moshen. Da war es noch nicht mal 18 Uhr, und das Publikum formierte sich tatsächlich schon zum Circle-Pit und pogte freudig. Ein Abriss wäre also doch zu schade gewesen. Vor allem, weil mit diesem Modular ja erst eine neue Zeit begonnen hat. Und gut begonnen hat. Auf ein freudiges Wiedersehen im hiermit eroberten Oberhauser Gaswerk also, 2020!

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