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Firnhaberau: Die Firnhaberau wird 100 Jahre alt: Von Landkindern inmitten der Stadt

Firnhaberau

Die Firnhaberau wird 100 Jahre alt: Von Landkindern inmitten der Stadt

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    Die Firnhaberau hat an vielen Ecken ihren dörflichen Charakter bewahrt, beispielsweise am Hubertusplatz, wo sich die Kirche St. Franziskus und der Hubertushof befinden.
    Die Firnhaberau hat an vielen Ecken ihren dörflichen Charakter bewahrt, beispielsweise am Hubertusplatz, wo sich die Kirche St. Franziskus und der Hubertushof befinden. Foto: Michael Hochgemuth

    Der Nord-Osten Augsburgs ist für Carolin Koch Heimat, seit sie denken kann. Hier besuchte sie die Tiger-Gruppe im Kindergarten „Villa Kunterbunt“, ging in die Grundschule Firnhaberau, tollte auf dem Abenteuerspielplatz in der benachbarten Hammerschmiede. Dort genoss sie schon immer die Nähe zu Hochlandrindern und Schafen oder sonnte sich an Sommertagen auf den Kiesbänken des Lech, wie seinerzeit etwas südöstlicher Bertolt Brecht. Ein Blick in die Geschichte der Firmhaberau.

    Carolin Koch – hier mit ihrem Hund Aris – lebt gerne in der Firnhaberau: „Ich würde hier nie wegziehen“, sagt sie.
    Carolin Koch – hier mit ihrem Hund Aris – lebt gerne in der Firnhaberau: „Ich würde hier nie wegziehen“, sagt sie. Foto: Michael Hochgemuth

    Eines kann die 26-Jährige mit absoluter Sicherheit sagen: „Ich würde hier nie wegziehen – nie, nie.“ Und nach einer winzigen, einem Atemzug gleichen Pause fügt sie noch ein „nie im Leben“ hinzu. Diesen spontanen Zusatz begründet die kurz „Caro“ genannte Frau mit der abendlichen Ruhe ebenso wie mit der gleichzeitigen Nähe zur Stadt.

    In der Firnhaberau finden sich Land und Stadt zusammen

    In der Firnhaberau sind die Oma, die Mama, ihre Freunde zu Hause. Und von „denen will auch keiner weg“, sagt die junge Frau überzeugt, die sich als „Landkind inmitten der Stadt“ bezeichnet und nicht wüsste, was dem Stadtteil überhaupt fehlen könnte. Es gebe Einkaufsmöglichkeiten, diverse Sportvereine, Gastronomie, Wasser und Natur, und auch der Autobahnanschluss sei ganz nahe.

    Auf der Terrasse im Garten am Hammerschmiedweg ist es an diesem späten Vormittag noch erfrischend kühl. In der Nachbarschaft nutzt jemand die Gelegenheit, den Rasenmäher anzuwerfen, bevor der Sommer mit Macht zurückkehren wird. In Eigenarbeit haben Mutter und Tochter das Gartenhaus restauriert und ein Hochbeet gebaut. Dort sprießen nach bester Siedlermanier schon die ersten Pflänzchen Salat und anderes Grün und Gemüse für den Eigenbedarf. Der 13-jährige Golden Retriever Aris hat sich ein schattiges Plätzchen unterm Tisch gesucht, nachdem es ihm auf der Wiese zu heiß geworden ist.

    Mit ihm geht Carolin Koch bei noch angenehmen Temperaturen schon morgens vor dem Dienst eine Stunde lang Gassi. Die bevorzugte Runde führt das Duo meist zur Streuobstwiese, die der Gartenbau- und Kleintierzuchtverein Firnhaberau mit seinen Vorsitzenden Dieter Hübner und Dieter Wager 1995 angelegt hatte. Sie grenzt an die Grundstücke der wenigen verbliebenen Landwirte. Bei einem davon macht Carolin regelmäßig Station, um sich frische Kartoffeln zu besorgen, die ihrer Meinung nach besonders lecker schmecken.

    100 Jahre Firnhaberau gibt es nun auch in einer Chronik

    Doch obwohl die Firnhaberauerin um die in Augsburg zunehmende, neue Wohnungsnot weiß, ist sie gegen das Neubaugebiet, das auf dem Feld gegenüber ihrem Haus geplant ist. Zwischen all den charmanten Siedlerhäusern empfindet sie einen modernen, hohen Wohnkomplex als Störfaktor. „Ich hoffe, er kommt nicht“, sagt sie. Und weil solche Gebäude die ganze ländliche Idylle kaputtmachen, traut sie sich, das auch zu sagen. Sich ein paar Stunden in der Innenstadt aufzuhalten, ist für Carolin Koch „okay“. Aber danach kehre sie auch gerne wieder heim zu Ruhe und Natur.

    Den Stolz auf die Errungenschaften der vergangenen 100 Jahre spiegelt auch das hochwertige grün-silberne Buch wider, das die Siedlungsgenossenschaft Firnhaberau zu ihrem Jubiläum zu einer Chronik binden ließ. Sie gibt Aufschluss darüber, wie sich aus einem Überschwemmungsgebiet mit unfruchtbaren Kiesböden – einem „unwirtschaftlichen Land“ zwischen Lech und Autobahn A8 also – ein „blühendes Gemeinwesen“ und eine „begehrte Wohnlage“ entwickelte. Ferner informiert die Chronik darüber, wie die Firnhaberau auf 782 Hektar Fläche zum 28. Stadtbezirk Augsburgs und zur Bleibe für heute rund 5200 Einwohner wurde.

    Ein Blick auf die Firnhaberau

    Die Firnhaberau ist der 28. Bezirk der Stadt Augsburg. Der Stadtteil hat rund 5200 Einwohner und eine Fläche von 7,83 Quadratkilometern.

    Lage: Der Stadtteil wird im Westen durch den Lech und im Osten durch die Hammerschmiede begrenzt. Im Süden reicht die Firnhaberau bis nach Lechhausen und im Norden bis an die Stadtgrenze. Die A 8 durchquert die Firnhaberau. Im Norden befindet sich der teilweise renaturierte Augsburger Müllberg.

    Geschichte: Der Name Firnhaberau geht auf Kommerzienrat Friedrich August Firnhaber (1823–1887) zurück, er leitete die Augsburger Kammgarn-Spinnerei. Er kaufte einst das Auengebiet rechts des Lechs von der staatlichen Forstverwaltung als Jagdrevier. Nach dem Tod seiner Frau Maria im Jahr 1904 ging das 189 Hektar große Areal an die Stadt Augsburg. Sie setzte es dem Stifterwillen entsprechend zur Linderung der Wohnungsnot ein.

    Besiedelung: Am 15. Juli 1920 wurde im Gasthaus „Drei Königinnen“ die „Siedlungsgenossenschaft Augsburg des Bayerischen Ansiedlerverbandes“ gegründet. Sie widmete sich der Besiedelung des Auengebietes. Im Jahr 1921 teilte die Stadt das Gelände auf und die Rodungsarbeiten begannen. Im März erfolgte der Spatenstich zum Bau des ersten Wohnhauses. Nach und nach wuchs der neue Stadtteil.

    Einen Großteil dieser Entwicklung hat Lorenz Bräutigam hautnah miterlebt. Seit seiner Geburt lebt er mittendrin, zwischen St. Franziskus und St. Lukas am Jagdweg, immer im selben Haus. Mittlerweile wird es in der fünften Generation von seiner Familie bewohnt und hat sich der Zeit gemäß verändert. Von ehemals 1600 Quadratmetern Grund unterhalten die sechs Familienmitglieder heute noch 900 Quadratmeter, was der inzwischen üblichen Nachverdichtung geschuldet ist.

    Die Firnhaberau erlebt den Wandel der Zeiten

    Viele Jahre war Lorenz Bräutigam in der Siedlungsgenossenschaft Firnhaberau aktiv – von 1995 bis 2007 als Aufsichtsrat, seit 13 Jahren nebenamtlich im Vorstand. Was er in diesen Funktionen beobachtet, ist, dass die Leute gemäß dem Lauf der Zeit immer älter werden und sich die neu zugezogenen Jüngeren nicht mehr so an der Gemeinschaft beteiligen, wie es früher einmal war.

    Lorenz Bräutigam war in der Siedlungsgenossenschaft Firnhaberau aktiv.
    Lorenz Bräutigam war in der Siedlungsgenossenschaft Firnhaberau aktiv. Foto: Michael Hochgemuth

    Im kommenden Frühjahr legt Lorenz Bräutigam seine Ämter satzungsgemäß im Alter von 75 Jahren bei der Siedlungsgenossenschaft nieder und übergibt die Entwicklung des Stadtbezirks in eine neue Verantwortung. Circa 120 Wohnungen sollen seiner Auskunft nach jetzt dort entstehen, wo eigentlich die Gartenstadt Firnhaberau am Ende des Siedlerwegs geplant ist. Aber auch wenn sich mit dieser Vorstellung nicht jeder anfreunden kann, so weiß Bräutigam, warum es unumgänglich ist: „Wir brauchen den Wohnraum“, sagt er. Deshalb dürfe man das Grundstück nicht brach liegen lassen.

    Der Kenner der Firnhaberau spricht von einem „liebens- und lebenswerten“ Fleckchen Erde, wo er selbst sogar bei den „Theaterleuten“ des TSV aktiv mitwirkte. Eine Vielzahl von Fotografien in der Jubiläumschronik illustriert und dokumentiert die Geschichte des Stadtteils. Fleißige Männer mit aufgekrempelten Ärmeln sind darauf bei schweißtreibenden Rodungs- und Aushubarbeiten aus den Anfängen zu sehen. Die Spuren des Krieges sind ebenso abgebildet wie die Errungenschaften durch Selbsthilfeleistung. Prominenten Vorfahren fühlen sich die renommierten Laienschauspieler des TSV Firnhaberau heute verpflichtet.

    Corona vermasselt die 100-Jahr-Feier der Firnhaberau

    Romy Schneider, bekannt als junge Kaiserin Sissi, und ihre Mutter Magda (im Film wie im richtigen Leben) gehören zu den großen Namen der Firnhaberau. Nicht zu vergessen die Grand Dame des Balletts des Theaters Augsburg, Magda Karder-Schaefer, die dem langjährigen Regisseur der Laientruppe aufgrund ihrer Strenge in ewiger Erinnerung bleiben wird. Für die Feier des 100. Geburtstags war in der Siedlungsgenossenschaft laut Lorenz Bräutigam schon alles vorbereitet, inklusive Theater im Hubertushof. „Doch dann“, sagt er, „kam Corona.“ Und die geplanten Festivitäten sollen nächstes Jahr nachgeholt werden.

    Einwohnerin Koch sagt: "Ich muss nicht weg, hier ist es auch schön"

    Den aktuellen Sommer wird die 26-jährige Carolin Koch wohl nicht ans Meer reisen. Den wegen der Corona-Pandemie gültigen Beschränkungen begegnet die Angehörige einer „systemrelevanten medizinischen Berufsgruppe“ wohltuend unaufgeregt. Schließlich ist sie bei Ausübung ihrer Tätigkeit zu nah an den Fällen, die unter allzu großer Risikobereitschaft oder Fahrlässigkeit zu leiden haben.

    Sie selbst will niemanden in Gefahr bringen und denkt dabei vor allem an ihre Oma, die ihrem 90. Geburtstag entgegensieht. „Ich muss nicht weg“, sagt die 26-Jährige gelassen, „schließlich ist es bei uns auch schön.“

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