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Augsburg

20.11.2017

Für die Obdachlosen in Augsburg ist der Winter lebensgefährlich

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Michael war lange obdachlos, heute hat er eine Wohnung.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die Zahl der Menschen in Augsburg, die ohne Unterkunft auf der Straße leben, hat sich in den vergangenen Jahren offenbar deutlich erhöht. Der Winter ist für sie gefährlich.

Michael hat mal ein paar Tage auf der Straße gelebt. Es war ein Sommer und daher warm draußen, kein saukalter Winter, aber es reichte schon. Noch einmal muss er nicht in der Situation sein. Vor gut zwölf Jahren musste er aus seiner Wohnung raus, erzählt er. „Wegen Hartz IV. Es hieß, sie war zu groß.“ Etwas muss jedenfalls schief gelaufen sein. Er schlief dann oft in Obdachlosenunterkünften oder bei Freunden. Wo es eben ging. Seit der Zeit, berichtet er, hatte er immer mal wieder Wohnungen, aus denen er aus unterschiedlichen Gründen rausmusste. Heute lebt er wieder in einer. Ein Zimmer, 20 Quadratmeter. „Wenigstens warm“, sagt Michael.

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An diesem Tag sitzt er in der Annastraße, vor ihm ein kleiner Korb und ein Stück Pappe, auf dem „Bitte eine Spende, danke“ steht. Seinen Nachnamen will Michael nicht in der Zeitung lesen, der Vorname ist okay. Er habe lange mit Depressionen gekämpft und sei erwerbsunfähig, sagt er. Das Geld ist immer knapp. Und noch einmal ohne Wohnung dastehen will er nicht. Gerade jetzt, wo es kalt wird.

Der Winter mag die Leute bibbern lassen, für Obdachlose bedeutet er Lebensgefahr. Die Stadt Augsburg hat 90 Schlafplätze in einem Übergangswohnheim, das sich aktuell in der Spicherer-Schule befindet, da die Notunterkunft in der Johannes-Rösle-Straße saniert wird, und aktuell 77 Obdachlosenwohnungen, die teils überfüllt und teils dringend sanierungsbedürftig sind.

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Über 60 Obdachlose schlafen in Augsburg wohl draußen

Deutschlandweit steigt die Zahl der Obdachlosen seit Jahren, in Augsburg ist es offenbar nicht anders. Aktuell kommen in den Unterkünften 223 Menschen unter, vor fünf Jahren waren es 200, noch kein großer Sprung. Nicht erfasst ist, wie viele Menschen tatsächlich draußen schlafen, auf öffentlichen Plätzen, unter Brücken, auf Parkbänken. Knut Bliesener, Sozialarbeiter beim katholischen Sozialverband SKM, schätzt die Zahl auf über 60. Vor vier oder fünf Jahren, sagt Bliesener, seien es noch deutlich weniger gewesen. 30 Menschen etwa. Die Wohnungsnot habe die Lage verschärft, der Anstieg liege aber vor allem daran, dass viele Menschen aus Osteuropa in die Stadt gekommen seien, aus Rumänien etwa.

„Nicht jeder schafft es, eine Bleibe zu finden.“ Sobald die Temperatur bei minus fünf Grad oder drunter liegt, fahren die Streetworker des Verbandes nachts mit einem Bus los, um Obdachlosen zu helfen. Die Stadt wiederum funktioniere ihre Obdachlosenwohnungen notfalls zu Wohngemeinschaften um, damit alle Obdachlosen untergebracht werden können, sagt Sozialreferent und dritter Bürgermeister Stefan Kiefer (SPD). Die Stadt unterstütze zudem Träger und Verbände, die Projekte für Obdachlose anbieten, die Caritas etwa oder SKM.

Eine Schlafstätte von Obdachlosen unter der Dieselbrücke an der Wertach. Die Zahl der Menschen, die in der Stadt auf der Straße leben, hat sich wohl deutlich erhöht.
Bild: Silvio Wyszengrad

Warme Mahlzeiten in der Wärmestube

Unklar ist, wie viele Menschen es in Augsburg gibt, die keine eigene Wohnung haben, aber auch nicht auf der Straße oder in einer der Unterkünfte für Obdachlose leben. Sondern beispielsweise vorübergehend bei Freunden unterkommen. Menschen, die so leben, wie es Michael Jahre lang getan hat, der auch mal in einer kleinen Hütte im Schrebergarten einer Verwandten schlief. Durch den angespannten Wohnungsmarkt könne die Zahl dieser Menschen in der Stadt auch bei über 1000 liegen, sagt Sozialreferent Kiefer. Sozialarbeiter Bliesener nennt ebenfalls diese Zahl. Etwa 1000 Menschen „mit einem Dach über dem Kopf“, aber davon bedroht, auf der Straße zu landen. Viele von ihnen, sagt Bliesener, würden Angebote wie die Wärmestube des SKM annehmen: Räume in der Klinkertorstraße, in denen es für wenig Geld warme Mahlzeiten, Brotzeiten und Tee gibt.

An diesem Tag sitzen hier etwa zwei Dutzend Menschen an den Tischen, schlürfen Suppe oder wärmen sich mit Tee. Luis ist einer von ihnen. Er ist einer der jüngeren hier, noch keine 30, aber er hat schon einiges erlebt, so ist es nicht. Wenn man auf der Straße lebe, sagt er, sei es besser, unter einer Brücke zu schlafen als mitten in der Stadt. Dort bestehe die Gefahr, überfallen oder verprügelt zu werden, etwa von betrunkenen Jugendlichen. Ihm selber ist das noch nicht passiert, aber gehört hat er davon. Luis war mal im Gefängnis, und als er wieder rauskam, berichtet er, fand er keine Wohnung. Das sei der Knackpunkt gewesen. Erst lebte er in einer Obdachlosenunterkunft, dann auf der Straße, heute wieder in einer Unterkunft. Das Leben auf der Straße, sagt er, sei hart, auch wenn man irgendwann Leute kenne, die helfen.

Unterbringung von Obdachlosen soll verbessert werden

Wie berichtet, plant die Stadt, die Unterbringung von Obdachlosen zu verbessern. In Pfersee soll es beispielsweise ab dem Frühjahr eine neue Unterkunft speziell für obdachlose Frauen geben. Bis zu 30 Frauen sollen übergangsweise ein Dach über dem Kopf erhalten.

Luis hofft darauf, dass es in der Zukunft besser läuft. „Das Normale“, sagt er. Einen festen Wohnsitz, eine Familie. Und natürlich eine eigene Wohnung.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

20.11.2017

Alle Menschen brauchen eine anständige Zuflucht, ohne wenn und aber. Das ist nicht allein staatliche Aufgabe, sondern auch gesellschaftliche.

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20.11.2017

Es muss doch möglich sein, diesen Menschen ebenso ein Traglufthallendach zur Verfügung zu stellen, wie man es für die Flüchtlinge 2015 getan hat.

Es kann doch nicht sein, dass man aus humanitären Gründen Hilfsbedürftige aufnimmt und beschützt und die eigenen Bürger, die aus welchen Gründen auch immer aus dem Raster fallen, im Winter im Freien unter Brücken und auf Parkbänken nächtigen lässt.

Außerdem halte ich es für eine Unmöglichkeit, HartzIV-Bezieher die Wohnung nicht mehr zu bezahlen, weil sie zu groß ist und sie dadurch in die Obdachlosigkeit zu treiben, wenn der Staat nicht einen angemessenen Ersatz für die zu große Wohnung bieten kann. Das genau ist seine Aufgabe. Nicht Not und Elend in der Welt zu lindern und vor der eigenen Tür Menschen erfrieren zu lassen.

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20.11.2017

Außerdem halte ich es für eine Unmöglichkeit, HartzIV-Bezieher die Wohnung nicht mehr zu bezahlen, weil sie zu groß ist...

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https://www.welt.de/wirtschaft/article170589773/Hartz-IV-Empfaenger-ohne-Anspruch-auf-volle-Uebernahme-von-Wohn-und-Heizkosten.html

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Empfänger von Arbeitslosengeld II haben keinen Anspruch auf eine volle Übernahme ihrer Wohn- und Heizkosten. Es sei verfassungskonform, dass der Gesetzgeber „keinen Anspruch auf unbegrenzte Übernahme der Kosten für Unterkunft und Heizung normiert hat“, entschied das Bundesverfassungsgericht in einem am Dienstag veröffentlichten Beschluss.

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20.11.2017

Empfänger von Hartz IV haben so lange Anspruch auf eine Übernahme der Kosten, bis eine entsprechende Wohnung gefunden ist. Allerdings muss die Wohnungssuche nachgewiesen werden, was zur Zeit in Ballungsgebieten nicht allzu schwierig ist.

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22.11.2017

Haben Sie sich schon mal selbst reden gehört oder noch einmal durchgelesen bevor Sie etwas Posten. Genau diese schwachsinnigen Arrgumente gehen die Neunazis so erfolgreich auf stimmenfang. Flüchtlinge gegen Obdachlose und Langzeitarbeitslose auszuspielen ist so dermaßen primitiv.

Schuld sind nicht diese Minderheiten sondern eine, schon seit langem vernachlässigte und unregulierte, Wohnungspolitik der Regierung. Aber statt dagegen etwas zu tun sollte man nach Ihrer Meinung zuerst unsere humanitären und völkerrechtlichen Pflichten über Bord werfen?

Jede Unterkunft ob für Flüchtlinge, Odachlose oder anderweitig Notleidende ist ein Kampf gegen die dortigen Anwohner und Menschen wie Sie. Es gibt kein ethisch vertretbares Argument für eine Bevorzugung eine Gruppe vor der anderen.

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22.11.2017

Schuld sind nicht diese Minderheiten sondern eine, schon seit langem vernachlässigte und unregulierte, Wohnungspolitik der Regierung.

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Das ist unehrlicher Linkspopulismus.

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z.B. Berlin - damals zum Prognosezeitpunkt von Herrn Wowereit rotrot regiert.

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http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/bevoelkerungsprognose/download/kurzfassung_bevprog_2007_2030.pdf

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Die gesamtstädtische Rechnung weist in ihrer Basis-Variante für das Jahr 2030 eine Bevölkerungszahl von 3,476 Mio. Personen aus (Bevölkerungsstand am 31.12.2007: 3,416 Mio.).

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offiziell 2016 IST : 3,52 Mio, wobei man es typisch Berlin auch nicht so genau weiß und schon mehr vermutet.

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https://www.morgenpost.de/berlin/article209252565/Statistik-Berlin-hat-weit-mehr-als-3-5-Millionen-Einwohner.html

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23.11.2017

O Herr schmeiß Hirn vom Himmel. Wie idiotisch ist das denn: Um wieder mal eine sehr wacklige Brücke zu den Linken zu schlagen, wird einfach mal kurz Augsburg mit Berlin vertauscht.

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22.11.2017

Sie haben ganz offensichtlich Probleme mit dem Textverständnis. Und damit verbuchen Sie bitte die Primitivität bei sich selbst. SIE sind nämlich ganz offensichtlich nur darauf aus, sich selbst ein gutes Gefühl zu verschaffen, indem Sie einfach lesen, was Sie lesen wollen und dann entsprechend zu verurteilen

In meinem Beitrag steht nirgendwo etwas von einem Gegeneinanderauspielen.

Sondern genau das, was Sie fordern - beides muss möglich sein.

Momentan ist es aber so, dass berichtet wird, dass Augsburger Bürger auf der Straße und unter Brücken leben müssen - nicht die Flüchtlinge. Nein da steht nicht, dass ich finde die Flüchtlinge müssten statt der....

Fällt Ihnen auch KONKRET etwas ein zur Abhilfe als Ihre zwar zutreffende Argumentation von der der falschen Wohnungspolitik, von der aber noch kein einziger Obdachloser eine geschützte Unterkunft erhält?

Nein, das glaube ich nicht, das überfordert Sie entschieden.

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23.11.2017

Schwachsinn. Der Wohnungsbai ist nicht unreguliert. Suchen Sie sich die Gesetze und Verordnungen mal zusammen: eine DINA4-Seite reicht da nicht.

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23.11.2017

Sehr richtig erkannt. Deshalb sollten wir uns etwas mehr an den Bauvorschriften von Bangladesch orientieren . . .

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