Grenzenlos

09.06.2012

Ganz nah am Schalala

Diese Plastikpalme, diese Wölkchen! Und trotzdem: Die Erste Allgemeine Verunsicherung hat auf dem Grenzenlos-Festival auch ernste Töne angestimmt.
Bild: Hochgemuth

Die Erste Allgemeine Verunsicherung kann trotz „Banküberfall“ und „Märchenprinz“ auch ernst sein. Auf dem Festival zeigen sie: Man muss sehr genau hinhören

Man gibt sich ja doch redlich Mühe, diese Band nicht als Klamauk zu sehen. Aber dann steht da diese unsägliche Plastikpalme auf der Bühne. Eine Palme, kaum zu fassen, pink und neongelb wedelnd im grellbunten Licht, auch noch unter wattebauschigen Wölkchen – und inmitten dieser grässlichen Optik aus Ballermann und Ottifanten, in der alles aufgeblasen wirkt wie ein knallrotes Gummiboot, soll tatsächlich jemand spielen, der nicht Klamauk macht? Jemand anderer als Ich-will-Spaß-Markus?

Nun, so ganz stimmt das nicht, denn die Erste Allgemeine Verunsicherung hat nie behauptet, nicht auch Schwachsinn („im Kubik“, wie Texter Thomas Spitzer einmal verlautbarte) zu produzieren. Drum können jene Austro-Rocker, die in der Alpenrepublik mehr Platten verkauften als Michael Jackson oder Mozart, auch mit einer guten Portion Humor auftreten. In der Pressemitteilung steht daher unter dem Punkt „Wussten Sie schon...“ derlei Erfrischendes wie: ...dass das Video zu „Bankrobbery“, der englischen Version von „Banküberfall“, in Großbritannien zum schlechtesten Clip des Jahres 1986 gewählt wurde?

Knapp zweitausend Zuschauer, doch die da vorn blöken nur

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Dass die Combo um Sänger Klaus Eberhartinger seit ihrer Gründung 1977 aber auch ernst sein wollte und nicht alles in Witze kleidete, dass sie noch immer aufrütteln möchten und ihrem Zorn Luft machen, das steht dort eben auch. „Neandertal“ ist so ein bissig-wütendes Lied, ein Abgesang auf eine vermeintlich zivilisierte Erste Welt, in der man sich mitfühlend gibt, aber eben doch das Fernsehprogramm wechselt, weil hungernde afrikanische Kinder einem den Appetit vergällen.

Eigentlich ein guter Opener also für einen nicht völlig blödelnden Donnerstagabend auf dem Grenzenlos-Festival. Knapp zweitausend Zuschauer sind gekommen für ihre Best-of-Tour, trotz Regenwarnung und hoher Eintrittspreise. Doch dann blöken die da vorn erst einmal nur „Uh-uh-uh, Ah-ah-ah“. Fraglos, wer eine Abneigung gegen plumpes Schalala hat, sollte das Sextett aus der Steiermark tunlichst meiden, derart oft hört man Worte wie Tirili und Tirila. Die Band will es einem aber auch nicht leicht machen, sie ernst zu nehmen.

In genau jenem Spannungsfeld oszillieren denn auch die kommenden anderthalb Stunden. Hier schimpft Klaus Eberhartinger über die Schönheitschirurgie („Da wird einem von unten das Fett nach oben gespritzt“), nur, um hernach gleich wieder eine saure Pointe abzufeuern („Sozusagen Fett mit Migrationshintergrund.“). Dort mutmaßt er, die Gesellschaft werde dank Facebook bald nicht mehr von Geburten, sondern vonBiodownloads sprechen („Weil der Papa vor neun Monaten seine Firewall nicht dabeihatte.“).

Eine Band des kleinen Mannes

Man müsste nicht derart verunsichert sein, wären da nicht auch diese anderen Songs, die zündeln können, über Sextouristen in Thailand („Samurai“), über behinderte Kinder nach Tschernobyl („Burli“), über obdachlose Trinker, die keine Liebe finden können („Sandlerkönig Eberhard“). In jenen Momenten zeigen die Musiker auf dem Grenzenlos-Festival, dass sie eine Band des kleinen Mannes sind, die es eben doch ernst meint. Die dafür keine großen Musiktüfteleien, keine lyrischen Finessen braucht. Aber deshalb eben doch noch lang kein Ich-will-Spaß-Markus ist, Plastikpalme hin oder her.

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