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Augsburg

17.06.2018

Gedenkstätte in KZ-Außenlager lässt weiter auf sich warten

In der Halle 116 auf dem Sheridanareal waren in der NS-Zeit bis zu 2000 KZ-Insassen gefangen.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Die großen KZ-Standorte wie Dachau kennt jeder. Augsburg tut sich hingegen schwer mit einer Gedenkstätte - nach mehr als zehn Jahren Diskussion.

Einstmals wurden in der Augsburger Halle 116 KZ-Insassen für eines von Hitlers zentralen Rüstungsprojekten ausgebeutet. Doch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tut sich Bayerns drittgrößte Stadt immer noch schwer damit, dort einen angemessenen Ort des Erinnerns zu schaffen. Etliche Initiativen kämpfen seit mehr als einem Jahrzehnt darum, die frühere Militärhalle zu einem Gedenkort zu machen. Einen konkreten Zeitplan gibt es aber nach wie vor nicht.

Bislang gibt es nur Grundsatzbeschlüsse des Stadtrates. Zumindest mit einer Mini-Vortragsreihe bringt die Verwaltung ab Montag das Thema wieder auf die Tagesordnung. Befürworter eines Erinnerungsortes befürchten, dass aus den einstmals großen Zielen für die Halle nach der langen Zeit nichts mehr wird. "Bis jetzt sind die Beschlüsse alle Papiertiger geblieben", sagt Dietmar Egger, Vorstand eines Bürgervereins zur Entwicklung des betroffenen Augsburger Stadtteils Pfersee.

Die ehemalige Militärhalle war ein Außenlager des Dachauer Konzentrationslagers. Bis zu 2000 Häftlinge waren dort gefangen, die meisten mussten als Zwangsarbeiter bei der Messerschmitt AG für die Aufrüstung der Nazis schuften. Der Augsburger Flugzeugbauer entwickelte mit der "Me 262" den ersten Düsenjäger der Welt und damit eine der von dem Terrorregime ausgerufenen "Wunderwaffen".

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Die Lebensbedingungen für die zumeist aus der Sowjetunion oder Polen stammenden Insassen waren grausam. Die hygienischen Verhältnisse waren desolat, die Schlafbereiche wurden durch Maschendraht in eine Art Käfige verwandelt. Vor dem ersten Block der Anlage gab es einen Galgen, an dem Hinrichtungen vollzogen wurden.

Nach der Befreiung der Stadt übernahmen die Amerikaner die Wehrmachts- Kaserne und gaben dem Gebäude die Bezeichnung Halle 116. Die Diskussion um einen Gedenkort begann, nachdem die US-Streitkräfte im Jahr 1998 die Kaserne wieder aufgaben und abzogen. Heute gehört die Halle einer privatwirtschaftlichen Immobilientochter der Stadt.

Für die Halle 116 in Augsburg gibt es mehrere Konzepte

In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Konzepte für die Halle vorgestellt. Da sich Augsburg als Friedensstadt bezeichnet, war dort vor wenigen Jahren einmal ein ganzes Friedensmuseum angedacht. Im Jahr 2015 wollte die Stadt dann Flüchtlinge dort unterbringen, was der Kommune Kritik einbrachte, doch aus dem Asylheim wurde ebenfalls nichts.

Obwohl es bereits 2009 einen ersten Stadtratsbeschluss gab, dass in der Halle ein Lern- und Erinnerungsort eingerichtet werden soll, gibt es bislang nur vage Angaben dazu. Für das Gesamtgebäude solle noch ein Nutzungskonzept erstellt werden, sagte eine Sprecherin der Stadt. "Eine Auskunft zu einer möglichen Eröffnung ist zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich und wäre reine Spekulation."

Karl Freller, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, hat Verständnis für den langwierigen Prozess. "Alle Projekte im Zusammenhang mit dem Erinnern an die NS-Diktatur haben lange gedauert", sagt der CSU-Landtagsabgeordnete, der am Montag die Vortragsreihe in der Halle 116 eröffnen wird. Selbst die großen KZ-Gedenkstätten seien erst in den 1990er Jahren langsam als moderne Lernorte aufgebaut worden. "Diese Orte waren aufgrund ihrer Geschichte lange von starken Abwehrreflexen der Außenwelt betroffen."

Stadt Augsburg rechnet mit hohen Kosten

Nach einer Berechnung der Stadt Augsburg würde die Einrichtung einer Ausstellung in der Halle 116 je nach Konzept mehrere Millionen Euro kosten. Die Verwaltung hat als Alternative aber auch die Kosten einer "Minimallösung" berechnet - mit lediglich 10.000 Euro könnten Gedenktafeln angebracht werden. Dietmar Egger von der Stadtteil-Bürgerinitiative befürchtet, dass es letztlich auf solch eine Version hinauslaufen könnte. "Es ist festzustellen, dass sich die Stadt damit sehr schwer tut, obwohl wir das Fähnchen Friedensstadt vor uns hertragen."

Gedenkstättendirektor Freller betont jedenfalls, dass die Halle 116 als Teil der Stadtgeschichte begriffen werden und das Thema Zwangsarbeit in der Diskussion bleiben müsse. "Wenn diese Diskussion an einen bestehenden historischen Ort wie die Halle 116 andocken kann, lassen sich leichter Bezüge herstellen." Gedenkorte außerhalb der KZ-Hauptlager Dachau und Flossenbürg befürwortet Freller. Denn diese verdeutlichten die Allgegenwart des KZ-Systems: "KZ war nicht nur Dachau, Auschwitz und Buchenwald, sondern auch Augsburg, Gablingen, Horgau, Kempten", sagt er im Hinblick auf die schwäbischen Außenlager. (dpa)

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