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Kunstgeschichte

26.10.2017

Geheimnisvolle Renaissance

Das Gebetbuch Maximilians I. gilt als eines der berühmtesten Zeugnisse europäischer Kunstgeschichte.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek

Nach vier Jahren Forschung: Heidrun Lange-Krach entschlüsselt das Rätsel um ein wertvolles Werk – ein Augsburger Gebetbuch

In bunter Tinte realistisch gezeichnet ranken sich Elefanten, Löwen, höfische Szenen und solche aus Kriegsgetümmel um die lateinischen Gebete. Das Buch stammt aus Augsburger Werkstätten und gilt als eines der berühmtesten Zeugnisse europäischer Kunstgeschichte: Das Gebetbuch von 1513, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I. persönlich, illustriert nicht nur von Albrecht Dürer und Lucas Cranach, sondern auch von den Augsburgern Jörg Breu und Hans Burgkmair, die ebenfalls zur künstlerischen Elite ihrer Zeit gehörten. Ein Teil des guten Stücks lagert heute in München, ein anderer in Besançon, das restliche Viertel des Originals gilt als verschollen.

Kein Wunder, dass Heidrun Lange-Krach mit ihren Forschungsergebnissen über dieses legendäre Meisterwerk und seine Geschichte jetzt erstmals in Augsburg an die Öffentlichkeit ging. Zusammen mit dem Kunstbuchverlag Quaternio Verlag Luzern stellte sie den zweibändigen Kunstdruck „Das Gebetbuch Kaiser Maximilians I. – Meisterhafte Zeichnungen der deutschen Renaissance“ in der Staats- und Stadtbibliothek vor.

Der Verlag sicherte sich hierfür die Ergebnisse von Lange-Krachs Dissertation und veröffentliche sie in einem Textband, der auch die Übersetzungen der Gebete enthält. Außerdem führte der Verlag das komplette Gebetbuch mit allen Seiten in Originalgröße und in ihrer ursprünglichen Reihenfolge als Schmuckbildband zusammen. Die Vorstellung der Schmuckbände und den Vortrag von Lange-Krach in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg verfolgten etwa 60 Interessierte.

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Der in München verwahrte Teil des Gebetsbuches wurde zuletzt 2016 gezeigt. Für die Fachwelt ein Jahrhundertereignis. Die Staatsbibliothek ließ während der Ausstellung drei Mal umblättern, sodass insgesamt sechs Seiten des ungewöhnlichen Exemplars zu sehen waren. „Das Buch ist unglaublich wertvoll und empfindlich. Jetzt wird es wohl für Jahrzehnte im Tresor verschwinden“, erklärt Helmut Zäh, Buchwissenschaftler und Vorsitzender der Initiative Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.

Insgesamt gab der Kaiser 1513 zehn solcher Gebetbücher in Auftrag, doch nur dieses eine ist illustriert. Bis heute treibt Experten die Exklusivität dieses Werks um. Warum die Zeichnungen? Für wen war es gedacht? Warum legte Maximilian, der für seine Kunstsinnigkeit bekannt war, bei der Herstellung so großen Wert auf die darin versammelte Kunstelite?

Für Heidrun Lange-Krach, die allen 7000 Seiten der zehn Exemplare eine Schablone anfertigte und Zeichnungen, Schrifttypen, Farben und Materialzustand miteinander verglich, steht fest: Das illustrierte Gebetbuch war nicht – wie lange geglaubt – für Maximilian persönlich bestimmt. Es sollte auch nicht – so eine andere Kollegen-These – dem Hausorden der Habsburger vermacht werden. Lange-Krach vermutet, es diente als Druckfahne, wurde als Probedruck auf Pergament statt auf teurem Papier zwischen den Künstlern hin- und hergeschickt, damit sie es begutachteten und weiterbearbeiteten.

Als Drehscheibe habe auch der Stadtschreiber Konrad Peutinger fungiert. Maximilian, der in Augsburg ein- und ausging, habe ihn mit seinen Instruktionen versorgt. „Er war sehr penibel. Maximilian beschäftigte immer viele Künstler, die er genauestens anwies. Viele seiner pompösen Aufträge wurden nur als Fragmente berühmt, weil sie aus irgendwelchen Gründen leider nie richtig fertiggestellt werden konnten“, erläuterte die Wissenschaftlerin ihre Forschungen.

So blieb auch das heute berühmteste erhaltene Buch der deutschen Renaissance nicht mehr als ein Entwurf.

Quaternio Verlag Luzern, 2 Bände: Bildband, 248 Seiten; Textband (bebilderter Kommentar, inkl. Übersetzung des Gebetbuchs), 148 Seiten, Leinenbände im Schmuckschuber; (148 Euro Subskriptionspreis) 178 Euro

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