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Interview

14.08.2020

Gewerkschafter über Gastronomie: "Wir nennen sie Gastronoven"

In der Krise wurden viele Kellner und Köche entlassen. Gewerkschaftler Tim Lubecki vermutet: Gebe es mehr Betriebsräte in der Gastronomie, die Zahlen wären niedriger.
Bild: Britta Pedersen, dpa (Symbolbild)

Viele Arbeitslose haben vor Corona in der Gastronomie gearbeitet. Tim Lubecki erklärt, warum die Branche für ihn der wilde Westen des Augsburger Arbeitsmarkts ist.

Hinweis: Falls Sie während Corona Ihren Job verloren haben - nehmen Sie an unserer großen Bürgerrecherche zum Thema teil.

 

Herr Lubecki, Kellner und Köche haben in Augsburg während der Corona-Krise ihren Job verloren, dazu kommen zahlreiche Minijobber, die in der Gastronomie arbeiteten. Wer sind diese Menschen?

Tim Lubecki: Diejenigen, die einen befristeten Vertrag hatten, mussten als Erstes gehen. Dann die Minijobber. Das sind in Augsburg Studenten und Rentner, aber auch Menschen, die einen anderen Job haben und auf das zusätzliche Geld angewiesen sind.

Befristete Arbeitnehmer hatten keine Chance auf Weiterbeschäftigung während der Corona-Krise?

Lubecki: Wenn ein Vertrag ausläuft und der Chef diesen Mitarbeiter nicht weiter beschäftigen will, dann kann man in der Regel nichts tun. Außer man hat einen Betriebsrat: Der kann sich mit dem Arbeitgeber an einen Tisch setzen und auf Augenhöhe verhandeln. Der Betriebsrat kann klarmachen: "Das ist ein Guter, wir brauchen den doch in drei Monaten." Das klappt nicht immer, aber manchmal.

Wie groß ist denn die Dichte an Betriebsräten in Augsburgs Kneipen und Restaurants?

Lubecki: Die ist gleich null. Da gebe ich Ihnen Brief und Siegel drauf. Und wir kommen schlecht an die Mitarbeiter aus der Gastronomie heran. Wo wir erfolgreich in Schwaben sind, das sind die Industriebetriebe. Bei den Molkereien, bei den Brotfabriken, da machen wir einen guten Job, das sehen die Leute auch bei ihren Löhnen. Die steigen, die haben Urlaubsgeld, die haben Weihnachtsgeld. Wo wir nicht vorwärts kommen, ist die Gastro. Was man generell sagen kann: In Unternehmen mit Betriebsrat kommen die Beschäftigten besser durch die Krise.

Warum?

Lubecki: Nehmen wir das Thema Kurzarbeitergeld. In den kleineren Betrieben kommt das Geld meist nur vom Steuerzahler. 60 bis 67 Prozent. Wenn es Betriebsräte gibt, dann gehen die sofort in Verhandlung. Aufstockung des Kurzarbeitergelds ist die Regel. Arbeiter in großen Industriebetrieben haben in einigen Fällen gar keinen Nettoverlust gehabt. Ich kenne fast keinen Betriebsrat, der nicht noch etwas rausgeholt hat.

Warum erreichen Sie Menschen aus der Gastronomie in Augsburg nicht? Wieso gibt es dort keine Betriebsräte?

Lubecki: Wenn wir das wüssten, dann hätten wir bundesweit 400.000 Mitglieder mehr. Das weiß ich nicht. Wir sind immer noch zu schlecht aufgestellt, auch in Hinblick auf die Dienstleister, die Essenslieferanten.

Aber in der Krise sind bestimmt viele aus der Gastronomie bei Ihnen aufgetaucht, richtig?

Lubecki: Nein, eben nicht. Die Menschen, die in der Gastro arbeiten, kommen nicht zu uns oder nur sehr selten. Unsere Mitglieder sind vor allem männliche weiße Facharbeiter, eher strukturkonservativ. Das sind zum Beispiel die Mitarbeiter aus den Brauereien. Die zahlen hohe Gewerkschaftsbeiträge, weil sie hohe Tariflöhne bekommen. In der Gastronomie versuchen die Menschen ihre Probleme allein zu lösen.

Sind Sie als Gewerkschaft zu unsexy für die Menschen, die in der Gastronomie arbeiten?

Lubecki: Gewerkschaften haben etwas Kollektivistisches. Wir machen das mit den Fähnchen, den Trillerpfeifen und den Westen. Hinterher gibt es verbindliche Regeln für alle. Das führt bei vielen Jüngeren zu Platzangst. Da kommt so eine Dino-Organisation und will reglementieren, damit es mir besser gehen soll. Wir wirken auf viele wie ein Anachronismus. Wir müssen verstärkt an die Unis gehen, Social Media bespielen. Das muss unsere Arbeit besser flankieren.

Zurück zu der Kellnerin, die ihre Probleme mit ihrem Chef alleine lösen will. Wie erfolgreich ist das?

Lubecki: Ich löse die Probleme nicht, ich wechsle den Job. Wir haben in Augsburg, aber auch bundesweit, eine riesige Fluktuation. Dann kommt der nächste Arbeitgeber, aber die Probleme sind oft die gleichen.

Woher kommt dieses Einzelkämpfertum?

Lubecki: Das fängt schon in der Ausbildung an. Viele starten eine Ausbildung als Koch, Servierer oder Hotelfachfrau, ein faszinierender Job. Dann kommt die Realität. Harte Arbeit, unbezahlte Überstunden. Dann arbeiten, wenn deine Freunde feiern gehen. Am Ende sind nur noch die Harten übrig. Da hat sich dann eine Durchhalte-Mentalität durchgesetzt. Da schiebt man die Doppelschicht und gibt damit an. Da wird über das Arbeitsschutzgesetz gelacht. Den Arbeitgeber freut es. Und der, der das nicht mitmacht, ist weich.

Buergerrecherche 

Und wenn der sich dann zur Wehr setzt?

Lubecki: Derjenige, der sich auflehnt, ist schnell der Unruhestifter. Ich kenne einen Fall von jemandem, der in die Gewerkschaft eingetreten ist. Er hat festgestellt: "Upps, ich bekomme zu wenig Weihnachtsgeld." Er dachte sich, ich organisiere jetzt den ganzen Betrieb. Genau das Gegenteil ist passiert. Der Chef musste nur kurz andeuten, dass er dann Leute entlassen müsste. Von den eigenen Leuten wurde der Kollege dann schief angeschaut. Niemand ist mit ihm den Weg zum Chef gegangen. Die Kollegen haben sich gegen ihn gewandt.

Was raten Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen?

Lubecki: Die spannende Frage ist nicht, was ist mein Recht, sondern wie setze ich es durch. Klar, wir können klagen. Aber: Ich rate, sich erstmal zu fragen, ob es andere gibt, denen es ähnlich geht. Geh jetzt wieder und komm nächste Woche zu dritt wieder. Dann geht es los.

Von außen betrachtet wirkt die Gastronomie wie der wilde Westen der Arbeitswelt.

Lubecki: Ja, wir nennen sie auch Gastronoven. Die Minijobber bekommen ihren Urlaubsanspruch nicht und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, es gibt zu viele unbezahlte Überstunden und doppelte Buchführung ist noch immer verbreitet. Die Gastronomen wehren sich nicht ohne Grund gegen die elektronische Zeiterfassung ihrer Angestellten. Und dagegen, die Abrechnung zu digitalisieren.

Können wir als Konsumenten etwas erreichen? Wo kann ich in Augsburg hin, um ethisch korrekt essen zu gehen?

Lubecki: Da müssen sie zu McDonald's gehen, die erfassen jede Stunde. Die Wahrheit ist, die Großen halten sich an das Arbeitsrecht, die Kleinen eher nicht.

Also die charmante Eckkneipe?

Lubecki: Genau. Ethik im Gastgewerbe, das ist nicht unser Metier. Ich bin ja auch nicht die Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Ich will vor allem eines: Dass der Arbeitnehmer gesund und mit genug Rentenpunkten irgendwann in den Ruhestand gehen kann.

Zur Person: Tim Lubecki ist Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Schwaben. Er ist zudem im Vorstand der Linkspartei Augsburg.

Lesen Sie zu unserer Bürgerrecherche auch:

Wie ein Gastronom auf die Corona-Krise blickt, hören Sie in dieser Folge unseres Podcasts "Augsburg, meine Stadt":

 

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Die Diskussion ist geschlossen.

15.08.2020

Alleine die Wortwahl " Gastronoven" in Anlehnung an das Wort Ganoven ist eine Unverschämtheit. Viele kleine Gastronomen mit einer Schanklizenz (Kneipen ) müssen seit geraumer Zeit Ihre Räume geschlossen halten und sind damit ohne Einkommen, bei weiter laufenden Kosten. Auch die Minijobber die bisher etwas dazu verdienen konnten sind jetzt außen vor und es fehlt Ihr Einkommen. Herr Lubecki sitz anscheinend hoch zu Ross. Und Nein ich bin kein Gastronom und die Gewerkschaft habe ich schon seit vielen Jahren verlassen. .

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15.08.2020

>> Unsere Mitglieder sind vor allem männliche weiße Facharbeiter, eher strukturkonservativ. <<

Alarm! Quotenaktivisten wo seid ihr?

>> Können wir als Konsumenten etwas erreichen? Wo kann ich in Augsburg hin, um ethisch korrekt essen zu gehen? <<

Lubecki: Da müssen sie zu McDonald's gehen, die erfassen jede Stunde. Die Wahrheit ist, die Großen halten sich an das Arbeitsrecht, die Kleinen... <<

Jetzt reicht es dann wirklich mit der Wirklichkeit ;-)

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14.08.2020

Das Problem vieler Gastros ist doch die Diskrepanz zwischen Wollen und Können, denke ich.
Oder: Wer ruiniert sich zuerst selbst?

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