1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Heimliche Mütter – wenn niemand von der Geburt erfahren darf

Augsburg

20.06.2019

Heimliche Mütter – wenn niemand von der Geburt erfahren darf

Manche Frauen schaffen es, ihren Babybauch zu vertuschen und die Schwangerschaft über Monate zu verheimlichen.
Bild: Felix Heyer, dpa (Symbolbild)

Plus Was, wenn eine Schwangerschaft eine Frau in Not bringt? Seit 2015 gibt es die vertrauliche Geburt, die auch die Rechte des Kindes wahren soll. Funktioniert das?

Es gibt Momente, in denen Matthias Pütz sich Zeit lassen kann, obwohl er in der Notaufnahme der Kinderklinik diesen Alarm hört. Obwohl er als Stationsleiter weiß, dass jede Minute zählt, wenn es um ein Kinderleben geht. In diesen Momenten aber, in denen sich Pütz gemächlich auf den Weg macht, weiß er, dass hier, am Augsburger Uniklinikum, das Fenster von außen geöffnet wurde. Dass ein Neugeborenes auf das Kissen mit Mond und Sternen gelegt wurde. Und dass die Frau, die das Kind entbunden hat, in ihrer Verzweiflung womöglich etwas Zeit braucht. Zeit, um sich zu verabschieden.

Situationen wie diese, sagt Pütz, sind eine absolute Seltenheit. 2015 hat die neue Kinderklinik eröffnet und damit auch das Babyfenster einen anderen Platz bekommen. Vier Säuglinge wurden seither hier abgelegt. So wie der Bub zu Jahresbeginn. Und dann gab es diesen Fall, mitten im Winter, draußen, vor der Tür. Eine Schwester war gerade beim Rauchen, als eine Frau auf sie zulief, ihr ein Bündel, das sie im Arm hielt, in die Hand drückte und wieder verschwand.

"Jedes Kind, das im Babyfenster landet, liegt nicht in der Mülltonne"

Man kann sich kaum vorstellen, in welcher Not eine Frau stecken muss, die so etwas tut. Die ihr Neugeborenes abgibt und verschwindet. Eine Panikreaktion sei das, sagen sie hier an der Uniklinik. Pütz, der Stationsleiter, will erklären, dass die Dinge so einfach nicht sind. Dass es nur die absolute Verzweiflung sein kann, die eine Frau zu so einer Handlung treibt. Und dass diese Entscheidung andererseits etwas Gutes hat, weil sie doch für das Kind die Chance bedeutet, leben zu dürfen. Und dann sagt er noch diesen einen Satz, der hängen bleibt. „Jedes Kind, das im Babyfenster landet, liegt nicht in der Mülltonne.“

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Ein paar Meter weiter sitzt Professor Christian Dannecker, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, in seinem Büro und sagt: „Es steht uns nicht zu, zu urteilen – gerade weil wir nicht wissen, was dahintersteckt.“ Worum es dem 52-Jährigen geht, sind die Alternativen. Auswege in einer Situation, die ausweglos erscheint. „Es gibt viele Möglichkeiten für Frauen, die mit ihrer Schwangerschaft unglücklich sind“, sagt Dannecker.

570 vertrauliche Geburten gab es in Deutschland seit 2015

Eine hat das Bundesfamilienministerium vor fünf Jahren ins Leben gerufen: die vertrauliche Geburt. Es ist ein Modell, das verzweifelten Frauen Beratung anbietet, bevor das Kind zur Welt kommt. Und das dafür sorgt, dass sie in einem geschützten Umfeld entbinden können, aber ohne ihren richtigen Namen zu nennen. Das Kind wird zur Adoption freigegeben. Und es hat die Möglichkeit, Jahre später Kontakt zur leiblichen Mutter aufzunehmen.

Seit das neue Schwangerenhilfegesetz 2014 in Kraft getreten ist, hat es in Deutschland 570 dieser vertraulichen Geburten gegeben. In Bayern waren es 55. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagt: „Das Gesetz wirkt.“ Aber ist es tatsächlich so? Und wie misst man Erfolg, wenn es um solche Dramen geht? Sollten es im besten Fall mehr Frauen sein, die dieses Angebot annehmen? Oder bedeuten niedrige Zahlen vielleicht einfach, dass weniger Frauen Hilfe brauchen?

Am Augsburger Klinikum gab es seit 2014 zwei Fälle, in denen eine Frau eine vertrauliche Geburt gewünscht hat. Im Josefinum, der größten Geburtsklinik in Augsburg, waren es fünf. Der dortige Chefarzt Roman Steierl sagt: „Die vertrauliche Geburt wurde mit großem Aufwand initiiert. Es ist ein wichtiges Konzept, das sich erst aber noch etablieren muss.“ Das ist die eine Seite. Steierl kennt aber auch die andere. Entbindungen, die traurig sind. Weil klar ist, dass sich die Mutter von dem Neugeborenen trennen wird. Weil sie es nicht annehmen kann oder will. „Man fühlt mit der Patientin und mit dem Kind in der Hoffnung, dass dieser Weg für alle Beteiligten am besten ist.“

Anfangs gab es große Widerstände gegen die Babyklappe in Augsburg

Es ist ein Satz, der auch von Dr. Manuela Franitza stammen könnte. Die 58-Jährige leitet die Geburtshilfe am Augsburger Klinikum. Und sie weiß, wie scheinbar ausweglos die Situation von Schwangeren sein kann. Das war vor 19 Jahren so, als am Klinikum gegen große Widerstände die Babyklappe eingerichtet wurde – damals die zweite ihrer Art in Deutschland. Und das ist heute so, fünf Jahre nach Einführung der vertraulichen Geburt. Natürlich gehe es um die medizinische Versorgung der Mutter, sagt Franitza. Um die Beratung und Begleitung, von der sie profitiert. Aber vor allem um die Startchancen für das Kind.

Dafür muss Franitza erst einmal erklären, was die Nachteile der Babyklappe sind oder der anonymen Geburt, einer anderen Alternative für verzweifelte Schwangere, die es seit Jahren gibt. In diesem Fall kann eine Frau zwar in einer Klinik entbinden, ohne ihren Namen preiszugeben, aber sie bekommt auch keinerlei Beratung. Und das Kind hat keine Möglichkeit, die Mutter ausfindig zu machen. „Aber jeder, der adoptiert ist, fängt irgendwann an zu suchen“, sagt die Oberärztin. Selbst, wenn man seine Adoptiveltern liebt, kämen diese Fragen. Die nach den eigenen Wurzeln. Danach, wem man ähnelt. Und vielleicht auch die, wie die Frau, die einen zur Welt gebracht hat, das tun konnte.

Dr. Manuela Franitza und Professor Christian Dannecker vor der Babyklappe an der Augsburger Kinderklinik.
Bild: Ulrich Wagner

Bundesweit haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als 2200 Frauen zur vertraulichen Geburt beraten lassen. Es sind Frauen, die sich an die Caritas, Donum Vitae oder Pro Familia wenden. Oder die bei Klara Moser Hilfe suchen. Moser, 33, die in der Katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen Augsburg arbeitet, hat Frauen erlebt, die ihren Babybauch über Monate durch weite Kleidung vertuschen. Oder andere, die die Schwangerschaft erst bemerken, wenn das Kind schon fast kommt. Der Körper ist in der Lage, das zu verdrängen, sagen Mediziner.

Und dann gibt es Frauen, die eine Schwangerschaft in eine Krise stürzt. Frauen, deren Leben dadurch in Gefahr ist. Moser kennt Geschichten wie diese. Nur, erzählen kann sie sie nicht. Die Sozialpädagogin wählt ihre Worte sorgsam. Zu heikel sind die Fälle, zu groß ist das Risiko, dass die Frauen erkennbar wären. Schließlich ist es nur eine Schwangere im Jahr, die sich bei Moser und ihren Kolleginnen über die vertrauliche Geburt informiert.

Was treibt eine Frau um, die ihr Kind nicht behalten will oder kann?

Wer wissen will, was die Gründe dafür sind, muss sich durchs Internet klicken. Und findet etwa die Geschichte der ungewollt schwangeren Minderjährigen, die sich seit Tagen mit Bauchschmerzen herumplagt und glaubt, es könnten die Wehen sein. Sie will das Kind anonym in der Klinik bekommen, weit weg von daheim – am besten zur Schulzeit. Oder die von Melanie, Ende 30, die nicht schwanger werden durfte, weil der Freund ihr Gewalt angedroht hatte für den Fall, dass es doch passiert. Und dann sind da die Zeilen von Stefanie, 27, psychisch krank und alleinerziehend. Sie war schon mit ihrer zweijährigen Tochter überfordert und wollte, dass ihr zweites Kind eine Chance im Leben hat. Sie hat sich für eine vertrauliche Geburt samt Adoption entschieden. Roman Steierl, der Chefarzt des Josefinums, sagt: „Dieses Kind hat hoffentlich einen guten Weg vor sich, denn es kommt zu einem Paar, das sich danach schon lange sehnt.“

Es ist Aufgabe von Claudia Reithmeier von der Katholischen Jugendfürsorge, für das Neugeborene eine Familie zu suchen. Im besten Fall, sagt Reithmeier, erfährt sie, wie die Schwangerschaft verlief. Was die Mutter, die sich vom Kind trennt, sich wünscht. Dann, so sieht es das Konzept der vertraulichen Geburt vor, gibt die Frau einen „Herkunftsnachweis“ ab. Einen Umschlag mit ihren Daten. Vielleicht mit einem Brief ans Kind, einem Foto. 16 Jahre bleiben die Daten beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben unter Verschluss. Danach kann das Kind Kontakt zu seiner Mutter suchen.

Noch immer werden Neugeborene ausgesetzt oder getötet

Was hat das neue Schwangerenhilfegesetz bewirkt? Die Zahl von Kindern, die anonym abgegeben werden – 2016 waren es 151 Kinder –, steigt nicht mehr so dramatisch wie nach der Jahrtausendwende, heißt es beim Familienministerium. Anne-Kathrin Will kommt für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes zu einem anderen Schluss. Mit der vertraulichen Geburt werde nur ein zusätzliches Angebot geschaffen. Immer noch können Frauen ihre Kinder anonym zur Welt bringen oder in einer Babyklappe ablegen. Und immer noch werden Neugeborene ausgesetzt oder getötet. Offizielle Zahlen gibt es dazu zwar nicht. Allerdings erhebt Terre des Hommes durch Medienrecherchen eine jährliche Mindestfallzahl. 2017 wurden demnach mindestens 19 tote und vier lebende Säuglinge entdeckt, 2018 waren es elf tote und vier lebende Neugeborene.

Manche Dinge, sagt Professor Dannecker am Augsburger Klinikum, ließen sich wohl nie verhindern. „Das Problem ist so alt wie die Menschheit.“ Und doch schockieren diese Fälle. Der der 31-Jährigen nahe Lüdenscheid, die am vergangenen Wochenende ihr Neugeborenes im Müll entsorgte. Polizisten fanden das Mädchen rechtzeitig lebend. Oder der Fall, der im August 2018 München aufschreckte. In Neuperlach war ein Bub im Gebüsch entdeckt worden, nackt, mit nur noch 26 Grad Körpertemperatur. Die Mutter hatte nach der Geburt die Nabelschnur durchgebissen und den Buben liegen lassen. Justus lebt heute bei Pflegeeltern, die Mutter wurde Anfang Juni zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Und manchmal behalten die Frauen ihre Kinder doch

Doch es gibt auch Geschichten, die Mut machen. Im Klinikum gab es zwei vertrauliche Geburten, in einem Fall hat sich die Mutter doch für das Kind entschieden. Im Josefinum waren es sogar vier von fünf Fällen. Eine Frau etwa war sich nach der Beratung sicher, dass sie ihr Kind abgeben will, die Adoptionsstelle stand schon bereit. Wann der Moment kam, der sie zum Umdenken gebracht hat? Als sie ihr Baby zum ersten Mal schreien hörte? Als sie es zum ersten Mal im Arm hielt? Manuela Franitza, die Oberärztin im Klinikum, lächelt nur. Im Grunde ist es auch nicht wichtig.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren