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Augsburg

12.01.2020

Herzinfarkt: So kann jeder zum Lebensretter werden

Werner Hoffmann, Ressortleiter Bildung beim BRK Schwaben, demonstriert die Funktionsweise eines Automatisierten Externen Defibrillators (AED).
Foto: Michael Eichhammer

Frei zugängliche Defibrillatoren gibt es in Augsburg genügend. Doch nur wenige Menschen wissen, wann und wie sie damit umgehen sollen. Berührungsängste sind unbegründet, sagen Experten.

Die meisten Passanten in der City-Galerie gehen an dem kleinen Kästchen vorbei, ohne es wahrzunehmen. Dabei kann es im Ernstfall wichtig sein. Sogar lebenswichtig. Direkt neben dem zentral gelegenen Info-Desk im Erdgeschoss hängt ein Automatisierter Externer Defibrillator, kurz AED. Er ist einer von rund 75 bekannten öffentlichen Defibrillatoren in Augsburg.

Die Geräte helfen, die häufigste Todesursache in Deutschland zu bekämpfen: den Plötzlichen Herztod. Rund 100000 Mal pro Jahr schlägt er zu. Und das völlig überraschend – unabhängig von Vorerkrankungen, Alter, Geschlecht oder Lebenswandel. Sascha Schönherr, Center-Manager der City-Galerie, erklärt: „Unsere Besucherfrequenz ist hoch, da liegt es uns am Herzen, schnell reagieren zu können.“

Nach dem Gerät an der Wand befragt, erklärt Familie Gerhard, die zum Shoppen durch das Einkaufscenter flaniert: „Wir haben nicht gewusst, dass es hier so etwas gibt.“ Dabei haben Mutter Ulrike, Vater Thomas und Tochter Martina bereits Defibrillatoren benutzt. Zum Glück nur zu Übungszecken – im Rahmen eines Erste-Hilfe-Kurses für Sportausbilder.

Sophia Karassakalidu arbeitet im Modegeschäft Yeans-Halle, direkt gegenüber dem Defibrillator in der City-Galerie. Dank ihrer Ausbildung zur betrieblichen Ersthelferin wüsste die 49-Jährige im Ernstfall, was zu tun ist. Dafür, dass Laien Berührungsängste vor der Anwendung eines solchen Gerätes haben, hat sie Verständnis. Sie weiß aber auch, dass die Sorge, etwas falsch zu machen, unbegründet ist.

Die Funktionsweise in Bildsprache

Denn ein solcher laientauglicher Defi ist nicht so komplex zu bedienen wie die Geräte, die man aus amerikanischen Krankenhaus-Serien kennt. Ein Laien-Defi kann sogar sprechen. Ist das Gerät per Tastendruck aktiviert, erklärt es per Sprachbotschaften Schritt für Schritt, was zu tun ist. Außerdem zeigen Piktogramme die Funktionsweise in Bildsprache. Der Name „Automatisierter Externer Defibrillator“ macht bereits deutlich, dass die wichtigsten Maßnahmen vom Gerät selbst automatisch vorgenommen werden.

Hat der Ersthelfer die Elektroden an der Brust des Patienten angebracht, analysiert das Gerät, ob Herzflattern oder Herzflimmern vorliegt. Nur dann empfiehlt das Gerät einen Schock. Per Knopfdruck wird ein Stromstoß abgegeben, um das Herz wieder in Takt zu bringen. Ein bisschen wie die Starthilfe bei der Autobatterie. Moderne Geräte erkennen an der Spannungsimpedanz die Statur des Patienten und richten danach die Stärke des Impulses aus.

Die Angst vor Bedienfehlern ist nur eine der Hemmschwellen von Laien. „Ich wüsste nicht, in welcher Situation man das Gerät anwendet“, sagt Passantin Manuela L. Die 55- Jährige würde daher im Zweifelsfall lieber Hilfe suchen. Ihr Ehemann Martin stimmt zu: „Wenn es einen umhaut, ist schwer zu sagen: Ist das ein Schlaganfall, ist der betrunken, hat er einen Schwächeanfall oder liegt ein Herzproblem vor?“ Ihre Tochter wüsste es besser: Sie hat in der zehnten Klasse einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert.

Es mangelt eher am Wissen als an Geräten

Zum Besuch solcher Kurse rät auch Werner Hoffmann, Ressortleiter Bildung beim Bayerischen Roten Kreuz Schwaben. Der 59-Jährige ist überzeugt: „Es mangelt nicht an Defibrillatoren, sondern am Wissen über ihre Nutzung.“ Das fängt bereits mit der Erkenntnis an, dass der Defibrillator nur ein Teil der Maßnahmen zur Lebensrettung ist. Daher sollten sich idealerweise zwei Helfer um das Opfer kümmern. Stellt der Helfer fest, dass der Patient kein Bewusstsein und keine oder nur unzureichende Atmung hat, wird zuerst ein Notruf unter 112 abgesetzt. Dann wird der Brustbereich freigelegt und eine Herzdruckmassage begonnen. Idealerweise holt der andere Helfer zwischenzeitlich den Defi.

Doch wo findet man diesen? Die Antwort auf diese Frage gestaltet sich leider bisweilen schwierig. Es gibt keine verbindlichen Pflichten zum Anbringen eines Defis. Geräte finden sich unter anderem in Banken, Schulen, bei Ärzten, in Seniorenheimen, Vereinsheimen, Betrieben. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht, denn es stehen Initiativen in Eigenregie hinter den Installationen von AEDs. Im von Contact in Augsburg betriebenen Sozialkaufhaus beispielsweise. Das 1000 Euro teure Gerät konnte mit Unterstützung einer Augsburger Bank finanziert werden, berichtet die Leiterin Roswitha Kugelmann.

Die Rotkreuz-Defi-App soll beim Finden von Defis helfen. Das Handy-Programm verzeichnet derzeit circa 39000 Defibrillatoren in ganz Europa. „Die große Herausforderung ist die Datenpflege“, erklärt Werner Hoffmann vom BRK. Hierbei ist man auf die Unterstützung der User und Betreiber angewiesen.

Jeder kann neue Defis melden sowie darüber informieren, falls ein verzeichneter Defi nicht mehr vor Ort oder nur zu bestimmten Öffnungszeiten zugänglich ist. Dieses Wissen kann über Leben und Tod entscheiden: Bereits nach zehn Minuten ohne Unterstützung sind die Überlebenschancen bei einem plötzlichen Herzstillstand gleich null.

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