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23.06.2017

„Ich habe mich noch nie so geärgert“

Der Politiker ist sauer auf Paul Hoser, den Autor der neuen Chronik über den Bezirk Schwaben. Was Reichert so betroffen macht und warum die Gräben tief bleiben

Augsburg Der Unmut stand Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert während der gesamten Feierstunde ins Gesicht geschrieben. Noch nach der Präsentation der von Dr. Paul Hoser verfassten 800-Seiten-Chronik des Bezirks Schwaben sagte er bei einem Schoppen Nonnenhorner Weißweins: „Ich habe mich noch nie so geärgert.“

Was war passiert? Der Historiker Hoser hatte in unserer Zeitung ein Interview gegeben, das Reichert überhaupt nicht gepasst hatte. Man muss dazu sagen, dass der Bezirk 2011 den renommierten Wissenschaftler selbst damit beauftragt hatte, die Chronik zu schreiben. Als Hoser in dem Interview aber auch kritische Aspekte ansprach, sah das Reichert offenkundig als einen Akt des Vertrauensbruches an. Es kam zum Eklat: Reichert strich Hoser bei der Buchvorstellung von der Rednerliste. Der Münchner zog es daraufhin vor, der Veranstaltung im Haus des Bezirks Schwaben in Augsburg fernzubleiben. Er sei ein freier Wissenschaftler, lasse sich seine Meinung nicht vorschreiben und lasse sich auch nicht öffentlich „abbürsten“, sagte Hoser.

Auch Reichert nahm an dem Abend kein Blatt vor den Mund. Hoser hatte im Interview den Standpunkt vertreten, dass es immer wieder politische Stimmen gegeben habe, die die Notwendigkeit der Bezirke grundsätzlich infrage gestellt haben. Und zitierte etwa den früheren bayerischen CSU-Innenminister Bruno Merk. Hoser habe die Bezirke sozusagen als Austragshäusle für unfähige Politiker skizziert. „Wir waren tief betroffen“, sagte Reichert und sprach von einem „Zerrbild“.

Der These Hosers, dass kaum jemand die Bezirke kenne, mochte der Bezirkstagspräsident ebenfalls nicht folgen. „Jedes Jahr versorgen wir doch 100000 Menschen in unseren Bezirkskliniken“, sagte er. Auch die Sprache, die Hoser bei der Darstellung des Themas Psychiatrie – die große Kernaufgabe des Bezirkes – gewählt habe, sei ihm sauer aufgestoßen. Hoser habe etwa Begriffe wie „Insassen“ oder „wegsperren“ gewählt. „Diese Begriffe sind heute nicht mehr zeitgemäß und werden auch unseren heutigen Bemühungen um eine gute Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen nicht gerecht.“

Die Vorstellung des Buches übernahm Professor Ferdinand Kramer, Leiter des Institutes für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dieser lobte die Qualität der Chronik und ihren wichtigen Beitrag zur Stärkung der Erinnerungskultur. „Kein anderer bayerischer Bezirk kann so ein Buch vorweisen.“ Kramer verwies darauf, dass es die Aufgabe eines Wissenschaftlers sei, kritische Distanz zu bewahren – und nahm so Hoser letztlich in Schutz. Er wünschte sich zudem, dass Auftraggeber und Historiker „wieder aufeinander zugehen“.

Damit ist allerdings eher nicht zu rechnen – weder von Reicherts noch von Hosers Seite. Letzterer sagte gestern gegenüber unserer Zeitung, dass er daran kein Interesse hat. Aber vielleicht hat ja der Disput dazu beigetragen, dass es in der Öffentlichkeit nun eine größere Nachfrage nach der Bezirks-Chronik geben wird.

Das Buch „Geschichte des Bezirks Schwaben von der Nachkriegszeit bis 2003“ von Paul Hoser ist im Augsburger Wißner-Verlag erschienen, im Buchhandel erhältlich und kostet 39,80 Euro.

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