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Projektschmiede

14.11.2019

Im Zirkus bröselt die Welt des Scheins

Aber wie lange noch? Ein Traditionszirkus blickt mit dem Mänäptehoi e.V. einer düsteren Zukunft entgegen.
Bild: Annette Zoepf

Mänäptehoi zeigt, wie der Welt eines Zirkus der Traum von Abenteuer und Freiheit entgleitet

Vieles an „Zirkus Floque“ (Regie: Rainer Braune) ist Schein und Fiktion, könnte sich aber hinter den Kulissen eines echten Zirkus unserer Zeit auch tatsächlich so zutragen. Die Protagonisten: eine junge Frau („die Neue“, Barbara Pichler), von zu Hause ausgebrochen, um sich dem fahrenden Volk anzuschließen. Ihre Nummer: mit ausgebreiteten Armen Kopf und Hände zum Flattern bringen.

Das macht sie gut. Der Quasimodo des Zirkus, Zacharias (Hans Kölbl) schleift, stilecht gebeugt und hinkend, ein schweres Eisenrohr über den Betonboden. Das schabende Geräusch übertönt schmerzhaft den Synthesizer, mit dem Regisseur Braune im Hintergrund die Sounds zum Stück live einspielt. Über allem: der Zirkusdirektor (Alexander Höß). Strahlend im weißen, langen Mantel mit Goldquasten auf den Schultern. Überhaupt – das Gold: Auch die Hellseherin Athenais (Jutta Wohlgemuth) trägt Glanz und Glitzer.

Doch der Schein bröselt schon zu Beginn der Vorstellung. Offenbar verlangen Zuschauer ihr Geld zurück. Eine sitzt im Publikum, mitten unter den etwa 60 Zuschauern, die sich zur Premiere in der Werkhalle der Projektschmiede eingefunden haben. Schnell stellt sich zudem heraus: Der Direktor ist spielsüchtig, ein Schuldschein bringt es ans Licht. Und er hat den Zirkus eingesetzt.

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Nach und nach blättern sich nun die Biografien der sechs Figuren auf. Mit starker Pantomime trägt die Künstlerin (Leonna Wex) ihre Bürde, einen Stein, in die Manege. Von ihrem „Vater“, dem Bauchredner Eugen (Gerd Lindermayr), erfährt sie, dass sie ein Findelkind ist. Erste Zweifel beschleichen sie, ob das Zirkusleben wirklich ihres ist. Während wie von Geisterhand gezogen eine Kaffeetasse über den Betonboden klirrt, wird klar: Ihre Abnabelung ist unabwendbar.

Der debile Zacharias bemüht sich um Ordnung, doch auch der Bauchredner zeigt Auflösungserscheinungen. Der Puppenpartner hat sich verselbstständigt, er denkt, spricht, beleidigt das Publikum. Sein Eigenleben beschleunigt Eugens Persönlichkeitsspaltung.

Immerhin: Die Löwennummer geht noch. Athenais hat ihn gezähmt, artig springt er von Podest zu Podest. Doch er türmt. Unheimlich, beinah lebensecht, scheint er oben im Gestänge der Halle zu hocken. Ob ihn die Dompteuse wirklich wieder eingefangen hat oder nur so tat, bleibt ihr Geheimnis.

Das Geschehen verdichtet sich, steigert sich mit wohldosierter Dramatik. Die Darsteller des Ensembles Mänäptehoi überzeugen. Ihre eindringlichen bis explosiven Monologe deuten die sich unaufhaltsam zuziehende Schlinge an. Der Autor und Regisseur nutzt die Möglichkeiten der Projektschmiede, die gerade wegen ihres Industriecharmes und ihrer Kargheit zur Atmosphäre des Stückes passt.

Dennoch ist trotz des Infernos am Ende nicht alles düster in diesem Zirkus. Die Livemusik, eingestreute magische Momente, vor allem aber der mystische Rausschmeißer zum Kerzenschein trösten über die Aussichtslosigkeit der nahen Zukunft hinweg.

Samstag, 16.11., 19.30 Uhr und Sonntag, 17.11., 19 Uhr. Eintritt 10 bis 14 Euro. Reservierungen unter 0821/90723190 oder E-Mail@projekt-schmiede.info

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