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Augsburg

08.03.2021

Interview zum Frauentag: Eine Frauen-Doppelspitze in Augsburg ist nicht genug

Die Präsidentin Brigitte Heintze (links) und ihre Nachfolgerin Angela Gebler vom Serviceclub „Soroptimist“ in Augsburg unterstützen Frauen.
Foto: Peter Fastl

Plus Am Montag ist Internationaler Frauentag. Angela Gebler und Brigitte Heintze vom Serviceclub „Soroptimist“ erzählen, wie sie andere Frauen unterstützen und was sie von Eva Weber erwarten.

Der Augsburger Serviceclub Soroptimist ist kaum jemandem bekannt. Heuer feiert er sein 20-Jähriges – Anlass genug, mit der jetzigen Präsidentin Brigitte Heintze und ihrer Nachfolgerin Angela Gebler über den Internationalen Frauentag zu sprechen. Sie sagen, warum Soroptimist kein „Emanzenclub“ und das Führungsduo Wild und Weber nicht das Ende der Emanzipation in Augsburg ist.

Der Internationale Frauentag fand erstmals 1911 statt. Auch bürgerliche Frauen beteiligten sich an dieser sozialistischen Initiative und forderten demokratische Grundlagen wie das Wahlrecht für Frauen. Wie passt Soroptimist da rein?

Angela Gebler: Soroptimist wurde 1921 gegründet. Der Club war die Antwort amerikanischer Geschäftsfrauen auf den Rotary-Club, in dem ja nur Männer aufgenommen werden durften. Insofern passte es in diese Aufbruchszeit, für den der Internationale Frauentag steht. Die Gründerinnen wollten Frauen ausbilden, sie ermächtigen und befähigen, ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Jetzt, nach hundert Jahren, sind wir weltweit 80.000 Frauen in 121 Ländern. Eines unserer Hauptziele ist nach wie vor, Bildungschancen für Mädchen zu verbessern.

Wo kann man das sehen?

Brigitte Heintze: Wir leisten ganz praktische Arbeit. In Augsburg haben wir in den letzten acht Jahren zusammen mit dem Verein „Faust“ ausländische Studentinnen gefördert, die durch diese Hilfe den Nachweis bringen konnten, dass sie während des Studiums nicht von staatlichen Förderungen abhängig sein würden. Eine Tunesierin schaffte zum Beispiel so den Abschluss zur Musiktherapeutin – in ihrem Land wäre das nicht möglich gewesen. Zudem unterstützen wir einen Kunstverein, der Workshops in der Frauenhaftanstalt Aichach durchführt. Diese Projekte sind mir als Künstlerin wichtig. Ich denke, dass die Häftlinge dadurch Techniken zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft erlernen und etwas schaffen können, auf das sie stolz sind.

Gebler: Toll ist auch die Reittherapie für zwei Mädchen aus einem Augsburger Kinderheim, für die wir Geld zuschießen. Wird Zeit, dass Corona zu Ende geht, dann können die auch endlich starten.

Wir haben ja als einzige Großstadt Deutschlands eine Frauen-Doppelspitze. Reicht das nicht?

Heintze (lacht): Nein. Das sind Leuchttürme. Wichtig als Vorbild für andere Frauen, sich zu trauen. Aber in der Fläche muss sich noch vieles tun.

Zum Beispiel?

Gebler: Es geht um Bewusstseinsänderung. Frauen werden noch immer als das weiche Geschlecht gesehen, das – wie jetzt in der Pandemie auch wieder – vor allem für die private Fürsorgearbeit zuständig ist. Auf Kosten ihrer eigenen Entwicklung oder Karrieren. Es war schwierig, aber als meine Kinder klein waren, wollte ich nicht nur Mutter sein. Ich wollte auch weiterhin als eigene Persönlichkeit, als Frau und Physiotherapeutin eigenständig sein.

Heintze: Das Frauenbild in der Gesellschaft haben wir längst nicht ausreichend verändern können. Die ungleiche Bezahlung ist immer noch ein Hinweis darauf, dass Frauen ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben härter erkämpfen müssen als Männer. Oder denken Sie nur an die Gewalt – jeden dritten Tag begeht ein Mann in Deutschland einen Femizid. Meist ging dem jahrelange häusliche Gewalt voraus. Das sind keine Einzelereignisse, sondern ist ein gesellschaftliches Problem.

Haben Sie eine Forderung an die Politik in Augsburg?

Heintze: Ich denke, dass Eva Weber in ihrer Funktion als Oberbürgermeisterin Frauen sichtbarer machen wird. Ich erwarte, dass sie Frauen fördert, ihnen den Rücken stärkt und auch vor Unternehmen zum „equal pay day“ für die gleiche Bezahlung von Frauen eintritt.

Manchmal bekommen frauenpolitisch engagierte Frauen Spott und Häme von männlicher Seite. Sind Sie ein „Emanzenclub“?

Gebler: Emanzipation ja, „Emanze“ nein. Wir haben ja nichts gegen Männer. Aber wir nutzen als Club unsere beruflichen Netzwerke exklusiv als Frauen – wie die Männer das unter sich ja auch tun. Deswegen und um ein möglichst breites Spektrum an Verbindungen zu haben, suchen wir unsere Mitglieder nach den unterschiedlichen Berufen aus. Von jedem Metier soll nur eine Schwester vertreten sein. Erst nach fünf Jahren darf eine weitere mit derselben Tätigkeit aufgenommen werden.

 

Kann bei Ihnen jede eintreten?

Gebler: Nein. Man sollte berufstätig sein. Und man wird gefragt und zum Aufnahmeausschuss eingeladen. Das dient dem gegenseitigen Kennenlernen und so kennt man dann auf der ersten Versammlung schon mal ein paar unserer derzeit 28 Mitglieder. Wenn mal wieder kein Corona mehr ist, treffen wir uns einmal im Monat in Präsenz und planen unsere Veranstaltungen oder Engagements.

Auf Ihrer Mitgliederliste sind viele Akademikerinnen. Würden Sie auch eine Putzfrau aufnehmen?

Gebler: Im Prinzip schon. Sie müsste sich natürlich für unsere Aktivitäten interessieren, also auch für gemeinsame Konzert- oder Ausstellungsbesuche.

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