1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Kassenbonpflicht: „Öffentlich wirksamer Blödsinn“

Einzelhandel

11.01.2020

Kassenbonpflicht: „Öffentlich wirksamer Blödsinn“

Seit Januar müssen Händler mit elektronischen Registrierkassen zwingend Kassenbons ausdrucken, der Kunde muss sie jedoch nicht mitnehmen. Viele Geschäftsinhaber ärgern sich darüber.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die neue Vorschrift, bei jedem Kauf einen Kassenbon auszugeben, stößt bei den Ladeninhabern auf Kritik. Es geht um mehr Müll und höhere Kosten. Ein Geschäft greift zu einer außergewöhnlichen Maßnahme.

Ein Kassenzettel nach dem anderen flattert in den Mülleimer, bald bildet sich ein Papierberg, der im Restmüll – nicht in der Papiertonne – entsorgt wird. Der Eimer wird wieder an seinen Platz gestellt, wo er die nächsten hereinflatternden Belege aufnimmt. Ein Szenario, das die mögliche Zukunft der so genannten „Belegausgabepflicht“ sein könnte.

Seit 1. Januar 2020 müssen Händler mit elektronischen Registrierkassen jedem Kunden beim Kauf einen Beleg ausgeben. Die Pflicht, dass der Kunde den Beleg auch mitnimmt, besteht allerdings nicht. Ziel ist es, einem möglichen Steuerbetrug durch manipulierte Daten vorzubeugen. Doch das Gesetz sorgt auf der Händler- wie auf Kundenseite für viel Frust.

„Es ist sinnlose Papierverschwendung. Die Kunden finden das so doof wie wir“, sagt Ulrich Mayer, Inhaber vom No 7 in der Steingasse. Neben dem anfallenden Papiermüll werde beim Druckvorgang viel Energie verwendet. Als die Bonausgabe optional war, wurden die Kunden befragt, ob sie einen Kassenzettel wollen. Die meisten verneinten, wenn sie günstige Einkäufe für den „alltäglichen Gebrauch“ wie zum Beispiel Zigaretten erwarben. Und so würden jetzt auch fast alle Papierbelege im Müll landen. Doch nicht nur der ökologische Aspekt spielt eine Rolle, auch der finanzielle Aufwand wirke sich negativ aus. Laut Mayer werden rund 40 Prozent mehr Kassenrollen nötig. „Es ist öffentlich wirksamer Blödsinn und hat mit der Realität nichts zu tun“, fasst er zusammen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Auch die Gastronomen sind unzufrieden

Auch im Gastronomiebetrieb, der vom Kassengesetz, nicht verschont bleibt, überwiegen negative Töne. „Glücklich sind wir nicht damit“, sagt Leo Dietz, Geschäftsführer der Howdy GmbH, der die Augsburger Lokale „Peaches“, „Mauser“ und „Cube“ angehören. Dietz ist zudem Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes. Neben der schwierigen praktischen Umsetzung im alltäglichen Betrieb sieht er die einhergehende Bürokratisierung kritisch. Das Gesetz bekommt auch von der Industrie- und Handelskammer Schwaben Gegenwind, die es als „ökonomisch und ökologisch mehr als fragwürdig“ kritisiert. „Wir fordern, den Handel von der Ausgabepflicht der Belege zu entbinden, wenn der Kunde nicht explizit danach verlangt“, betont Elke Hehl, die bei der IHK Schwaben für den Handel zuständig ist. Das angestrebte Ziel, eine Steuerhinterziehung zu verhindern, könnte durch „die Kassennachschau, die 2018 eingeführt wurde, und dem Finanzamt unangekündigte Kontrollen und Testeinkäufe im Handel erlaubt“ erreicht werden – oder durch „die Aufrüstung der Kassensysteme mit einer technischen Sicherheitsausstattung“.

Die Kritik an der Bonpflicht führt bei manchen Augsburger Unternehmen zu ungewöhnlichen Aktionen. Ruta Natur, der verpackungsfreie Bioladen, bei dem der Umweltschutz „der maßgebliche Grund unserer Existenz ist“, stellte beim Finanzamt Stadt einen Antrag auf Befreiung von der Belegausgabepflicht, doch das Ansinnen wurde abgelehnt. Umweltgesichtspunkte seien nicht ausreichend für die Annahme einer sachlichen Härte, so die Begründung. Inzwischen wurde gegen diese Entscheidung Einspruch eingelegt, das Ergebnis steht noch aus. Laden-Inhaberin Ramona Dorner geht aber einen Schritt weiter und plant, die nicht mitgenommen Kassenzettel zu sammeln und sie dann beim Finanzamt einzuwerfen.

Zahlen nur noch mit Karte

Einen anderen Umgang mit diesem Thema pflegt beispielsweise der Friseursalon Gabriel in der Augsburger Maximilianstraße, in dem seit Jahresbeginn nur noch Kartenzahlung möglich ist. Es sei sicherer, schneller und einfacher, begründet Klaudia Gabriel, die Ladeninhaberin, diesen Schritt. Der Vorteil der Kartenzahlung bestehe darin, dass der Zahlvorgang ohnehin mit einem Beleg quittiert wird, sodass das Gesetz keinen höheren Kosten- oder Zeitaufwand nach sich zieht. Außerdem wurde auf Ökobons umgestellt, die Umwelt würde dadurch nicht zusätzlich belastet.

Tendenziell können die Händler die grundsätzliche Intention des Gesetzgebers, die Steuerhinterziehung unter Kontrolle zu bekommen, nachvollziehen, aber an der Umsetzung stören sich die meisten. Die Belegausgabepflicht gehe enorm zulasten der Umwelt und der Nutzen sei angesichts des Mehraufwandes, was Umwelt, Geld, Zeit und Arbeit betrifft, nicht gegeben. Deshalb hoffen viele Händler, dass das Thema noch einmal diskutiert wird.

Lesen Sie dazu auch: Bon-Pflicht sorgt für Müllberge – und kaum ein Kunde nimmt den Bon mit

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

12.01.2020

Wie immer beginnt man am kleinsten Nenner, die Regierung sollte man da anfangen wo es den großten Erfolg gibt. Die CUM-Exgeschäfte z.B. waren Herrn Schäuble bereits vor 10 Jahren bekannt, unternommen hat er bzw. die Regierung nicht, da wurden mehr als 10 Mrd. Stuern hinterzogen. Auch die großen Firmen in den Steueroasen verdienen viel Geld in Deutschland, zahlen aber keine Steuern, so auch die Fa Müllermilch, Google, Amazon usw. Da müßte mal angefangen werden, aber daß meiden die Politiker.

Permalink
12.01.2020

Die meisten verneinten, wenn sie günstige Einkäufe für den „alltäglichen Gebrauch“ wie zum Beispiel Zigaretten erwarben.

Seit wann sind sind Zigaretten günstig? Kann die Augsburger Allgemeine die deutsche Sprache nicht?

Permalink
11.01.2020

Genau so ist es. Da wird in Deutschland wieder ein Brimborium draus gemacht, das ist Wahnsinn!

Permalink
11.01.2020

War eigentlich als Antwort auf den Post von H. Anan gedacht :-)

Permalink
11.01.2020

Ich rate den betroffenen Händler*innen die Bons elektronisch auszustellen (per Mail oder Handy). Oder wie in Italien kleine Zettel ohne riesiges Logo auszudrucken.

Die Bonpflicht an sich finde ich gut, weil sie Steuerhinterziehung eindämmt. Im Zuge der Euro-Krise hat Deutschland Länder wie Griechenland dazu gedrängt, sie einzuführen. Da sollte das auch bei uns gelingen können.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren