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Augsburg

19.05.2020

Kriegsende 1945: Mutige Bürger und vier Morde in Göggingen

Hier sollte im April 1945 Göggingen verteidigt werden: An Wertachbrücke wollte sich ein SS-Kommando den US-Truppen in den Weg stellen. Mutige Gögginger sabotierten das Vorhaben.
Bild: Sammlung Gögginger Geschichtskreis

Plus Der Augsburger Stadtteil Göggingen entging am Kriegsende 1945 einem Unglück – weil es mutige Bürger gab. Für mehrere Zwangsarbeiter kam die Befreiung zu spät.

Dort, wo ab den 1970er Jahren im Augsburger Stadtteil Göggingen ein schönes Wohngebiet entstanden und das Lachen spielender Kinder zu hören ist – im Bereich Friedrich-Ebert-Straße, Oskar-von-Miller-Straße und Bayerstraße – sind ab 1942 in sechs fast unendlich lang wirkenden langen Baracken bis zu 2000 Menschen interniert gewesen. Etwa ein Viertel davon waren Frauen. Es gab damals in Augsburg drei Sammellager – zwei waren darüber hinaus in Planung – zur Unterbringung von 10.000 sogenannten Fremdarbeitern.

Amerikaner rücken von Westen an

Das Lager Göggingen war im wesentlichen bestimmt für Arbeiterinnen und Arbeiter beim Flugzeugbauer Messerschmitt, der Reichsbahn sowie bei Renk und Alpine. Die meisten der dort Inhaftierten wurden aus der ehemaligen Sowjetunion hierher verschleppt. Ihr Leidensweg ist beendet worden mit der Einnahme Göggingens durch die amerikanischen Truppen am 28. April 1945 - vor inzwischen 75 Jahren. Der Tag hätte für Göggingen in einer Katastrophe enden können. Einige vermeintliche Helden glaubten, durch eine Verteidigung Göggingens an der Wertachbrücke das „Tausendjährige Reich“ noch retten zu müssen. Es war kurz nach Mitternacht, als die Sirenen Luftalarm signalisierten. Bald darauf kreischten amerikanische Granaten von den Westlichen Wäldern kommend über Göggingen hinweg. Eine ernste Warnung: Sie machten deutlich, dass es gefährlich werden würde, sollte gegen die von Westen anrückenden US-Panzerkolonnen Widerstand geleistet werden.

Bombennacht in Augsburg 1944
14 Bilder
Bombennacht in Augsburg 1944
Bild: Wyszengrad, Merk, Sammlung Häußler, agt

Bereits zwei Tage vorher – am 26. April 1945 – hatten Wehrmachtsoffiziere die Sprengkammer der Wertachbrücke aktiviert und eine Straßensperre errichtet, die von furchtlosen Bewohnern der Nachbarschaft in der Nacht aber wieder beseitigt wurde. Am Morgen danach verhandelten vier beherzte Gögginger – Marktbaumeister Adolf Schmid, der spätere Gemeinderat und Prokurist der Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen (ZNFG), Heinrich Beyer, der Rathausbeamte Wilhelm Walter und der Landwirt Josef Zott - mit den „Verteidigern“.

Kriegsende 1945: Mutige Bürger und vier Morde in Göggingen

Gögginger hoffen auf friedliches Kriegsende

Sie wollten eine kampflose Übergabe des Ortes erreichen. Unter Androhung des sofortigen Erschießens wurden sie aber von der Brücke verwiesen. Am Abend des 27. April übernahm dann ein SS-Kommando den Übergang und errichtete eine Panzersperre sowie einen MG-Schießstand. Das Unglück schien auf Göggingen zuzukommen. Doch in der Dämmerung des nächsten Morgens erwartete der in der Siedlung Schafweide wohnende und Englisch sprechende Karl Kremer – der spätere Direktor der Neuen Musikbühne im Kurhaus – die in der Wellenburger Allee heranrückende amerikanische Kolonnenspitze mit einem weißen Tuch.

US-Soldat am Hessing-Denkmal: Nach dem Einmarsch 1945 beschlagnahmten die Amerikaner die Klinik als Lazarett.
Bild: Sammlung Gögginger Geschichtskreis

Er schilderte dem Führungsoffizier die Situation und konnte ihn überzeugen, dass es nur wenige sind, die sich den Panzern in den Weg stellen. Auf Vorschlag Kremers setzte ein amerikanisches Kommando über das damals noch vorhandene ZNFG-Wehr auf die andere Wertachseite über. Die SS-Leute flüchteten daraufhin und erneut beseitigten in der Nähe der Brücke wohnende Gögginger die Barrieren. Ein amerikanischer Vortrupp deaktivierte die Sprengkammer. Kurz darauf rollten die Tanks über die Brücke. Weiße Tücher „schmückten“ jetzt viele Hausfassaden. Selbst der Kirchturm von St. Georg und Michael war weiß „beflaggt“. Und eine schlimme Epoche ging für das damals noch eigenständige Göggingen – einigermaßen glimpflich – zu Ende.

Gestapo erschießt Zwangsarbeiter

Nur sechs Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner kam es aber in Göggingen noch zu einem furchtbaren Geschehen, das der Stadtberger Lokalhistoriker Alfred Hausmann dokumentierte. Im Gögginger Wäldchen, einige hundert Meter vom Friedhof entfernt, sind vier im Lager Göggingen internierte ukrainische Zwangsarbeiter von der Gestapo erschossen und dort verscharrt worden. Ein Fünfter konnte sich durch Flucht retten.

Sie waren bei der Reichsbahn an der Firnhaber Straße eingesetzt. Sabotage und Feindpropaganda ist ihnen vorgeworfen worden. Insbesondere verteilten sie Flugblätter gegen die Naziherrschaft und den Krieg. Sie wurden denunziert und sofort exekutiert. Nach dem Einmarsch der Amerikaner sind die Erschossenen von Lagerkameraden schon im Mai 1945 exhumiert und ehrenvoll im Beisein ihrer Landsleute westlich der Alten Friedhofsmauer bestattet worden. Ein Mahnmal mit den Namen der vier Opfer in kyrillischer Schrift, gekrönt mit dem Sowjetstern, erinnert noch heute daran.

Das Ehrenmal für die im April 1945 erschossenen ukrainischen Zwangsarbeiter im Gögginger Friedhof.
Bild: Gögginger Geschichtskreis

Gedenken an Schicksal der Zwangsarbeiter

Gleich neben dem Ehrenmal liegen die Gräber der im Lager an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße (früher Bahnstraße) „normal“ verstorbenen Arbeiterinnen und Arbeiter. Meist – so Alfred Hausmann – junge Menschen im Alter um die zwanzig Jahre, die aus ihrer Heimat hierher verschleppt wurden.

Die Heimkehrer durften nicht über ihr Schicksal sprechen

Auf einen weiteren Aspekt macht der Historiker aufmerksam: „Nicht wenige der Zwangsarbeiter wurden nach ihrer Rückkunft in die ehemalige Sowjetunion nochmals erniedrigt. Sie durften über ihr schlimmes Schicksal nicht sprechen und wurden sogar als Kollaborateure der Faschisten verunglimpft.“ Auch dieses Schicksal hätten diese gequälten Menschen nicht verdient.

Mehr historische Berichte aus Augsburg lesen Sie in der Augsburger Geschichte.

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