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Augsburg

31.01.2019

Kumpel als Geldquelle genutzt: Prozess um eine seltsame Freundschaft

Weil ein Mann seinen Kumpel bedrohte, schlug und um Geld brachte, landete er vor dem Amtsgericht.

Ein junger Mann gab seinem Kumpel immer wieder Geld. Er wurde beleidigt, mit einem Messer bedroht, geschlagen und ertrugt den Terror Monate lang.

Sie kannten sich aus dem Kindergarten, verloren sich aus den Augen, trafen sich vor vier Jahren wieder. Dann begann zwischen Kevin, heute 22, und Dominik, 20 (Namen geändert) eine seltsame Freundschaft.

Kevin, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit, motivationslos, lief nachts ziellos durch die Stadt, hatte wenig Geld, wurde schnell aggressiv. Freund Dominik, 20, gutmütig, aber offenbar ängstlich, ging zur Arbeit, hat eine Freundin. Immer wieder half er dem klammen Kevin finanziell aus der Patsche, gab ihm mal 100, mal 200 Euro – angeblich leihweise. Und freiwillig. Im Sommer 2017 versiegte die Geldquelle. Dominiks Reserven waren aufgebraucht. Für ihn begann nun ein Monate langes psychisches Martyrium mit unzähligen bedrohlichen und demütigenden WhatsApp-Nachrichten. „Ich hau Dich kaputt, ich kille Dich“, drohte Kevin. Oder: „Ich stech‘ dich ab“. Dominik hatte Angst, fand aber keinen Ausweg aus der Abzocke – und nahm die Drohungen ernst. Zu Recht. Im Januar 2018 stand Kevin in seiner Wohnung, hielt ihm ein asiatisches Kampfmesser mit gebogener Klinge an den Hals, drohte ihn zu töten, schlug ihm die Faust ins Gesicht, forderte 100 Euro. Dominik gab ihm 50. Sein letztes Geld. Einige Tage später ging Dominik, von seiner Familie, begleitet, zur Polizei.

In Augsburg wegen diverser Delikte vor Gericht

Jetzt sitzt Kevin unter der Anklage der räuberischen Erpressung, der Nötigung, Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung vor einem Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Günther Baumann. Der Angeklagte (Verteidiger: Christian Steffgen) räumt alle Vorwürfe ein. Den Begriff Freundschaft definiert er auf seine Art: „Es stand ihm ja frei, mein Freund zu sein. Er hat mir jedes Mal freiwillig das Geld angeboten. Er wusste, dass ich aggressiv bin“, sagt er ohne Emotionen. Dass er Dominik mit dem Messer bedroht hat, begründet er so: „Er hat gesagt, dass er kein Geld mehr hat. Das war gelogen“. Und im Übrigen sei man hinterher immer wieder „gut gewesen“.

Warum er sich von Kevin derart hat ausnutzen lassen, den Terror ertragen hat, das kann Dominik im Zeugenstand eigentlich nicht so richtig erklären. Nach Beginn der Drohungen habe er sich nicht getraut, mit ihm zu brechen.

Manchmal hatte er Angst um sein Leben

Ob er Angst um sein Leben gehabt habe, will der Richter wissen. „Ja, manchmal“, räumt der 20-Jährige ein. Warum ist er nicht früher zur Polizei? Dominik: „Daran habe ich nicht gedacht“. Nach der Anzeige war Kevin mit einem halbjährlichen Kontaktverbot belegt worden. Danach fuhr er mit Dominik und dessen Freundin zu einem Versöhnungstrip in den Nürnberger Zoo. Was das Gericht überhaupt nicht verstehen kann.

Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe schildert, wie alle bisherigen Versuche, Kevin auf die Beine zu helfen, gescheitert sind. „Aus unserer Sicht ist das eine Katastrophe.“ Kevin benötige therapeutische Hilfe. Staatsanwältin Andrea Hobert sieht in dem Angeklagten eine „Gefahr für die Allgemeinheit“ und fordert drei Jahre Jugendhaft. Sein Verteidiger Christian Steffgen dagegen hält eine Bewährungsstrafe, allerdings unter harten Auflagen, für ausreichend. Das Gericht denkt ebenso. Es verurteilt Kevin zu einer Bewährungsstrafe von 22 Monaten, stellt ihm einen Bewährungshelfer zur Seite.

Kevin muss Beratungsgespräche und eine psychologisch-therapeutische Behandlung absolvieren, zudem 120 Stunden Hilfsdienste leisten. Richter Baumann warnt ihn: „Wird eine der Auflagen nicht erfüllt, droht Gefängnis“. Kevin nickt, nimmt das Urteil an.

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