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Augsburger Oster-Aufstände 2019

21.04.2019

Liebe, Revolution und verhängnisvolle Schüsse

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Johann Frank war einer der Protagonisten der Augsburger Osterrevolution von 1919. Der Soldat war mit der Lechhauserin Maria Brandl (rechts) verheiratet. Die Lechhauser Schillerschule war zu dieser Zeit zum Lazarett umfunktioniert worden. Dort lernte sich das Paar 1914 kennen. Es lebte zusammen, bis ein Schicksalsschlag es trennte.

Immer wenn Melitta Schuster in ihrer Familie auf den Großvater zu sprechen kam, herrschte Schweigen. Erst als die Augsburgerin im Stadtarchiv forscht, erfährt sie, welche Rolle ihr Opa Johann Frank bei den Augsburger Osteraufständen von 1919 spielte.

Wenn Melitta Schuster aus Hochzoll an ihre Kindheit und Jugend zurückdenkt, so fehlt darin die Person ihres Lechhauser Großvaters Hans Frank. Nicht nur, weil er bereits seit Langem tot war, der regelmäßige Gang auf den Friedhof war Teil ihres Alltags. Er fehlt, weil niemand über ihn gesprochen hat. Weder die Mutter noch die Großmutter Marie Frank erzählten nach dem Motto „Damals, als Dein Opa und ich …“.

Auch die Geschwister der Großmutter erwähnten Hans Frank nie. Und Politik war ebenfalls ein Tabu: „Damit beschäftigt man sich nicht“, hieß es. Erst als Melitta Schuster 1969 an einer Demonstration gegen die neu erwachte NPD – ein Adolf von Thadden plante einen Auftritt auf dem Rathausplatz – teilnehmen wollte, reagierte ihre Mutter auf irritierende Art und Weise: „Bei einer Demonstration könntest du erschossen werden.“ Wieso erschossen? Melitta Schuster wurde neugierig und begann Fragen zu stellen. Die Antwort „Weil Dein Großvater erschossen worden ist.“ Langsam, durch immer wiederholtes Nachfragen, erfuhr die junge Frau 50 Jahre nach dem Tod des Großvaters ein wenig mehr aus dessen Leben.

Im Wohnzimmerschrank der Oma fand sie eine Kassette mit Dokumenten

Weitere Details ergaben sich, als sie den Wohnzimmerschrank der Großmutter ausräumte und eine Kassette mit Postkarten des Großvaters und anderen Dokumente fand. Doch es blieben Lücken in der Biografie. Vor dem 100. Todestag am 20. April 2019 beginnt Schuster, weitere historische Quellen im Stadtarchiv zu suchen, um ihr Bild von Hans Frank zu vervollständigen. In der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg findet sie Hinweise zu politischen Aktivitäten nach dem Ersten Weltkrieg. Wer aber die tödlichen Schüsse abgab, die Frank töteten, konnte nicht geklärt werden.

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Johann Frank wurde am 19. August 1891 in Lechhausen geboren. Er war Sohn des Fabrikschmieds Georg Frank und dessen Ehefrau Karolina. Vier Tage nach der Geburt wurde er in der Kirche St. Jakob in Augsburg getauft, da Lechhausen zu dieser Zeit noch keine evangelisch-lutherische Kirche hatte. Nach dem Ende der Schule in Lechhausen arbeitete er beim Augsburger Schmiedemeister Carl Schmidt in der Jakobervorstadt. Seine Mutter unterschrieb den Lehrvertrag. Er belegt, dass der 15-Jährige anschließend beim Schmiedemeister Friedrich Wagner lernte. Das Lehrzeugnis von 1907 beweist, dass er „treu und fleißig gewesen sei sowie durch sehr gutes Betragen die größte Zufriedenheit seines Lehrherrn“ erworben habe.

Die Geschichte der Familie ist anders als die in den Akten

Die Überlieferung in der Familie besagt, dass Frank nur bei der MAN in Augsburg gearbeitet habe. Doch eine amtliche Quelle skizziert ein anderes Bild. Zusätzlich zu den Angaben zum Aufenthaltsort in Augsburg findet man Hinweise zu Anstellungsverhältnissen zuweilen auch auf Meldedokumenten, die einst das Königreich Bayern eingeführt hatte. Das für Hans Frank vorliegende Dokument belegt, dass er einen wechselvollen Werdegang hatte. Er blieb zwar bei seinem Beruf, arbeitete von März 1908 bis März 1911 aber bei fünf metallverarbeitenden Betrieben, unter anderem bei der LEW. 1911 meldete er sich nach Mannheim ab.

Als Lechhauser hätte er seinen Wehrdienst in der damaligen Bayerischen Armee ableisten müssen. Darum ist es verwunderlich, dass er sich im Oktober 1912 in St. Avold in Lothringen zum Wehrdienst meldete. 1913 tauchte Frank in Dortmund auf und meldete dort seinen Hauptwohnsitz an. Johann Frank entwickelte eine romantische Ader und formulierte in einem Brief seine Liebe zu Lechhausen mit dem Titel: „Heimat, meine Heimat“. Ein Zeugnis einer Ingenieurschule belegt seine Absicht zur Weiterbildung: Die Bestätigung eines Fachlehrers in Dortmund vom Juli 1914 zeigt, dass er über vier Monate die Privat-Fachschule für Eisenhoch- und Brückenbau besuchte. Nachdem ihm das Zeugnis ausgehändigt worden war, kam Frank zurück nach Lechhausen und trat in ein Beschäftigungsverhältnis bei der Firma Thosti, die auf Eisenbetonbau spezialisiert war. Er konnte seine Erkenntnisse umgehend umsetzen.

Doch die neue Chance war kurz, denn die Julikrise 1914 führte Europa in den Ersten Weltkrieg. Hans Frank wurde unmittelbar nach Kriegsbeginn, am 3. August 1914, zur 5. Batterie des 1. Bayerischen Reserve-Feldartillerieregiments in Frankreich eingezogen und kämpfte unter anderem bei Lunéville und Einville. Im Advent 1914 kam er nach Hause. Ob Heimaturlaub oder eine Verletzung der Grund waren, bleibt unbekannt. Tatsache ist, dass er sich in einem Krankenhaus des Deutschen Roten Kreuzes in Lechhausen aufhielt. Dort war in der 1908 eingeweihten Schillerschule ein Krankenhaus für Soldaten eingerichtet worden. Hier traf Frank auf Maria Brandl aus Lechhausen, die ehrenamtlich für das Rote Kreuz tätig war.

Zur Heirat brauchte das Paar die Genehmigung der Stadt

Am 27. März 1915 heiratete das Paar in der evangelischen Kirche St. Jakob. Doch dass ein junges Paar heiraten konnte, war im Königreich Bayern keineswegs selbstverständlich, denn die Heiratswilligen mussten bei der Stadt um Erteilung einer Genehmigung zur Verehelichung ansuchen. Diese erhielt das Brautpaar am 26. März 1915 – einen Tag vor der Hochzeit. Die Heirat brachte für den Weltkriegssoldaten vorerst keine Verbesserungen beim Wehrdienst. Unklar ist, welche Funktionen er beim Militär hatte. Er wurde nicht mehr an der Front eingesetzt, zeigte sich aber flexibel, was die Belege zu Einsatzorten zeigen: Milbertshofen, Moosach, Essen im Ruhrgebiet, Straßburg und Bietigheim in Baden-Württemberg. Das Paar sandte sich regelmäßig Feldpost. Auf einer dieser Postkarten an sein „Weiberl“ erwähnte Frank am 21. August 1915 den geplanten Einmarsch in Paris.

Aufgrund der Tatsache, dass er ebenfalls per Postkarte vom 10. September 1915 die Mitteilung erhielt, wieder zur Truppe entlassen zu werden – was bedeutete, dass er wieder dienstfähig geschrieben wurde – ist davon auszugehen, dass er im August 1915 verletzt worden war. Daraufhin wurde er in Sonthofen eingesetzt. Zur Geburt seiner Tochter am 13. November 1915 konnte er nicht nach Hause kommen. Mit einer Postkarte informierte Hebamme Johanna Kandler den Gebirgskanonier in Sonthofen, dass er ein „strammes Kriegsmädchen“ bekommen habe. Kurz darauf war die Taufe auf die Vornamen Johanna Melitta. Heute trägt deren Tochter Melitta Schuster noch den zweiten Vornamen ihrer Mutter.

Rund ein Jahr dauerte der Dienst in Sonthofen, dann wurde Frank wieder an verschiedenen Einsatzorten gebraucht. Aus der Feldpost ergibt sich der Hinweis, dass er bei Fernsprechabteilungen eingesetzt war. Der Schlosser war also zum Funker bzw. Fernmeldemechaniker ausgebildet worden. Sein Wissen brachte ihm 1916 erst eine Beförderung zum Gefreiten und dann zum Unteroffizier. Obwohl der Krieg zum Jahresbeginn 1918 noch nicht zu Ende war, wurde Frank vom Militär entlassen. Man kann nur mutmaßen, dass sich der Soldat um eine Verwendung bei einem kriegsrelevanten, aber zivilen Beruf bemühte. Denn Ende Januar 1918 kommt er zur Arbeit im Werk Augsburg der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg; sein Aufgabengebiet ist die Mitarbeit beim Bau von Flugzeugmotoren. Doch der Kontakt zu den Arbeitern der MAN, das nahende Kriegsende und die Kriegsmüdigkeit der Deutschen scheinen Frank in Bewegung gebracht zu haben; er beginnt, sich mit politischen Ideen auseinanderzusetzen.

Warum sich Johann Frank plötzlich radikalisierte

Offensichtlich radikalisierte er sich im Sommer 1918, denn das Leben in seiner Heimat hatte sich verändert: Seit 1914 konnte man Lebensmittel nicht einfach kaufen, sie waren vor allem für das Militär vorgesehen. Die Zuteilung an der „Heimatfront“ erfolgte durch Wertmarken. Die permanenten Nachrichten von verwundeten, verletzten und gefallenen Soldaten machte auch die Bevölkerung in Augsburg kriegsmüde. Viele verloren den Glauben an den Sieg. Zur Zahl der Enttäuschten zählte auch Hans Frank. Am 4. November 1918 erschien unter seinem Namen ein Artikel in der Schwäbischen Volkszeitung mit Antworten auf Fragen wie: „Was ist Sozialismus?“ und „Was ist Revolution?“. Aufgrund des permanenten Hungers und Leids versuchte er, die Leser für eine „allmähliche und unblutige Revolution“ zu gewinnen, weil eine „blutige Revolution kein Stück Brot mehr erzeugt“.

Arbeiter der MAN ziehen zum Augsburger Rathaus, um die Ausrufung der Räterepublik zu feiern.
Bild: Stadtarchiv Augsburg

Die Not und der Wunsch nach einem Ende des Krieges brachten die Menschen auf die Straße. Demonstrationen waren allgegenwärtig. Der Glaube an die Monarchen ging verloren; viele wollten einen politischen Umsturz und die Beseitigung der Monarchie. Treibende Kräfte waren auch in Augsburg die Industriearbeiter und vormalige Weltkriegssoldaten. Nachdem der Umsturz in München bekannt wurde, bildete sich in der Nacht vom 7. auf 8. November 1918 ein Soldatenrat beim Infanterieregiment 3, das in Augsburg stationiert war. Die Arbeiter organisierten einen Arbeiterrat und schlossen sich mit dem Soldatenrat zusammen, um das öffentliche Leben zu organisieren. Unter dem Druck der neuen politischen Strömungen verzichteten im November 1918 sowohl der deutsche Kaiser als auch der bayerische König auf die Krone. In Bayern rief der Sozialist Kurt Eisner den „Freistaat“ aus.

Im November 1918 sind die ersten öffentlichen, politischen Vorträge von Frank belegt. Die damals aktuellen Fragen spalteten den sozialdemokratischen Verein, dem Frank ursprünglich angehörte. 1918 wechselte er zu den Unabhängigen Sozialdemokraten Deutschlands, kurz: USPD. Durch die Ermordung Eisners kam es auch in Augsburg zur Organisation neuer Aufmärsche, an denen sich Frank beteiligte. Da es zu Plünderungen gekommen war, wurde Frank Teil der vom Arbeiter- und Soldatenrat organisierten Schutztruppe, die im Stil einer Bürgerwehr für Ordnung sorgte.

Politisches Ziel der USPD war der Aufbau einer Räterepublik sowie einer Volksherrschaft. Am 4. April 1919 wurde in Augsburg ein Generalstreik organisiert. Die Augsburger Arbeiterräte, unter ihnen Hans Frank, beteiligten sich an den Verhandlungen in München zur Errichtung einer bayerischen Räterepublik. Am 5. April 1919 kam es zur Neubildung eines revolutionären Arbeiter- und Soldatenrats, dem zwölf Mitglieder der USPD – unter ihnen Frank – angehörten. Die Absetzung der Beamten und die Auflösung der polizeilichen Schutzmannschaft waren nur zwei seiner radikalen Forderungen.

Weil Truppen in Augsburg einzogen, startete der Osterplärrer später

Frank dürfte sich gefreut haben, dass am 7. April in München und Augsburg die Räterepublik ausgerufen wurde, weil so ein Teil seiner Visionen Realität wurde. Doch die Epoche der Volksherrschaft in Augsburg währte nicht lange. Truppen aus Baden-Württemberg zogen ab 17. April in Augsburg ein, um die alte Ordnung wieder herzustellen. Aufgrund des Einmarsches musste der Start des Osterplärrers aufgeschoben werden. Mittlerweile hatte sich Frank in Bamberg an den Gesprächen über eine mögliche staatliche Neuordnung für Bayern beteiligt, er galt als „Parlamentär“.

Doch seine Weitsicht und sein Verhandlungsgeschick waren auch in seiner Heimat gefragt. Harter Widerstand gegen die militärischen Truppen der Regierung wurde am Osterwochenende in den Stadtteilen mit hohem Arbeiteranteil, insbesondere in Lechhausen, geleistet. Um Blutvergießen zu vermeiden und um die Aufständischen von der Nutzlosigkeit weiteren Widerstands zu überzeugen, wurde beschlossen, einen Unterhändler nach Lechhausen zu schicken.

Dieser Unterhändler war Hans Frank. Es war eine Zeit, in der schnell zur Waffe gegriffen wurde. Am Ostersonntag, ein 20. April, trafen Frank gezielte Schüsse. Er starb kurz darauf. In einem Zivilprozess wurden später zwei den Aufständischen angehörige Matrosen, die aus dem Hinterhalt geschossen haben sollen, erwähnt. Demnach wäre das Opfer von den eigenen Gesinnungsgenossen getötet worden. Doch die Tatverdächtigen wurden offensichtlich freigesprochen. Hans Frank wurde auf dem Alten Ostfriedhof in Lechhausen beerdigt. Er hinterließ die Tochter Hannchen – und ein Liebesgedicht als Geschenk am Ostermorgen an seine Ehefrau:

Ostergruß an mein liebes Weibchen!

Ich liebe Dich!

So oft mich hier begrüßt der Morgen,

So oft aufs neu die Sonn’ begrüßet mich,

So oft klingt auch durch Kummer und durch Sorgen:

Ich liebe Dich!

Und sollte schwer des Lebens Ernst mich drücken,

Und in dem Aug’ manch Träne zeigen sich,

So soll das Trosteswort mich doch beglücken:

Ich liebe Dich!

Und senkt der stille Abend sich hernieder,

Senkt Ruh und Fried auch in mein Herze sich,

So klingt doch durch die heil’ge Stille wieder:

Ich liebe Dich!

Ich liebe Dich! Ist mir das Lied der Lieder,

Härmst du einst am Grab um den Entschlafenen dich,

Tönt dir vereinend aus ferner Welt hernieder:

Ich liebe Dich!

Dein Männe

Der Schock über den Tod ihres Mannes und die Zeit als alleinerziehende Mutter machten Marie Frank krank, weswegen sie über Monate in Behandlung in einem Sanatorium war. Sie heiratete nie mehr. Nach ihrer Genesung trat Marie Frank beim Augsburger Zeitungsblatt Der Volkswille als Bürokraft ein. Dort war auch Bert Brecht als Autor und Redakteur tätig. Es ist also wahrscheinlich, dass sich Marie Frank und Brecht getroffen haben. Auch Hans Frank und der noch junge Dichter dürften sich begegnet sein: Beide waren im Arbeiter- und Soldatenrat tätig. Während Frank für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse kämpfte, beobachtete Brecht das revolutionäre Geschehen aus der Distanz.

Johann Frank war einer der Protagonisten der Osterunruhen

Dass über die Geschehnisse dieser Jahre in der Familie geschwiegen wurde, ist für Franks Enkeltochter Melitta Schuster nachvollziehbar, aber bedauerlich, weil so Informationen verloren gingen. Aber sie sieht ihren Opa dank der Erkenntnisse aus Stadtarchiv und Staats- und Stadtbibliothek Augsburg nun mit anderen Augen. Ihr Großvater war einer der großen Protagonisten der Revolution in Augsburg – nicht nur, weil er ein Opfer der in der Geschichtsschreibung als „Osterunruhen“ bezeichneten Revolte war.

Monika Müller nimmt am heutigen Mittwoch, 17. April, im Stadtarchiv die einschneidende Umgestaltung der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Blick. Beginn: 19 Uhr.

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