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Zuwandererdebatte

06.06.2011

„Mehrheitsgesellschaft gibt es gar nicht“

Gesine Schwan

Gesine Schwan kritisiert gängige Vorstellungen über Migranten

Gesine Schwan sagt, die vorherrschende Vorstellung über das, was Zuwanderer in Deutschland zu tun oder zu lassen hätten, sei falsch. Die SPD-Politikerin äußerte sich am Mittwochabend im Goldenen Saal des Rathauses zur Migrationsthematik. Die zweimalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten sprach im Rahmen der Reihe „Zusammen leben – Augsburger Reden zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft“.

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Die vorherrschende, nach ihrer Ansicht falsche Vorstellung gehe von einer weitgehend einheitlichen (deutschen) Mehrheitsgesellschaft aus, der Zuwanderer wegen ihrer Sprache, Grundwerte, Kultur und auch ihrer Neigung zu Kriminalität Probleme bereiten. Dabei werde von Zuwanderern erwartet, möglichst viel von ihrer Herkunft abzulegen, damit „keine gravierenden Abweichungen auffallen“. In den Augen von Schwan gibt es die Mehrheitsgesellschaft gar nicht.

Im 19. Jahrhundert sei die heute gängige kulturelle statt einer politischen Integration vorgeprägt worden. Freiheitliche Gesellschaften veränderten sich aber permanent. Ein Grundkonsens müsse – dabei berief sie sich auf den Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel – immer wieder neu erstritten werden.

„Mehrheitsgesellschaft gibt es gar nicht“

Die deutschen Stämme hätten sich immer bekriegt, ebenso Katholiken und Protestanten (dabei erwähnte sie auch den Augsburger Religionsfrieden von 1555); ein Hartz-IV-Empfänger und ein Konzernchef könnten sich trotz gemeinsamer deutscher Sprache nur schwer verständigen.

Das wirkliche Problem seien Machtungleichgewichte und mangelnde Gerechtigkeit in der Gesellschaft, fuhr Schwan fort. In der anschließenden Diskussion mit Moderator Rainer Bonhorst räumte die Referentin aber ein, die Gesellschaft müsse nicht alles akzeptieren, was Einwanderer einbringen wollten.

Die Kriterien der Demokratie und die gemeinsame Sprache Deutsch müssten bleiben. Bei der Rolle der muslimischen Frau dürfe es keinen rechtsfreien Raum geben. Im Islam sieht sie aber grundsätzlich keine Bedrohung. Auch diese Religion sei nicht einheitlich. Theologische Fragen von Muslimen und Christen seien sehr ähnlich. Man solle zunächst nach dem Gemeinsamen fragen.

Im Publikum meldeten sich unter anderem Migrantenvertreter, Wissenschaftler mit Bezug zu Schwans Hochschulkarriere und eine Polin, die sie für ihr Engagement zur Verständigung mit Polen lobte, zu Wort. Schwan erhielt für ihre Worte mehrfach kräftigen Beifall.

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