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Augsburg

18.05.2018

Mein wunderbarer Waschsalon

Yu Zhon bei Eco-Express in der Wertachstraße im Stadtteil Oberhausen/Rechts der Wertach. Er kommt aus der Volksrepublik China, lebt und arbeitet in Thannhausen und wäscht seine Kleidung in Augsburg.
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Yu Zhon bei Eco-Express in der Wertachstraße im Stadtteil Oberhausen/Rechts der Wertach. Er kommt aus der Volksrepublik China, lebt und arbeitet in Thannhausen und wäscht seine Kleidung in Augsburg.
Bild: Bernd Hohlen

Augsburg ist überdurchschnittlich gut ausgestattet mit diesen Dienstleistungsbetrieben.

Er ist ein Raum fürs Alltägliche und doch bietet er gerade Künstlern immer wieder Stoff. „Mein wunderbarer Waschsalon“ ist verewigt in einem britischen Filmdrama von Stephen Frears aus dem Jahr 1985 oder in einem Song des Iren Rory Gallagher aus den frühen 1970ern. Der sang, er schlafe im „Laundromat“ und lud dazu ein: „Wenn du vorbeikommen solltest, guck doch mal rein...“

Bis heute gibt es diese öffentlichen Waschküchen, in die Menschen ohne heimische Weißware kommen, um schmutzige Socken zu schleudern oder sich bei der Lektüre einer Zeitschrift vom Bullauge mit den rotierenden T-Shirts hypnotisieren zu lassen. Die Atmosphäre ist wie erwartet anonym, aber trotz allem irgendwie kommunikativ.

Verwunderte Reaktion

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Neugierigen Fragen wird in diesen Örtlichkeiten fast ein wenig verwundert begegnet. „Was erwarten Sie denn?“, fragt Mia Ullmann den verdutzten Reporter im Waschsalon Eco-Express in Hochzoll-Nord. „Abgerissene Gestalten, die kein Dach über den Kopf haben? Sie werden alle sozialen Schichten finden, wenn Sie sich lange genug in Waschsalons aufhalten“, sagt sie.

Mia Ullmann kennt sich aus. Als sie in Freiburg studierte, war für sie der Waschsalon ein häufiger Treffpunkt. „Hier treffen sich immer wieder Leute, die aus Umbruchsituationen kommen“, sagt sie. Das könne eine beispielsweise Trennung sein. Vielleicht sei jemand auch zugezogen oder einfach fremd in der Stadt. „Der Waschsalon ist ein Ort für Gleichgesinnte, da spielt die soziale Schicht gar keine so große Rolle“, sagt Mia Ullmann.

In der Tat. Eine Frau mit kupferroten Haaren, die ihren Namen nicht verrät, stopft übergroße Decken in den geräumigen Automaten. „Die bekomme ich zu Hause nicht in meine Maschine“, erklärt sie. Wir wollten zu dem Waschsalon in der Wolfgangstraße, aber der werde gerade umgebaut. Ihr Mann, wie sich herausstellt ein Musikprofessor, hat sie nach Hochzoll gefahren. Während die Trommel der Waschmaschine mit ihren Decken schäumt und kreiselt, fallen beim Waschsalon-Smalltalk berühmte Musikernamen, deren Gebrauch in diesem Umfeld nicht erwartet wurde.

Der Kern von Rockmusik

Haydn, Bach, Lang-Lang, David Bowie, Mozart. Erwähnt wurde auch, dass es in den Texten der Rockmusik sehr häufig um das Thema Waschsalon geht, der im Englischen Laundromat genannt wird. Der Waschsalon scheint der perfekte Ort zu sein, für das, was die Rockmusik im Kern zum Inhalt hat: Wie finden Frau und Mann zueinander? „Du hast deinen Mann getroffen, Baby. Unten im örtlichen Waschsalon.“ „You been meetin’ your man, baby Down at the local laundromat“, singt der amerikanische Bluesmusiker Albert Collins im „Laundromat Blues“.

Der nächste Laundromat in Augsburg befindet sich im Universitätsviertel. In einer Wohnanlage des Studentenwerkes. Drei Maschinen, drei Trockner für 300 Studenten, eine Wäsche 1,50 Euro. „Fünfzig Prozent der Studenten nehmen ihre Wäsche aber mit nach Hause“, sagt Hausmeisterin Martina Luffi. Sie hat gerade ihre Sprechstunde, wie sie es nennt, als Student Niklas Mülstroh mit einem großen Beutel kommt. Zweimal die Woche nutzt er eigenen Angaben nach den „Uni-Waschsalon“. Er wird bald Richtung Innenstadt ziehen. „Mit Frau, Kind und – er hebt den Zeigefinger – mit Waschmaschine!“ „Demnächst kommen wohl zwei Waschautomaten dazu“, sagt Martina Luffi. Und das ist wohl gut so. Denn im Oktober werden 130 neue Studenten-Appartements bezogen.

Ortswechsel: „Wenn ich hier abends herkomme, dann fühle ich mich als Frau nicht mehr sicher. Nur Männer“, beklagt sich eine Frau. Sie will nichts sagen, steht aber in der Mitte des Salons und redet, während ihre Wäsche trocknet. Mit „hier“ meint sie den Waschsalon in der Wertachstraße in Oberhausen. „Ein Afrikaner wollte zwanzig Paar Schuhe waschen“, regt sie sich auf. „Nix Schuh’ wasch’“, habe sie ihn aufgeklärt. Dann gibt sie noch folgende Erlaubnis: „Dass man sich als Frau unsicher fühlt, können Sie ruhig schreiben und dass die kein Wort verstehen auch.“ Und weg ist sie.

Aus Thannhausen gekommen

Yu Zhon aus der Volksrepublik China versteht jedes Wort. „Ich wohne und arbeite in Thannhausen.“ Aber es gebe dort keinen Waschsalon. „Warum?“, fragt Yu Zhon. Dann lacht er herzhaft. „Sie meinen ich bin verrückt, weil ich wegen schmutziger Wäsche von Thannhausen nach Augsburg fahre? Nein, nein ich gehe hier ins Fitnessstudio und nehme meine Wäsche mit. Wir Chinesen sind doch praktisch.“

Warum gibt es keine Waschsalons in der Region? Laut einer Studie des Vereins Öko-Institut siedeln sich Waschsalons nur in Ballungszentren an. Circa 700 davon gibt es bundesweit. In Augsburg sind es vier öffentliche Waschsalons. Einer davon wird gerade modernisiert. Die Branche rechnet mit einem Waschsalon pro 100000 Einwohner. Somit steht Augsburg ganz gut da. „Durch den flexiblen Arbeitsmarkt, kleinere Wohnungen und mehr Single-Haushalte hat der Bedarf an Waschsalons zugenommen. Wir werden im Süden Augsburgs expandieren“, sagt Michael Jansen, Betreiber von Eco-Express in Augsburg. Wo genau, will er jedoch nicht verraten.

Arman Khan aus Dubai ist erst seit 15 Tagen beruflich in Augsburg. Er wohnt im Hotel. Sein Vater ist Pakistani und seine Mutter Amerikanerin aus Texas, erzählt er ungefragt. Arman Khan hat keine Berührungsängste. Bewundernswert. Seine Firma schickt ihn überall hin. Arman Khan handelt mit Unfallautos in Augsburg, die vor dem Verkauf in Mesquite/Texas oder in Dubai repariert werden.

Seine Tasche mit Schmutzwäsche ist übervoll. Er zählt 2,50 Euro in den Automaten und schon geht es rund. Ein Mann aus Rumänien flucht leise vor sich hin und erklärt auf Nachfrage, was ihn offensichtlich wurmt: „Wir dürfen in unserem Haus keine Arbeitskleidung waschen.“ Die Hausbesitzerin habe es verboten, nachdem jemand eine Schraube einem Kleidungstück vergaß, was wiederum die Maschine ruiniert hat. Er rollt seine Augen und wendet sich zum Gehen. „Kann ich meine Tasche hier liegen lassen, ich gehe einen Kaffee trinken?“, fragt er in die Runde. Klar. Er winkt noch allen freundlich zu. Was sang Rory Gallagher? „Wenn du vorbeikommen solltest, guck doch mal rein.“

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